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Wie feierten unsere Vorfahren die Feste im Dezember?

Koblenz Schon in alten Zeiten war der Dezember für die Menschen ein besonderer Monat - weil die Kälte für Herausforderungen sorgte, aber auch weil Weihnachten gefeiert wurde.

Wie das Leben im ausgehenden 16. Jahrhundert war, darüber gibt ein kostbares Hausbuch aus dem Altbestand der Koblenzer Stadtbibliothek Auskunft.

"December, quasi decimus Imber , der zehende Monat vom Martio, vom Christage der Christmonat genant / ist ein herber und kalter Monat / wie sich denn auch in diesem Monat der rechte Winter erst anhebet. In diesem Monat ist die beste Mastung des Viehes der kelt unnd ihrer beweglichkeit halben / Denn nu gehet erst die rechte kelt an / daher auch etliche diese zeit die kalte Hundestage nennen ..." Mit diesen Sätzen beginnen die Ausführungen im "Calendarium perpetuum", also im "Immerwährenden Kalender" im von Johannes Coler zwischen 1591 und 1601 verfassten Werk "Oeconomia rvralis et domestica. Das ist: Ein sehr Nützliches Allgemeines Hauß-Buch und kurtze Beschreibung vom Haußhalten". In einer 1646 in Mainz bei Nicolaus Heil gedruckten Ausgabe findet sich das Werk in dem an bibliophilen Schätzen reichen Altbestand der Stadtbibliothek Koblenz.

In echt barocker Manier beansprucht allein schon der ausführliche Titel der "Oeconomia" etliche Zeilen für sich. Wird in ihm doch alles aufgezählt, was für Coler zum "Haußhalten" gehört und was demzufolge in seinem Werk berücksichtigt wird: nämlich Acker-, Garten-, Blumen- und Feldbau, Wild- und Vogelfang, Jagd, Fischerei, Viehzucht, Holzfällung, "und sonsten von allem was zu Bestellung unnd Regierung eines wolbestellten Meyerhoffs ... nützlich und vonnöthen seyn möchte". Nicht zu vergessen die noch beigefügte "experimentalische Hauß-Apothecken" mit allerlei praktischen Tipps zur "Wundartzney-Kunst". Mit anderen Worten: ein wirklich umfassendes und höchst nützliches Buch in der Tradition der antiken "Hausväterliteratur".

Kein Wunder, dass der dickleibige , rund 1000 Seiten umfassende und mit anschaulichen Holzschnittillustrationen versehene Wälzer allein im 17. Jahrhundert 14 Auflagen erlebte. Ein Bestseller, der viele vergleichbare Hausbücher inspirierte, die sich allesamt an die "Hausväter" wandten. Die waren nicht nur für die praktische, sondern auch die sittliche Führung eines Haushalts zuständig.

Verfasst hatte das Werk Johannes Coler, der am 19. September 1566 in Güstrow als Sohn des streitbaren Theologen und Superintendenten Jakob Coler geboren wurde. Obgleich er als solcher "in der reinen lehr geboren und erzogen war", sprich im lutherischen Glauben, habe er sich, wie im "Thesaurus", einer Sammlung von Gutachten des Hamburger Geistlichen Georg Dedekenn zu konfessionstheologischen Streitfällen, zu lesen ist, "wißentlich zu (...) den Papisten gesellet" und sich vom Breslauer Bischof in die "sacros ordines" nach "artt und solennitet der Papisten" einweisen lassen.

Als Coler in seine Mecklenburger Heimat zurückkehrte, um ein Pfarramt in Doberan zu übernehmen, verursachte er damit ein echtes Problem: die Frage, ob er noch einmal examiniert und ordiniert werden müsse.

Die "Oeconomia" jedenfalls ist - unabhängig von der theologischen Kehrtwende Colers - in ihrer ganzen Anlage reinste lutherische Tugend- und Lebenslehre für den Hausgebrauch, aber auch für das gesellschaftliche Zusammenleben. Grundlage ist das eingangs zitierte "Calendarium", nicht umsonst auch als Erstes 1591 beziehungsweise 1606 in Wittenberg bei Christoph Axin veröffentlicht. Der Kalender, der den immer gleichen Ablauf des Jahres festhält, ist Bezugs- und Ordnungspunkt für alle praktischen und moralischen Ratschläge und Regeln für die Bereiche des Haushaltens, von ganz alltäglichen Arbeiten bis hin zu astromedizinischen Anweisungen.

Die Vielfalt der "Oeconomia" offenbart auch der Blick auf die mehr als 20 Seiten, die sich im "Calendarium" mit dem "Christmond", dem Dezember beschäftigen. Als Einstieg fungiert ein deftiger Reim: "Prassen will ich / und leben wol / Ein Sau ich itzund stechen sol. Darzu werd ich mich warm halten / Und hoff ich werde mit ehren alten." Es geht weiter mit Bauernregeln, abgeleitet unter anderem von klimatischen oder auch astronomischen Beobachtungen, mit konkreten Ratschlägen zur Gesundheit, zur Wintersaat und zur Rinderhaltung - auch die lieben Tiere sollen jetzt mit Futter besonders gut im möglichst warmen Stall traktiert werden.

Die Gesundheit erhalte man am besten dadurch, dass man den Leib "mit guten warmen Peltzen vor dem Frost und der Kelt" schütze und auf kalte Getränke und Aderlässe verzichte. Später werden diese Grundregeln noch ergänzt. Etwa mit Ratschlägen zur Ernährung, vor allem dann, wenn es einmal, wie in diesem Monat auch zu Colers Zeiten offenbar nicht eben selten, zu üppig wird. "Einen guten Trunck reinen weins" empfiehlt er besonders den "schwachen leut", wenn sie "harte und grobe Speise als Ochsenfleisch / Schweinefleisch/ Hirschenfleisch / Karpen und dergleichen ... gessen haben".

Spezielle Aufmerksamkeit erfahren die zwölf auf Lucia, auf den 13. Dezember folgenden Tage (der 13. Dezember war bis zur Gregorianischen Kalenderreform der kürzeste Tag des Jahres), denen einige "mathematicis" besondere Bedeutung zuschreiben. Coler hält sich allerdings an die christliche Tradition und an die zwölf Weihnachtstage vom 25. Dezember bis zum 6. Januar, denen eine prophetische Aussagekraft auf Kommendes zugeschrieben wird - mögen dies Ernten, Seuchen oder politische Entwicklungen sein.

Entsprechend gibt"s für jeden Tag einen Reim. Für den Christtag, den 25. Dezember, heißt es: "Scheinet die sonne volkoemlich und klar / So bedeuts uns ein froelich Jahr."

Sonne am 27. Dezember, verheißt dagegen besonders für die "Pfaffen" wenig Erfreuliches: "Scheint die Sonn am dritten Tag / So fuehren die Bischoffe grosse klag / Und die Praelaten sollen kriegen / Die Muenche manchen Mann betriegen / Es wird Irrung unter den Pfaffen / Sie werden bestehen wie die Affen / Ich hoffe es wird bald end nehmen / Und sie sich selbst müssen schemen."

Vom Kritischen kehrt Coler später zum Praktischen zurück, erwähnt das Backen im Dezember, bei dem es allerdings nicht um Plätzchen, sondern um Brot geht: "In dem Monat pflegen etliche vleißige Hauswirth viel Brods zu backen / etliche hitzen oder gebecke nach einander. Denn daz brodt so diese zeit gebacken wird / weret bis umb Pfingsten hinaus / unnd ist im Hause sehr nützlich / denn es treuget wol aus / unnd settiget sehr."

Wer sich nicht mit trockenem Brot begnügen will, findet im dritten Teil der "Oeconomia" im Buch "Vom Kochen / Ars Magirica genandt" auch zahlreiche Rezepte für Delikateres. Sein aus den Erfahrungen zahlreicher Wanderungen zusammengetragenes Kochbuch, so der Verfasser, möge nicht krummgenommen werden von allen Köchen, Köchinnen und Hausmüttern. Aber die Kochkunst habe eine so große Blüte erreicht, "das es schier unmuiglich (sei) einem Menschen alles zu begreiffen und zu behalten / geschweige denn rechtschaffen zu gebrauchen und zu uben". (Lieselotte Sauer-Kaulbach)

Das Original findet sich unter der Signatur Fo 885 in der Stadtbibliothek; die virtuelle Version online unter www.daten.digitale-sammlungen.de.

RZO