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Dopingserie Teil 7

Wer will die heilige Fußball-Kuh schon schlachten?

Von Volker Boch

Es ist eine alte Stammtisch-parole, aber sie ist nicht aus der Welt zu schaffen. Sie lautet: Doping bringt im Fußball nichts. Es gibt Menschen, die fangen nach diesem Satz an zu lachen. Andere erzählen vom Sommer 1998, als sich Zdenek Zeman, der Trainer des AS Rom, in Italien zur persona non grata machte. In Italien ist Fußball heilig wie eine Madonna, nach seriösen Erhebungen sind gut 20 Prozent aller Italiener - also zwölf Millionen Menschen - Anhänger von Juventus Turin. Zeman sprach damals folgenden Verdacht aus: Juves Spieler seien systematisch gedopt.

Es ging bei diesem Vorwurf um die erfolgreichsten Jahre von Juve zwischen 1994 und 1998, als eine Sammlung von Stars in Turin spielten: Alessandro del Piero, Zinedine Zidane, Gianluca Vialli, Fabrizio Ravanelli, Didier Des-champs, Edgar Davids.

Zeman erklärte unter anderem, dass der Muskelzuwachs von Superstar del Piero "nicht natürlich" sein könne. Der Trainer forderte: "Wir müssen die Pharmazie aus dem Fußball jagen." Es ging ihm ganz allgemein um die Zukunft des Calcio, der nicht im Drama enden sollte wie die Tour de France. Der Radsport drohte damals gerade im Festina-Skandal unterzugehen.

Mithilfe von EPO soll Juve in den betreffenden Jahren die Champions League, die wichtigsten italienischen Titel sowie den Weltpokal gewonnen haben. Sportlich war Juventus Turin damals das Maß der Dinge und von 1996 bis 1998 Dauergast im Champions-League-Finale. Kreatin - eine bislang erlaubte Substanz zur Leistungssteigerung aus der umstrittenen Grauzone zwischen Substitution und Doping - sowie EPO sollen bei der "alten Dame" in Massen eingesetzt worden sein. Zemans Anklage war für die fußballgläubigen Italiener so schmuddelig wie der Diebstahl von Heiligenbildchen. Es ging um EPO, den Dopingtrendsetter der 90er-Jahre. Eine Bombe platzte, die "Gazzetta dello Sport" sollte Jahre später von der "Mutter aller Dopingschlachten" sprechen.

Der Turiner Staatsanwalt Raffaele Guariniello - der auch ein Verfahren gegen Radstar Marco Pantani geleitet hatte und selbst Juve-Fan ist - nahm sich 1999 der Sache an, bis zu einem Urteilsspruch sollte es sechs Jahre dauern. Allein der nach vielen Monaten Ermittlungen begonnene Prozess gegen den Juve-Arzt Riccardo Agricola und Geschäftsführer Antonio Giraudo dauerte drei Jahre und 39 Verhandlungstage.

Es zeigte sich, dass es äußerst aufwändig ist, den Fußball aus der Schattenwelt ans Licht zu holen. Es gab im Zusammenhang mit diesem Skandal offenbar erhebliche Schlampereien in renommierten italienischen Dopinglabors. Wäre nicht in Italien im Jahr 2000 ein scharfes Dopinggesetz verabschiedet worden, wäre Juve nie vor Gericht gekommen, da es keine positiven Proben gab. Dann hätte auch Zinedine Zidane niemals im Prozess erklärt, dass er Juve wegen des enormen Einsatzes von Kreatin in Richtung Real Madrid verlassen habe.

Ohne dieses Gesetz hätte vermutlich auch Louis van Gaal niemals den Champions-League-Titel einfordern dürfen: 1996 hatte der heutige Bayern-Coach mit Ajax Amsterdam das Finale 0:1 gegen Juve (trainiert von Marcello Lippi) verloren. Als Juve Jahre später unter Anklage stand, reklamierte van Gaal den Titel von 1996 für Ajax.

2004 erhielt Teamarzt Agricola eine erstinstanzliche Gefängnisstrafe von einem Jahr und zehn Monaten. Es war ein strammer Richterspruch, der Italiens Fußball und die darin verwickelte hohe Politik aufrüttelte. In zweiter Instanz wurde das Urteil in der Sache zwar bestätigt, aber die Strafe gegen Agricola wegen Verjährung aufgehoben. Dass bei Juventus Turin offenbar systematisch gedopt wurde, dies wurde im Verfahren nicht mehr weiter diskutiert.

Der Skandal um Juventus hat wenig bewegt, in den unteren Ligen wird nach wie vor in Sachen Doping eher weggeschaut. In Deutschland läuft die Anti-Doping-Arbeit zwar insgesamt vorbildlich, aber es wird erst ab der Zweiten Bundesliga aufwärts regelmäßig getestet. Blutkontrollen fehlen, Trainingskontrollen in der Bundesliga sollen mitunter ablaufen wie eine Lotterie. Weil die Teams mannschaftsweise bei der Nationalen Anti-Doping-Agentur gemeldet werden und nicht jeder Akteur einzeln eine Nachweispflicht für seinen Aufenthalt hat, werden beispielsweise Spieler, die sich in Reha-Maßnahmen befinden, nur selten getestet.

Bis heute steht die Behauptung im Raum , dass im Fußball wenig gedopt würde. Dabei fällt es zusehends schwerer, folgende Fragen zu beantworten: Weshalb sind die Spiele heute durchweg deutlich schneller? Warum sind die Wegstrecken der Akteure viel länger? Wieso sind die Heilungsphasen bei Verletzungen wesentlich kürzer als vor wenigen Jahren?

Allein die Nandrolon-Fälle der lauffreudigen und bienenfleißigen Stars Edgar Davids, Jaap Stam, Frank de Boer, Pep Guardiola oder auch Fernando Couto belegten in der jüngeren Vergangenheit, dass Anabolika kein Fremdwort ist im kickenden Geschäft.

Als Toni Schumacher 1987 sein Buch "Anpfiff" vorstellte und darin den massiven Einsatz von Aufputschmitteln beschrieb, wurde der einstige Torwartheld fortan als Nestbeschmutzer geschmäht. Der Ausschluss aus der Nationalmannschaft war das eine, die Verleugnung durch Wegbegleiter das andere. Dabei hatte schon Franz Beckenbauer Ende 1977 offen im Magazin "Stern" erklärt, dass in der Bundesliga alles erlaubt sei, was die Spieler zu Höchstleistungen trieb. Schon 1954 soll Gerüchten zufolge nicht Traubenzucker, sondern das Aufputschmittel "Pervitin" die Herberger-Elf zum WM-Triumph geführt haben.

1988 wurden im deutschen erstmals Fußball Kontrollen durchgeführt. Als die Sprinterin Kathrin Krabbe 1992 dann mit Clenbuterol aufflog, soll das Kälbermastmittel in der Bundesliga noch sehr gängig gewesen sein. 1994 sagte der damalige Vizepräsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Gerhard Mayer-Vorfelder, dem Magazin "Focus": "Ich habe immer die Auffassung vertreten, dass bei Langzeitverletzten, die kein Training absolvieren, auch anabole Präparate eingesetzt werden können - wenn der behandelnde Arzt es verordnet."

Als vor zwei Jahren Peter Neururer die "alte Pille" Captagon öffentlich neu auspackte und erklärte, dass der Aufputscher in den 70er- und 80er-Jahren Standard war, wurde er wüst beschimpft. Neururer, der alte Wichtigtuer. Bekannt war dies jedoch lange zuvor.

Laut Stasi-Akten wurden Amphetamine beispielsweise im Ost-Fußball dazu benutzt, um eine höhere Aggressivität zu provozieren. Mit der Wende wanderte das Ost-Know-How in den West-Fußball, besonders im Amateurbereich.

Doping und Fußball, das passt auch deshalb zusammen, weil es nirgendwo sonst im Sport um so viel Geld geht wie auf dem Rasen, der die Welt bedeutet. Die Affäre um einen verpassten Dopingtest beim Bundesligisten Hoffenheim ging im Frühsommer 2009 aus wie das Hornberger Schießen, weil die Schuld weg von den Spielern auf den Physiotherapeuten des Klubs "umgeschichtet" wurde.

Der DFB wertete den Fall Hoffenheim als "klares Sig-nal, dass Doping im Fußball keine Chance hat". So formulierte es DFB-Vizepräsident Rainer Koch. Diese Vorstellung ist wohl nicht viel mehr als ein kühner Wunsch.

Abschließend soll nur kurz der Fuentes-Skandal gestreift werden. Der Madrider Dopingarzt Eufemiano Fuentes soll im Rahmen der Ermittlungen einmal gefragt haben: "Wo sind meine Fußballer?" Von den rund 200 Sportlern, die der Gynäkologe mit Dopingmitteln versorgt haben soll, wurden lediglich 59 Radfahrer bekannt.

Die renommierte französische Zeitung "Le Monde" veröffentlichte im vergangenen Jahr, dass die spanischen Topklubs FC Barcelona, Real Madrid, Betis Sevilla und FC Valencia in den Skandal verwickelt gewesen sein sollen. Daraufhin klagte Barça auf Schadenersatz und erhielt erstinstanzlich Recht. "Le Monde" berief sich auf ein persönliches Gespräch mit Fuentes, in welchem er Unterlagen mit Spielernamen und eine Art Dopingkalender vorgelegt haben soll. Der Bericht von "Le Monde" passte zu einem Gerücht: Ein ranghoher spanischer Minister soll mit dem Präsidenten einer dieser Klubs so gut befreundet sein, dass die Fuentes-Kicker nie bekannt wurden.

RZO

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