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Dopingserie Teil 10

Selbst der Tod reicht nicht als Abschreckung

Von Volker Boch

"Heute schon an Morgen denken" ist ein Spruch, der nicht nur für die Verkäufer von Riester-Renten und Versicherungen gilt, sondern auch für den Anti-Dopingkampf. Schließlich soll die Jugend vor Doping geschützt werden. So befasst sich der letzte Teil dieser Serie mit der schwierigen Aufklärung.

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Mehrheitlich nicht informiert

"Die Jugendlichen sind mehrheitlich nicht über Doping informiert", sagt Dietmar Hiersemann, für die Prävention zuständiger stellvertretender Vorsitzender der Nationalen Anti-Doping-Agentur Nada. Die Frage lautet: Wie lassen sich junge Sportler am besten erreichen?

Es gibt zwei Ansätze für Prävention: Abschreckung und Sensibilisierung. Oder, wie es der Heidelberger Sportpädagoge Gerhard Treutlein beschreibt: den pathogenetischen Ansatz nach dem abschreckenden Motto "Was macht mich so krank?". Und den salutogenetischen Ansatz, der auf pädagogischer Grundlage zum Nein-Sagen-Können erziehen soll.

"Gerade in der Altersgruppe bis 16 Jahre ist die Werteorientierung noch sehr hoch", sagt Treutlein. Aber im Sport gäbe es eine "Art organisierte Unverantwortlichkeit" - viele Verbände und Sportorganisationen seien viel zu sehr am Geschäft interessiert, als sich mit dem Problem Doping konzeptionell zu befassen.

Dabei wäre es oft so einfach , vor Doping zu warnen: Abschreckende Wirkung haben schließlich die Lebens- und Sterbensgeschichten vieler nachweislich an Doping gestorbener Sportler und solcher, bei denen ein durch Medikamente begünstigter Tod sehr naheliegt.

"Alles ist reversibel", soll die in dieser Serie bereits beschriebene, mit 26 Jahren verstorbene Mainzer Siebenkämpferin Birgit Dressel einmal gesagt haben - alles lässt sich rückgängig machen.

Nichts ist reversibel. Diese Tatsache dient als Grundpfeiler der Prävention. Kein junger dopender Sportler denkt daran, sein Leben zu riskieren. Aber er riskiert seine Gesundheit, weil das Problembewusstsein fehlt. "Man muss bei den Trainern von Jugendlichen ansetzen", sagt Treutlein, "denn sie sehen die Kinder häufiger als die Eltern."

Entsprechend massiv laufen die präventiven Bemühungen in einigen europäischen Ländern. Gerade die oft belächelten Staaten Luxemburg und Schweiz gehen auf dem steinigen Weg voraus. In der Schweiz gibt es ein multimedial aufbereitetes E-Lear-ning-Programm mit dem Titel "Real Winner", das in Luxemburg seit längerer Zeit erfolgreich bei Schülern an Sport-Eliteschulen sowie bei Kaderathleten verpflichtend im Einsatz ist. "Mit Broschüren lockt man doch heute keinen Hasen mehr aus dem Wald", sagt Camille Dahm von der luxemburgischen Anti-Doping-Agentur.

"Die Anti-Doping-Arbeit muss stärker in die Lehrpläne der deutschen Schulen integriert werden", fordert der Nada-Vorstandsvorsitzende Armin Baumert. Denn nicht die "harten" Dopingmittel sind weitverbreitet, sondern die Ebene darunter: Aufputscher, Nahrungsergänzungs- und Schmerzmittel. "Die werden benutzt, ohne nachzudenken", erklärt Treutlein.

Eine jüngst in Rheinland-Pfalz vorgenommene, bislang noch nicht veröffentlichte Studie Treutleins und seines Mainzer Kollegen Andreas Singler bestätigt: An Basisarbeit mangelt es überall. "Es fehlt ganz grundlegend an der personellen und finanziellen Ausstattung", sagt Treutlein.

Das Problem reicht weit über Rheinland-Pfalz hinaus, in Deutschland fließt pro Jahr nur etwa eine Million Euro in die Anti-Doping-Arbeit. Zum Vergleich: Frankreich betreibt mit zehn Millionen Euro Einsatz ein dezentrales System mit 24 hauptamtlichen regionalen Mitarbeitern - und laut Treutlein sagen die französischen Kollegen, dass dies noch zu wenig ist.

Enormes Gefälle in Europa

Das Gefälle in Europa ist jedoch enorm, in anderen, sportlich konkurrenzfähigen Ländern gibt es fast gar keine Präventionsliteratur, so in Litauen oder Ex-Jugoslawien. "Und die in einigen Ländern vorhandene Fachliteratur führt teils zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen, was den Laien verwirrt", sagt Christiane Peters vom Lehrstuhl für Sport und Gesundheitsförderung an der TU München.

In Deutschland hat die Stärkung der Nationalen Anti-Doping-Agentur Nada in den vergangenen zwei Jahren dazu beigetragen, dass die Arbeit vorangeht. Broschüren und Kampagnen mit (hoffentlich) sauberen Sportstars gehören ebenso zum Programm wie multimedial abrufbare Informationen rund um das Thema Doping.

"Wir haben ebenfalls festgestellt, dass die Jugendlichen nicht so gern lesen", sagt Dietmar Hiersemann. Also entwickelte die Nada zuletzt verstärkt multimediale Angebote wie einen USB-Stick für Athleten, mit Themenpaketen und Informationen zu Doping.

Wie wenig Kenntnis selbst in vermeintlich gut unterrichteten Kreisen vorhanden ist, zeigt sich immer wieder, wenn die Nada bei ihrer Vor-Ort-Kampagne in den 40 deutschen Eliteschulen des Sports unterwegs ist, um über Doping aufzuklären. Nada-Offizielle und bekannte, vielfach getestete Spitzensportler besuchen die Schulen, um transparente Präventionsarbeit zu leisten. Häufig treffen sie auf schlecht informierte Schüler und Lehrer.

Die Zukunft fordert alle Beteiligten des Sport-Systems, diese Mängel zu beseitigen. "Prävention ist bei Verbänden und Landessportbünden oft nur ein Schlagwort", sagt Hiersemann. Immer wenn er öffentliche Vorträge zu diesem Thema hält, beendet sie Hiersemann mit einem Bild, das den Gallier Obelix zeigt, der einen Hinkelstein auf dem Rücken trägt. Fürwahr, es ist ein schwerer Brocken, der vor dem organisierten Sport liegt.

RZO

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