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Literatur

Berlin feiert Nobelpreisträgerin Herta Müller

Berlin Die Berliner Literaturszene hat am Freitagabend ein Fest für die heimgekehrte Nobelpreisträgerin Herta Müller gefeiert. Das Haus der Berliner Festspiele war ausverkauft, das Gedränge groß.

Es war ein Abend ohne schwulstige Laudatio, aber dafür mit Humor, Herzenswärme und stillen Momenten. Müller, die keinen Rummel mag, saß in der ersten Reihe. Auf der Bühne trug sie Gedichte vor und erinnerte an die blutigen Unruhen in ihrer rumänischen Heimat im Dezember 1989. Vor gut einer Woche war Müller («Herztier», «Die Atemschaukel») der Literaturnobelpreis in Stockholm überreicht worden.

Das «Fest für Herta» begann mit Akkordeonmusik und launig. Verleger Michael Krüger schilderte, welche Nöte er beim Tragen seines Leih-Fracks durchstand und wie er die Autorin beim Festakt in Schweden erlebte. «Hoffentlich kauft sie ein Kleid, das sie einfach über den Kopf zieht und fertig. Hoffentlich dreht sie nach all der Aufregung und den Interviews nicht durch», habe er gedacht. Krüger beobachtete dann erleichtert und gerührt, wie Müller vor dem Königspaar «unter den Klängen eigenartiger Musik bella figura machte». Seine Bilanz: «Sie war die unangefochtene Heldin auf der Bühne des Konzerthauses.»

Schauspieler Albert Kitzl trug frühe Prosa vor, die die komische Ader der Autorin zeigt, aber in ihrer alten Heimat auch heftige Kritik erntete. Kitzl, einer der Überraschungsgäste des Abends, kommt aus der gleichen Region wie Müller. Die Schriftstellerin wurde im lange Zeit deutschsprachigen Banat geboren und floh 1987 vor dem Ceausescu-Regime und der Geheimpolizei nach West-Berlin.

Still wurde es, als Schauspieler Ulrich Matthes aus dem Roman «Die Atemschaukel» las, der an die Deportationsgeschichte von Müllers 2006 gestorbenen Schriftstellerfreund Oskar Pastior angelehnt ist. «Wenn ein Ulrich Matthes das liest - das hat was», schwärmte ein Besucher anschließend.

Andrei Plesu, ehemaliger Kulturminister Rumäniens, lobte Müllers unbequeme Seiten. «Sie kennt die Sprache der verlogenen Höflichkeit nicht», sagte er. «Sie ist höchst liebenswert und irritierend zugleich.» Müller liefere das perfekte Beispiel dafür, was er «wilde Wahrheit» nenne.

Müller (56), sehr zierlich und wie immer ganz in Schwarz, präsentierte Kollagen, in denen sie Zeitungsausschnitte zu Gedichten zusammensetzt. Im Gedenken an die Unruhen in Temeschwar, die vor 20 Jahren begannen, trug sie sichtlich bewegt einen Text auf Rumänisch vor. Beim Schlussapplaus blieb die Autorin mit den Gästen am Bühnenrand stehen und bedankte sich lächelnd. Das Fest, das von den Literatur-Einrichtungen der Stadt gemeinsam ausgerichtet wurde, schien ihr gefallen zu haben. Aber sie wirkte doch froh, als sie von der Bühne gehen konnte. Von Caroline Bock, dpa

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