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Dopingserie Teil 8

Amateure lernen das Lügen von den Profis

Von Volker Boch

Mit dem Doping ist es wie mit der Schwarzarbeit, der Steuerhinterziehung und dem Fremdgehen. Jeder kennt jemanden, der von jemand gehört hat, der das schon mal gemacht haben soll. Dass Leistungsmanipulation nicht immer etwas mit Profisport zu tun hat, zeigt sich jeden Tag aufs Neue: Doping ist Alltag in deutschen Haushalten.

"Das Problem des Medikamentenmissbrauchs ist stark verbreitet", sagt Gerhard Treutlein, Professor für Päda-gogik. Seit Jahrzehnten beschäftigt sich der Heidelberger mit der aufgeputschten deutschen Gesellschaft, er hat nach dem Ende seiner Zeit als Professor in seiner Heimatstadt das Zentrum für Dopingprävention eröffnet. "Das gesellschaftliche Problem sind gar nicht so sehr die harten Dopingmittel", sagt Treutlein.

Eine überaus breite Palette

Nahrungsergänzungsmittel, Wachmacher , Beruhigungsmittel, Schmerzmedikamente - dies alles gehört für viele Mitmenschen heute zur Grundversorgung dazu. Bereits die Werbung suggeriert, dass sich Kinder besser konzentrieren können, wenn sie das Mittel "XY" einnehmen. Es gibt zwar keine Garantie für fehlerfreie Hausaufgaben und ein besseres Zeugnis, aber das Marketing funktioniert.

Ein Schüler muss heute nicht erst die Oberstufe im Gymnasium erreichen, bis er trotz bester Gesundheit ersten Kontakt mit Medikamenten hat. "Sportstudenten, die vier Voltaren einschmeißen, gibt es genügend", sagt Treutlein.

Jeder ist für seinen Körper selbst verantwortlich, das Problem aber ist, dass "sie gar nicht wissen, was sie ihrem Körper antun". Als Beispiel: "Ritalin" ist so ein uneinschätzbares Präparat, das bei hyperaktiven Kindern zum Einsatz kommt, aber sich auch eines großen Zuspruchs in den gesunden Teilen der Bevölkerung erfreut. "Das setzen viele Eltern ein, um die Konzentration zu fördern, bei den Kindern und sich selbst", sagt Treutlein. Dieser These liegen vielfache Bestätigungen aus dem Pharma-Vertrieb zugrunde. Der Marburger Pharmakologie-Dozent Alexander Ravati sagt, dass "die Mehrheit der Kinder nur in Bezug auf ihre Leistungsfähigkeit gedopt wird". Er geht davon aus, dass bei nur etwa 10 bis 30 Prozent der Kinder, die Ritalin erhalten, ein entsprechender klinischer Befund vorliegt.

Die Deutsche Angestellten Krankenkasse (DAK) führte im Jahr 2008 eine repräsentative Studie durch, bei der Arbeitnehmer im Alter von 20 bis 50 Jahre nach dem Medikamentenmissbrauch am Arbeitsplatz befragt wurden. Laut DAK gaben fünf Prozent von 3000 Befragten an, Medikamente eingesetzt zu haben, um ihre Leistung zu steigern. Etwa die Hälfte davon gab an, dies regelmäßig zu tun. Im Sport geht es nicht anders zu, höchstens heftiger.

Es gehörte schon vor Jahren zu den gewohnten Bildern einer Halbzeitpause in höherklassigen Fußballspielen, dass sich die Auswechselspieler, die reinkommen sollten, noch rasch etwas einwarfen. Die Herztropfen, die es bei der Mama zu Hause im Medikamentenschrank gab, ließen sich auch Kicker in der Pause in den Hals laufen. Es gibt genügend Ärzte, die heute noch - trotz aller Budgetierung - großzügig Rezepte schreiben, auch wenn keine entsprechende Diagnose vorliegt.

"Schon mal was von Doping im Freizeitsport gehört?", fragte in den späten, freundlichen Herbsttagen eine Apothekerin zwei Hobbyradler, die in einem Ort am Mittelrhein jeweils eine Packung Aspirin erstanden. Die etwas beleibteren Herren Mitte 40 schauten sie verwundert an: "Wir müssen noch bis Bonn." Die Apothekerin sagt: "Solche Leute kommen ziemlich häufig."

Vor allem der Einsatz von Schmerzmitteln ist im Breitensport Standard. Als ein Pfälzer Sportjournalist vor mehreren Jahren in einem Artikel zu einem regionalen Volkslauf-Ereignis das Thema leerer Aspirin-Packungen in der Nähe des Starts erörterte, hagelte es Kritik. Ob er denn nichts Besseres zu berichten wisse?

Kontrolle per Zufall

Interessant wird es, wenn Hobbysportler per Zufall in die Lostrommel einer Dopingkontrolle geraten und stichprobenartig einem Test zugeführt werden. So geschehen vor knapp zwei Jahren bei einer Triathletin aus dem nördlichen Rheinland-Pfalz: Völlig aufgelöst stand die Akteurin vor dem Kontrollbogen, auf dem alle Medikamente aufgeführt werden sollen, die zuletzt eingesetzt wurden. Ob sie wohl die Kortison-Salbe eintragen solle, die sie sich Tage zuvor auf den schmerzenden Arm geschmiert hatte? Ob sie die fünf Schmerztabletten am Abend vor dem Rennen und die zwei am Morgen vor dem Start erwähnen sollte? Die Sportlerin wurde nicht positiv getestet, später konnte sie die Geschichte lachend erzählen. Aber als sie vor dem Bogen stand und nicht wusste, was erlaubt ist und was nicht - da spürte sie, dass sie sich unfair verhalten hatte. Zudem hatte sie Glück, denn die - nicht erlaubte Substanz - Kortison war in der Urinprobe nicht mehr festzustellen.

Es gibt unzählige Episoden aus dem Breitensport: Von Kickern, deren Sicht durch zu viele Schmerzmittel so stark eingeschränkt ist, dass sie in Zweikampf und Passspiel versagen. Von Handballern, die so aufgeputscht sind, dass sie beim ersten Foul zu hart einsteigen und bald mit Rot vom Platz müssen. Von Volksläufern, die im Marathon endlich mal unter drei Stunden bleiben wollen und trainingsbegleitend jedes Nahrungsergänzungsmittel, jedes Aminosäure-Präparat und jede Voltaren einwerfen, die ihnen über den Weg laufen. Von Fitness-Girlies und Bodybuildern, bei denen turnusmäßig mit dem Plastikmüll große Plastikeimer an die Straße gestellt werden, Inhalt: Kreatin, Protein, Aminosäure, Glutamin, Vitamin. Spritzen landen im Restmüll.

Was im Bodybuilding alles im Einsatz ist, verraten überaus detaillierte Anleitungen in diversen Internetforen. Die Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung erklärte Ende 2008, dass zwischen drei und fünf Prozent der deutschen Jugendlichen Anabolika konsumieren würden. Der Mainzer Sportmediziner Perikles Simon zitierte zuletzt in dieser Zeitung eine Studie, nach der jeder fünfte männliche Gast eines Fitness-Studios Dopingmittel konsumiert hat. Als Einstieg gelten häufig anabole Steroide.

Erster Amateur-Kronzeuge

Auch Philip Schulz erhielt Spritzen, Amateur-Radrennfahrer aus Krickenbach bei Kaiserslautern. Der 30-Jährige gilt als erster Doping-Kronzeuge im ambitionierten Breitensport. Eher zufällig wurde der A-Amateur bei einem kleinen Rennen vor anderthalb Jahren positiv auf Ampheta-min und das Steroid Boldenon getestet. Schulz schwieg lange, dann begann er auszupacken und Hintermänner zu nennen. Ein rheinhessischer Seniorenfahrer, der regelmäßig um viele Jahre jüngere Amateur-Felder auseinanderfuhr, bevor er ebenfalls per Test aufflog, soll darunter sein. Schulz, der den Sport sauberer machen möchte, sieht sich einer Klage gegenüber, nachdem er Namen genannt hat.

Nicht nur Amateur Schulz spricht von einem Gruppenzwang im Radsport, vom Einsatz nahezu aller Präparate, die im Verdacht stehen, die Leistung zu befördern. Für ihn galt, was für viele Breitensportler genauso gilt. Gerhard Treutlein beschreibt es so: "Es fehlt das Bewusstsein." Treffender lässt es sich kaum formulieren.

RZO

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