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Dopingserie Teil 9

Fragwürdige Freundschaft: Medien und Leistungssport

Von Volker Boch

Vor wenigen Tagen hat Thomas Bach, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB), die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender scharf attackiert. Bach hat das Auftreten der Anstalten als Sponsor von Sportevents kritisiert. Nun lässt sich darüber spekulieren, ob der Vorstoß des Vizepräsidenten im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) in den eigenen Reihen gut angekommen sein mag. Schließlich generiert das IOC selbst bei Olympischen Spielen Milliardenbeträge allein aus TV-Verträgen, und dies hat zuletzt in Peking dazu geführt, dass alle Finals im Schwimmen zur besten US-amerikanischen Sendezeit am chinesischen Morgen durchgeführt wurden. Sportlich ein Unding.

Bachs jüngste Kritik war ein wichtiger Hinweis an die Sendedirektoren und Intendanten. Wo sich das ZDF in jüngerer Vergangenheit beim Senden von Boxveranstaltungen nahezu blamiert, hat die ARD jahrelangen Vorsprung. Damit geht es nicht um die als kriminell erwiesenen Verflechtungen der Herren Emig und Mohren in das klassische Anzeigengeschäft zum Verkauf von Werbung in passend aufbereiteten Sportsendungen. Es geht darum, dass die ARD viele Jahre stolz war, dass ihre "1" auf der Brust von Jan Ullrich und seinen großteils gedopten Kollegen von Telekom und T-Mobile durch Frankreich rollte.

Nie etwas davon bemerkt?

Wenn Journalisten, die über Jahrzehnte den Radsport begleitet haben, in den vergangenen Monaten zusammengefunden haben, kam das Thema immer wieder auf Doping. Männer wie Werner Zimmer und Herbert Watterott von der ARD, ZDF-Reporter Peter Leissl, Klaus Angermann (ZDF/Eurosport) oder auch die schreibende Zunft sahen sich häufig mit dem Vorwurf konfrontiert, "alles gewusst" oder zumindest "weggeschaut" zu haben. Man habe oftmals über möglichen Betrug spekuliert, aber gewusst habe man nichts, lautet ungefähr die Kernthese der Radsportkenner, die nicht falsch sein muss.

Als im Mai 2007 das große Auspacken bei Telekom/T-Mobile begann, waren viele Reporter ehrlich schockiert. Nur zur Vorstellung: Man fährt 30 Jahre lang zur Tour de France, weil man den Sport faszinierend findet, und man glaubt an das Gute im Menschen. Und dann sitzt ein Erik Zabel, den man so häufig nach Doping gefragt und der sich immer dagegen verwehrt hat, vorn auf der Bühne und gesteht unter Tränen EPO-Missbrauch.

Distanz halten ist schwierig

Es ist für Sportjournalisten, die "eng an einem Thema dran" sind, mitunter schwierig, Distanz zu wahren. Das ist Typsache und ein bisschen abhängig von der Disziplin. Es gibt Reporter, die in einen Fußballer nach dem Abpfiff fast "hineinkriechen", um einen schönen Satz aufzuschnappen. Gerade auf dem Boulevard und im Fernsehen gehört ein bisschen Hang zur Selbstdarstellung zum Geschäft wie Block und Bleistift. Häufig geht es jovial, freundschaftlich zu. Das fängt mit der Duz-Bruderschafterei an.

Gerade im Fernsehen werden immer wieder "Themen gesetzt" und Sportarten "gehypt". Wer sich noch ein bisschen an den Wintersport Mitte der 90er-Jahre erinnert, dem kommen Bilder von verschneiten nordischen Landschaften in den Sinn: Ganz hinten links am Bildrand schiebt sich Vegard Ulvang aus dem Wald, langsam kommt der Norweger im Klassik-Schritt näher. ARD-Mann Hans-Reinhard Scheu kommentiert in begeisternder Weise gut zwei Stunden lang wie ein Radioreporter das einsame 50-Kilometer-Rennen. Heute gibt es - auch dank dem Vorsitzenden der Skilanglauf-Kommission des Weltverbandes FIS namens Ulvang - die Tour de Ski. Ein abwechslungsreiches, knackiges Spektakel auf teils brachial anstrengenden Kursen. Scheus Reportagen sind verschwunden - und daran ist vor allem RTL Schuld.

Als der Kölner Privatsender vor rund zehn Jahren begann, Skispringen zu übertragen, lächelte die Branche. Doch dann startete der multimediale Aufbau einer überschaubar spannenden Sportart. Die zarten Athleten wurden zu Helden aufgebauscht, rund um die Schanzen entstand eine frühe Art der Popstar-Shows. Über Jahre wurde - wie es RTL auch im Boxen und der Formel 1 gelang - eine Sportart bis ins Detail versendet. Dass Vierschanzentournee-Sieger Sven Hannawald sich mit Burn-out-Syndrom aus dem Sport verabschiedete, war ein verschmerzbarer Verlust. Der Deutsche Ski-Verband soll für einen bis 2007 geltenden Fünfjahres-TV-Vertrag 75 Millionen Euro überwiesen bekommen haben. Nach solchen Summen lecken sich Randsportarten die Finger, man frage Surfer und Inline-Skater.

RTL belebt den Markt

Das Beispiel RTL beförderte die Branche und erhöhte den Druck. Denn alle Sender brüteten fortan über neuen Sendeformaten. Der Skilanglauf musste ans Düsseldorfer Rheinufer, Stabhochspringer an den Kölner Dom, Biathleten in die Arena auf Schalke - weil"s Quote bringen soll. ARD und ZDF überfielen geradezu die Disziplinen Biathlon und Eisschnelllauf. Die deutschen Kufen-Königinnen, die derzeit unter einer heftigen Image-Krise leiden, wurden zu Heldinnen modelliert, erst Gunda Niemann-Stirnemann, dann Claudia Pechstein und Anni Friesinger. Jeder Weltcup wurde zum marktschreierischen Event, jedes Hundertstel Rückstand zum beinahe nationalen Problem stilisiert. Wenn sich Druck aufbauen kann auf eine Sportart - und damit zum Dopen verführen kann - dann auf diese Weise.

Noch kein Biathlet genannt

Bislang ist noch kein deutscher Biathlet namentlich des Dopings beschuldigt worden. Aber der Tag dürfte kommen. Vielleicht werden die Wiener Blutdoping-Akten bald so weit geöffnet, dass ein Skijäger-Held herauspurzelt. Der Aufschrei wird groß sein, denn Biathlon ist deutscher Wintersport Nummer eins.

Vielleicht sah sich die ARD gerade deshalb dazu veranlasst, im vergangenen Jahr öffentlich einen verdienten Kollegen förmlich zu opfern, um die Weste des weißen Schießsports sauber zu halten. Der Berliner Reporter Hans-Joachim Seppelt wurde senderintern vom "Hajo" zum "Herrn Seppelt", nachdem er im Zusammenhang mit dem Wiener Blutbank-Skandal deutsche Spitzen-Wintersportler verdächtigt hatte. Die Rede war von rund 20 deutschen Wintersportlern, die Kunden der Wiener Blutbank gewesen sein sollen. So neu war der Vorwurf nicht, die "Süddeutsche Zeitung" hatte bereits zuvor von 50 bis 60 deutschen Athleten geschrieben, die zum Bluttanken an der Donau gewesen sein sollen.

Seppelts Vorpreschen war unwirsch, weil Beweise fehlten. In der Sache aber lag er wohl nicht falsch. Dieser Tage hat der Wiener "Kurier" den Vorwurf neu aufgegriffen, weil die zuständige Sonderkommission anscheinend Tatsachen ermittelt hat.

Öffentliche Entschuldigung

Die ARD, Großfinanzier der Biathleten, reagierte damals, mitten im Weltcup-Winter 2008, dennoch resolut und sprach vor Millionen TV-Zuschauern eine öffentliche Entschuldigung aus. Moderator Michael Antwerpes sagte live in der ARD-Sportschau am 17. Januar 2008: "Es hat viel Unruhe gegeben in den letzten Tagen um eine Meldung, eine ARD-Meldung, in der pauschale Dopingvorwürfe erhoben wurden. Ich darf die Gelegenheit nutzen, uns öffentlich für diese journalistische Fehlleistung zu entschuldigen." Seppelt wurde damit öffentlich gegeißelt.

Funktionäre des Deutschen Ski-Verbandes (DSV) hatten offenbar dafür gesorgt, dass die ARD ihren - gerade vom "Medium Magazin" zum Sportjournalisten des Jahres gekürten - Kollegen Seppelt durchs Dorf prügelte. Es waren keine des Dopings beschuldigten Athleten, die zuerst aufgeschrien haben, sondern der DSV.

Dass ein Verband in solchen Fällen laut wird, darf aber nicht verwundern, denn: Fällt der Sportler, noch dazu ein Olympiasieger, fallen der Verband und der schulterklopfende Funktionär mit. Um ein aktuelles Beispiel zu nennen: Claudia Pechstein und die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft.

Eine Athletin wie Pechstein ist ein finanzieller Garant der Verbände. Und für TV-Sender sind Skandale im Quotenkampf langfristig kein Bringer, wie der Ausstieg und Doch-Nicht-Ausstieg von ARD und ZDF bei der Tour de France 2009 belegte.

Rein und raus bei der Tour

Im Oktober 2008 erklärte die ARD wortgewaltig, dass sie angesichts der Skandale um das Team Gerolsteiner das Rennen nicht übertragen werde. Daraufhin erklärte Sender-Partner ZDF, dass man ohne die ARD nicht übertragen wolle. Bald darauf wurde bekannt, dass Lance Armstrongs Rückkehr die Tour 2009 schmücken sollte. Im Mai 2009 erklärten die Sender dann, dass sie übertragen.

Wie im Fall Seppelt sind die Hintergründe nur senderintern besprochen worden und sollen auch dort bleiben. Jedoch zeigte gerade der Rücktritt vom Tour-Rücktritt deutlich, dass häufig nicht hehre Grundsätze den Sportjournalismus bestimmen, sondern zählbare Motive.

Kein Spaßprogramm

Dabei ist Dopingberichterstattung keineswegs ein Spaßprogramm für Leute, die sich langweilen, sondern ein rechercheintensives und juristisch heikles Kerngeschäft des Berufszweigs. Natürlich ist niemand gezwungen, Pharmazie oder Chemie zu studieren, um Sportjournalist zu werden. Aber abseits der "normalen" Berichterstattung gehört die Arbeit mit dem Problem Doping zum Tagwerk. Wer das nicht glaubt, sollte nie mehr vom Fairplay im Sport schwärmen.

RZO

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