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Doping-Serie Teil 6

Das 15-Milliarden-Euro-Geschäft mit Dopingmitteln

Von Volker Boch

Die Geschichte ist drei Jahre alt, aber sie ist beeindruckend. Im Institut für Biochemie an der Sporthochschule in Köln erzählt Hans Geyer von seiner täglichen Arbeit. Er berichtet, wie täglich Dopingproben aus aller Welt kontrolliert werden. Von Boxern aus Kuba und Ringern aus Griechenland, von Skiläufern aus Finnland und Radfahrern aus England - das ist Routine geworden. Geyer und seine Kollegen Wilhelm Schänzer sowie Mario Thevis berichten immer wieder davon, wie sie dem Sportbetrug mit Massenspektrometern und Gaschromatografen auf die Spur kommen.

An diesem Nachmittag im Sommer 2006 hält Geyer während der Führung durch die Laborräume auch einen großen durchsichtigen Müllsack in die Höhe. "Den hat die Kripo heute Morgen gebracht." Ein Sack voller Medikamenten-Packungen, mehr als 50 Präparate. "Aus der Privatwohnung eines Hobbysportlers", erklärt Geyer. "Wir schauen mal nach, um welche Substanzen es sich dabei handelt, damit die Staatsanwaltschaft ermitteln kann."

Für die Dopingfahnder in Köln sind solche Beutel Routine. "Eine übliche Menge", sagt Geyer, "solche Sammlungen sind gängige Praxis." Der Handel mit Dopingmitteln ist schwungvoll, denn der düstere Markt für Aufputscher, Steroide & Co. bietet maximale Gewinnmargen. Während die deutsche Anti-Doping-Arbeit inklusive Bundesmittel, Spenden und vieler Sponsorengelder laut Experten jährlich mit vier bis fünf Millionen Euro gefördert wird, fließt ein Hundertfaches davon in den illegalen Handel.

Wo fängt Doping an? Streng genommen kann bereits bei manchen Nahrungsergänzungsmitteln von Doping gesprochen werden. "Im Alter von 13 und 14 Jahren ist das ein zentrales Thema", sagt Dominic Müser von der Abteilung Prävention der Anti-Doping-Agentur Nada. Vitamin, Protein, Kreatin, L-Carnitin und andere Wirkstoffe sind in vielen deutschen Haushalten Teil des Inventars im Küchenschrank. Medikamente gehören aber ebenso zum täglichen Bedarf, und das bereits im schulpflichtigen Alter: An den Tagen wichtiger Schulprüfungen werden zur Steigerung der Konzentrationsfähigkeit Koffeintabletten oder Ephedrin in den Ranzen gepackt. Auch Schlafmittel werden zur Routine von Teenagern. Wer über den Dopingmarkt spricht, muss sich nicht nur mit "harten" Drogen wie Steroiden, Wachstumshormonen oder EPO beschäftigen.

Wo fängt der Dopingmarkt an? Um bei den Nahrungsergänzungsmitteln zu bleiben, so vermittelt eine Studie der Sporthochschule Köln aus dem Jahr 2002 einen Eindruck davon, wie problematisch das Thema ist: 2002 stellten die Kölner Forscher fest, dass rund 15 Prozent der Nahrungsergänzer verunreinigt sind. Der Heidelberger Anti-Doping-Streiter Werner Franke spricht im Zusammenhang mit Nahrungsergänzungsmitteln gern von den "Waschküchen in den USA", in denen beispielsweise erst Testosteron hergestellt wird und anschließend ein Vitaminpräparat. So kann auch ungewollt ein Dopingmittel entstehen, weil das produzierte Vitamin Spuren von Testosteron enthalten kann.

Bieten Apotheken Sicherheit? Es gibt die sogenannte Kölner Liste mit Präparaten, die als "dopingfrei" gelten können, weil sie von den Herstellern auf Dopingsubstanzen hin geprüft wurden. Viele davon sind in Apotheken erhältlich. Für die meisten in deutschen Apotheken angebotenen Nahrungsergänzungsmittel gilt, dass sie unbedenklich sind. Was an Dopingsubstanzen aus Apotheken in die Körper gesunder Menschen fließt, bedarf eher eines ärztlichen Rezepts. Im Oktober dieses Jahres wurden vom Koblenzer Landgericht ein Apotheker sowie ein prominenter Bodybuilder und ehemaliger Fitnessstudio-Betreiber wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz respektive Betrug und Urkundenfälschung verurteilt. Es waren 27 gefälschte Rezepte bei diversen Krankenkassen eingereicht worden. Der Schaden der Kassen betrug mehr als 200 000 Euro.

Welche Rolle spielt der Schwarzmarkt? Der Schwarzmarkt blüht. Der italienische Wissenschaftler und frühere Leichtathletik-Trainer Alessandro Donati veröffentlichte im Vorjahr eine Recherche zum weltweiten Dopinghandel. Im Auftrag der Welt-Anti-Doping-Agentur recherchierte der 61-Jährige, dass jährlich 15 Milliarden Euro mit Doping umgesetzt werden - nur unwesentlich weniger, als der weltgrößte Sportartikel-Hersteller Nike jährlich umsetzt. Zahlen der US-Drogenbehörde DEA legen nahe, dass wohl 700 Tonnen anabole Steroide, 70 Tonnen sowie 34 Millionen Ampullen EPO und Wachstumshormon jährlich weltweit gehandelt werden. Die Mengen würden genügen, um etwa 19 Millionen Schwerkranke zu behandeln.

Wie hat sich der Handel entwickelt? Donati, der in Italien als Dopingjäger den berüchtigten Dottore Francesco Conconi auffliegen ließ, berichtet in dem 109 Seiten starken Report von den Anfängen, von Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg mit Steroiden aufgepeitscht wurden, und Kampfpiloten, die Ampheta-mine schlucken. Von der Kontrolle, welche die italienisch-amerikanische Mafia über das illegale Handelsnetz in den 1970ern gewann. Und von der Gegenwart, in der Drogen und Dopingmittel gemeinsam im Schwarzmarkt um die Welt fließen; über China, Indien, Thailand, Russland, Griechenland und Zypern.

Wer kontrolliert den Markt? Seit 1995 sollen asiatische und russische Kräfte den Markt kontrollieren - damit sanken auch die Preise deutlich. Obwohl die Wege gleich sind und die Folgen verheerend, kritisiert Donati, dass Dopingmittel im Drogenreport der UN fehlen. Bereits 1993 hatte die US-Drogenbehörde laut Donati Kenntnis von illegalen Dopingströmen, welche die USA berührten. Seit der Besitz von anabolen Steroiden 1991 in den USA verboten wurde, sind Hunderte Verfahren und Durchsuchungen eingeleitet worden.

Schon 1992 soll ein Ex-KGB-Agent versucht haben, die Formel von EPO auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen. Apropos EPO: Obwohl das Präparat sehr teuer ist und nur von Schwerstkranken gebraucht wird, gehört es zu den Medikamenten mit der höchsten Herstellungsrate. 1999 wurde in Nikosia auf Zypern der Diebstahl von 4,65 Millionen Ampullen EPO bekannt. Die Menge hätte genügt, um alle EPO-Patienten Europas ein Jahr lang zu behandeln.

Da EPO gekühlt werden muss und nicht allzu lange gelagert werden kann, blieb die Frage unbeantwortet, wer in kurzer Zeit einen so hohen Bedarf an dem Medikament haben konnte. Ähnliche Diebstähle in großem Stil soll es vor den Olympischen Spielen 2000 in Australien und den Winterspielen 2002 in den USA gegeben haben.

Welche Gefahren drohen aus dem Schwarzmarkt? Problematisch wird es, wenn die Kunden im Internet bestellte Präparate erhalten, wie sie Telekom-Radprofi Rolf Aldag im Jahr 2002 bekam. In einem Geständnis im Mai 2007 beschrieb Aldag, wie er EPO aus China importierte. Es kam nach einer Internet-Order ein Paket mit Ampullen, "dazu Klebezettel, wo Kerben markiert waren, wo erklärt war, eine Kerbe sind 500 Einheiten EPO, zwei Kerben sind 10 000 Einheiten EPO". Er ließ die Ampullen liegen. "Da war für mich klar, das ist lebensbedrohlich, was du machst."

Wird Dopinghandel staatlich unterstützt? Weltweit werden Jahr für Jahr Tonnen Dopingmittel sichergestellt, regelmäßig werden Polizisten auffällig, die in den Handel involviert sind. Aber es sind nicht nur die "schwarzen" Mittel, die in den Markt wabern. Wie die Moskauer Zeitung "Pravda" im November 2004 schrieb, soll die russische Mafia die Pharma-Konzerne des Landes kontrollieren. Im selben Artikel war die Rede davon, dass Roman Abramowitsch, Besitzer des FC Chelsea, in kurzer Zeit eine Reihe großer Pharma-Unternehmen sowie ein Netzwerk an Apotheken aufgekauft hat. Er war damals Gouverneur der Region Tschukotka.

Kontrolliert China den Markt? So wie sich das russische Wirtschaftssystem nach dem Zusammenbruch des "alten" Europas änderte, öffnen sich derzeit indische und asiatische Märkte. Vor allem bezüglich China befürchten die Fahnder enorme Auswüchse an Kriminalität. Zumal es für die Produzenten von illegalen Mitteln in China einen Standortvorteil gibt: Wer nach China einreisen will, um illegale Machenschaften aufzudecken, könnte bereits mit dem Visum Probleme bekommen. Nicht umsonst hat der frühere Wada-Chef Dick Pound beim Besuch in Peking vor den Olympischen Spielen Regierungsorgane auf das Problem dieses prosperierenden Wirtschaftszweigs hingewiesen. Neben China ist vor allem Thailand auf dem Fahndungs-Radar, seit zuletzt immer wieder einschlägige Lieferungen nach Europa abgefangen wurden. Donati beschreibt sieben Routen, wie Doping über den Globus wandert.

Was bringt die Zukunft? Verändert hat den Markt vor allem die rasante Entwicklung im IT-Bereich. Experten gehen davon aus, dass mit der Jahrtausendwende die Computerentwicklung den illegalen Handel enorm beflügelt hat. Internet-Testkäufe von chinesischen Mitteln haben in Labortests oftmals pure Reinheit bewiesen. Hohe Qualität wird künftig zu immer günstigeren Preisen erhältlich sein.

RZO

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