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Kunst

Boltanskis Apokalypse in Paris

Paris Für die meisten befindet sich die Hölle im Erdinnern.

Nicht für Christian Boltanski, dessen Werke und Installationen in den größten Museen der Welt zu sehen sind.

Was sich der 65-Jährige unter dem Inferno vorstellt, kann der Besucher derzeit im Pariser Grand Palais erfahren: Eisige Kälte, betäubende, dröhnende Klänge und tonnenweise Kleider, die einst von Menschen getragen wurden. Auf mehr als 13 000 Quadratmetern schafft Boltanski eine Welt, die dem Tod, der Hölle, dem sterblichen Dasein gewidmet ist. «Personen» heißt die bis zum 21. Februar laufende Ausstellung, die für den Besucher zu einer «apokalyptischen Erfahrung» werden soll.

Für Boltanski ist es nicht wichtig, ob dem Besucher der Monumenta 2010 - eine seit 2007 existierende Ausstellungsreihe, deren erster Künstler Anselm Kiefer war - seine Kunst gefällt. Sie muss in erster Linie Fragen stellen, existenzielle Fragen über das Leben und den Tod. Und dazu dienen ihm Kleider, tonnenweise abgetragene Kleider. Mehr als 200 000 Kleidungsstücke hat er im Grand Palais ausgebreitet: zum Teil als riesiger Haufen gestapelt, zum Teil zu Rechtecken angeordnet, über denen Neonlichter hängen und die an Kammern und Lagern erinnern, an Orte wie Auschwitz und Dachau.

«Diese Rechtecke können an vieles erinnern, an Orte der Folter und der Qualen in Deutschland, Afrika oder anderswo. Sie sind für die Menschen die Hölle», sagte der Künstler, der seit 1988 mit Kleidern arbeitet, um die Erinnerungen an Menschen zum Ausdruck zu bringen. Im Grand Palais sind es überwiegend Mäntel die am Boden verteilt liegen. «Sie verkörpern am besten die Silhouette von Menschen», erklärte Boltanski.

Boltanskis Kunst kreist um verstorbene, verschwundene Menschen, um ihre Erinnerungen, ihre Lebensspuren, ihre Vergangenheit. So hat er sich lange Zeit auch der Fotografie bedient und Menschen in großer Zahl abgebildet. Doch seit einiger Zeit arbeitet er überwiegend mit Kleidern, weil an ihnen noch der Geruch der Personen haftet. Warum er diesen Kran im Grand Palais hat aufstellen lassen, der unablässig von dem riesigen Kleiderstapel Pullis und Mäntel hochhebt und sie wieder fallen lässt? Das sei eine Idee, die ihm auf den Jahrmärkten gekommen sei. Manche sähen darin die Hand Gottes, die Leben schenkt und Leben nimmt, manche den Mythos von Sisyphos. «Meine Kunst gibt keine Antworten, die gibt sich jeder Besucher selbst», sagte der Künstler.

Der französische Künstler ist mit seiner Erinnerungskunst an Menschen und die Vergangenheit auch im Berliner Reichstagsgebäude präsent. Er hat dort das «Archiv der Deutschen Abgeordneten» geschaffen, Blöcke aus Metallkästen mit den Namen von Abgeordneten, die demokratisch in das deutsche Parlament gewählt wurden. Eine dieser mehr als zehn Meter langen Mauern aus verrosteten Metallkästen ist auch im Grand Palais zu sehen - statt Namen tragen sie Nummern.

Dröhnenden Klänge - Herzschläge tausender Menschen - gehören ebenso zum Werk wie die klirrende Kälte. Der Künstler hat bewusst auf die Beheizung des riesigen Grand Palais verzichtet. «Für viele ist die Hölle heiß, doch auch Kälte schmerzt», erklärte der Künstler, der 2011 auf der Biennale in Venedig Frankreich vertreten wird.

www.monumenta.com Von Sabine Glaubitz, dpa

dpa-infocom