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Konstruktion aus Mülheim: Kessel kämpft mit Volldampf um Sekunden

Mülheim/Mosel Viele Industriebetriebe, etwa die Hersteller von Pappe, brauchen für ihre Produktion Dampfkesselanlagen.

Eine besondere Anlage - "made at Mosel" - wird in England einen besonderen Zweck erfüllen.

Im gerade mal rund 1000 Einwohner zählenden Moselort Mülheim (Kreis Bernkastel-Wittlich) wartet derzeit die von den Dimensionen her größte mobile Dampfanlage der Welt darauf, nach England gebracht zu werden. In der Stadt Newport soll sie das größte Gas-und-Dampf-Kombikraftwerk des Landes in Schwung bringen, das eine Leistung von 825 Megawatt hat.

Was da in der Halle des Mülheimer Rohr- und Anlagenbauers HSK steht, sieht aus wie zwei große Wohncontainer. Im größeren von beiden steht allerdings kein kleines Heizöfchen für die kalten Tage, sondern ein Brenner mit riesigem Kessel und nicht minder großer Leistung: 10,5 Megawatt. Gebraucht wird er, um Dampf zu erzeugen, erläutert Maschinenbauingenieur Michael Demuth. "Damit können wir die Turbinen des Kraftwerks in England anstupsen, damit die in Schwung kommen." So funktioniert fix, was im Normalfall Stunden dauern würde.

HSK-Betriebsleiter Ramon Gessinger sagt: "Diese Anlage ist quasi der Turboanlasser für das Kraftwerk in Newport." Von "Turbo" darf man in dem Fall wahrlich rede, angesichts der Brennerleistung. Pro Stunde erzeugt er 10 500 Kilowattstunden Energie. Zum Vergleich: An elektrischer Energie, also Strom, verbraucht ein Vier-Personen-Haushalt im Schnitt 4500 Kilowattstunden - pro Jahr. "Turbo" ist im Falle des englischen Gas-und-Dampf- Kraftwerks allerdings auch gefragt. Es handelt sich nämlich um ein sogenanntes Spitzenkraftwerk. Dieses Kraftwerk wird nur angeworfen, um Stromverbrauchsspitzen zu bestimmten Tageszeiten auszugleichen. Die sind vor allem mittags und abends. "Und der Anbieter, dessen Kraftwerk am schnellsten am Netz ist, bekommt das meiste Geld", erläutert Demuth. Es geht also um Sekunden.

Funktioniert die Dampfanlage aus Mühlheim wie geplant, spült sie dem Kraftwerksbetreiber eine Menge Kohle in die Kassen. Eine Besonderheit der Konstruktion: Das Kraftpaket, das in den beiden Containern untergebracht ist, kann dank Modulbauweise verhältnismäßig schnell auf- und abgebaut werden und ist im Prinzip an jedem Kraftwerk der Welt einsetzbar. Von außen führt eine genormte gelbe Rohrleitung für Gas in den großen Container, blaue Rohre, ebenfalls von Normdurchmesser, leiten Wasser hinein und Dampf hinaus.

So wollte es der Auftraggeber , ein weltweit arbeitendes deutsches Industrieunternehmen. Ingenieur Demuth: "Allein die Ausschreibung für dieses Projekt umfasste 800 Seiten - auf Englisch." Inhalt waren viele Vorgaben: Grenzwerte für Schall- und Schadstoffemissionen mussten eingehalten werden. Nun dringt nicht mehr Lärm nach außen als bei einem Auto. Sogar erdbebensicher musste die Anlage sein: "70 Prozent aller weltweit denkbaren Anwendungsfälle sollten wir abdecken", sagt Demuth. Trotzdem sollte die Anlage mobil bleiben.

Fast ein Jahr lang planten Techniker und Ingenieure den Bau der Dampfanlage. Die Bauzeit selbst dagegen betrug nur zwei Monate. In der Halle wurde viel Stahl und Edelstahl verbaut. Alles steht auf Schwerlastrollen und Schienen, damit es aus dem Tor der Halle hinausgezogen werden kann. Zuvor werden die Container voneinander getrennt, Aufbauten entfernt. Demuth: "Zwei Lkw brauchen wir für Kleinteile."

Die Container selbst hebt ein 250-Tonnen-Kran mit Kontergewicht am 7. Januar auf die Schwerlasttransporter, dann geht die Reise von Mülheim nach Calais, von dort nach Dover. Am 12. Januar soll alles in Newport eintreffen, wo die Mülheimer Dampfanlage installiert wird. Zwar hat das Unternehmen von der Mosel schon mehrere mobile Dampfanlagen erfolgreich installiert, aber noch keine von dieser Größe. Außerdem ist es der erste Arbeitsnachweis für diesen Auftraggeber. Wenn alles glattgeht, heißt es für HSK wohl auch in Zukunft "Volldampf voraus". (David Ditzer)

RZO