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Einmalig in Rheinland-Pfalz: Operation am schlagenden Herzen gelingt

Koblenz Operation am offenen Herzen: Bislang stand dieser Begriff für einen besonders komplizierten chirurgischen Eingriff.

Einem Spezialistenteam am Bundeswehrzentralkrankenhaus in Koblenz ist jetzt eine Operation am schlagenden Herzen gelungen. Einmalig in Rheinland-Pfalz und überaus schonend für den Patienten.

Die Schwiegertochter von Willi Sankowski rieb sich wohl die Augen, als sie den 83-Jährigen im Bundeswehrzentralkrankenhaus in Koblenz besuchte. Der rüstige Rentner aus dem Lahnsteiner Stadtteil Friedrichssegen spazierte munter durch die Gänge des Klinikums - wenige Tage nach einer aufwendigen Herzoperation.

Willi Sankowski ist nicht irgendein Patient: In seinem Herzen arbeitet eine künstliche Klappe, die Spezialisten der Klinik erstmals in Rheinland-Pfalz über die Herzspitze eingepflanzt haben. Nur eine kleine Naht unter seiner linken Brust erinnert an den etwa zweistündigen Eingriff. Bei Patienten, die nach der herkömmlichen Art am Herz operiert wurden, ist meist eine lange Narbe auf der Brust zu sehen. Der Grund: Bei ihnen sägen die Ärzte das Brustbein auf, um eine Herzklappe einzusetzen. Für die Dauer der Operation am offenen Herzen übernimmt eine Herz-Lungen-Maschine die Funktionen des Organs.

Nicht so bei Willi Sankowski: Sein Herz schlug aus eigener Kraft weiter, als das Team um den Herzchirurgen Dr. Osman Ashraf, die Kardiologen Professor Dr. Christof Bickel und Dr. Jörg Jöckel sowie die Anästhesistin Dr. Ulrike Happel die kleine Herzklappe mithilfe eines Katheters in seine 83 Jahre alten Adern einführte. Bei dem Rentner aus Lahnstein gab es keine andere Möglichkeit. Denn für die Ärzte ist Willi Sankowski ein Risikopatient. "Multimorbid" heißt das im Medizinerdeutsch. Will heißen: Der 83-Jährige hatte nicht nur eine verkalkte Herzklappe, die sein Blut nur noch mit viel Kraft bewegen konnte. Er hatte auch eine Lungenerkrankung und verengte Herzkranzgefäße.

Bei solchen meist über 75 Jahre alten Patienten, weiß Herzchirurg Ashraf, birgt die konventionelle OP mit Anschluss an die Herz-Lungen-Maschine große Risiken. Der große Schnitt auf dem Brustbein ist anfällig für Entzündungen. Und auf das Maschinenherz reagiert der Körper gern allergisch - auch hier sind oft Entzündungen die Folge.

Also entschlossen sich der Leiter der Herzchirurgie, Professor Dr. Christian Weinhold, und Chefkardiologe Dr. Bernd Henkel, zu der in Rheinland-Pfalz einmaligen Operation. Einen vergleichbaren Fall gab es laut Herzchirurg Ashraf bisher nur am Uniklinikum Mainz. Dort wurde der Katheter aber über die Leiste eingeführt.

Ashraf beschreibt die Operation in Koblenz - natürlich mit laienhaften Worten - so: Zunächst führen die Spezialisten einen Ballonkatheter ein, der in Höhe der alten, verkalkten Herzklappe aufgeblasen wird. Die Folge: Die alte Klappe öffnet sich. Dann wird ein zweiter Ballonkatheter eingeführt, über den die neue, künstliche Herzklappe zusammengefaltet gestülpt ist. Dann sind Maßarbeit und richtiges Timing entscheidend: Wenn sich der aufgeblasene Ballonkatheter auf der Höhe der alten Herzklappe befindet, gibt Ashraf das Signal. Der Kollege lässt die Luft raus, und idealerweise verankert sich das kleine Drahtgestell in dem Kalk der alten Klappe. In Koblenz hat es ideal geklappt. Will heißen: Dass Willi Sankowskis Adern verkalkt sind, haben die Koblenzer Spezialisten sogar zu nutzen gewusst. Bei der herkömmlichen Methode schneiden die Chirurgen die verkalkte Herzklappe heraus.

Schon im Januar kommt der nächste Herzklappen-Patient im Bundeswehrzentralkrankenhaus unters Messer. Die Wahrscheinlichkeit, dass auch er die Operation, die künftig voll von den Krankenkassen bezahlt wird, gut übersteht, liegt im Schnitt bei mehr als 90 Prozent.

Willi Sankowski wird sich Anfang Januar in der Reha von der Operation weiter erholen. Ein wenig traurig ist er schon, dass er wohl auch am Weihnachtsfest in der Klinik bleiben muss. Vom Christkind wünscht er sich nur eines: "Ich möchte wieder nach Hause." Eine Träne mischt sich in diesen Satz - es ist wohl auch eine Glücksträne.

Christian Kunst

RZO