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Erdbeben

Kampf ums Überleben in Haiti

Port-au-Prince/Hamburg - Drei Tage nach der Erdbebenkatastrophe hat in Haiti der Kampf ums nackte Überleben begonnen.

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In Haiti wächst die Verzweif­lung, je mehr Zeit vergeht und die inter­natio­nale Hilfe auf sich warten lässt.

In der Hauptstadt Port-au-Prince gab es am Freitag noch immer kaum sauberes Trinkwasser oder Nahrung.

Aufgebrachte Überlebende türmten aus Protest gegen die Zustände hunderte Leichen zu Barrikaden auf. Insbesondere Kinder sind nach Angaben von UNICEF von Krankheiten wie Typhus und Cholera, Malaria und Dengue-Fieber bedroht. Die Vereinten Nationen berichteten von ersten Plünderungen in einem Lagerhaus für Hilfslieferungen. «Drei Tage und noch immer keine Hilfe. Ich verstehe einfach nicht, was da los ist», sagte ein verzweifelter Mann im Fernsehen und blickte zum Himmel.

Nach UN-Angaben werden vor allem Ärzte und Krankenschwestern, aber auch Leichensäcke dringend benötigt. Um die Masse der Verletzten medizinisch versorgen zu können, wollen die Vereinten Nationen das nationale Fußballstadion des Landes in ein Lazarett verwandeln. «Wir prüfen diese Möglichkeit zusammen mit den haitianischen Behörden, um den internationalen Ärzteteams Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen», sagte UN-Nothilfekoordinator John Holmes in New York. Höchste Eile sei geboten: «Viele Überlebende haben schwerste Verletzungen, komplizierte Brüche und zerschmetterte Gliedmaßen.»

Für viele Verschüttete dürfte die dreitägige Verzögerung bereits den Tod bedeuten. Ein Mensch kann nur etwa drei Tage ohne Trinken überleben. In Haiti herrschen Tagestemperaturen um 30 Grad. Noch immer graben die Menschen mit bloßen Händen in den Trümmern nach Überlebenden. Bereits die dritte Nacht in Folge verbrachten die meisten Einwohner von Port-au-Prince im Freien - aus Angst vor Nachbeben oder weil ihre Häuser zerstört sind.

Allerdings gab es auch Erfolge. Internationale Suchtrupps hätten 23 Menschen lebend aus den Trümmern des Hotels Montana geborgen, sagte der chilenische Entsandte Juan Gabriel Valdés. In dem Hotel hatten viele Ausländer gewohnt.

Der beschädigte Flughafen von Port-au-Prince war nach Angaben von Nothilfe-Koordinatoren weiter überlastet. Die Hilfstrupps, die teils schon wenige Stunden nach dem Unglück gestartet waren, erreichten die Menschen zumeist nicht. Bisher habe ein Gefühl der Solidarität unter den Überlebenden überwogen, nun aber drohe die Stimmung zu kippen.

Korrespondenten internationaler Fernsehsender berichteten von einer zunehmend verzweifelten Bevölkerung. Viele fühlten sich alleingelassen. Der Staat habe schon zuvor kaum funktionierende Strukturen besessen, nun mache die fehlende Infrastruktur die Lage viel schwieriger als bei vergleichbaren Naturkatastrophen in anderen Ländern, sagte Der Präsident des Deutschen Roten Kreuzes, Rudolf Seiters, im ZDF.

Er gehe davon aus, dass die Schätzungen von 50 000 Toten zutreffend seien, sagte Seiters. Etwa drei Millionen der neun Millionen Einwohner Haitis sind nach Angaben des Roten Kreuzes in Not. Da auch die Regierung und die Behörden Haitis durch das Beben weitgehend arbeitsunfähig geworden sind, mussten die Helfer ihre Bemühungen selbst organisieren.

Vor allem die USA werden dabei wohl eine große Rolle spielen. Im Laufe des Tages sollte vor Haiti der US-Flugzeugträger «Carl Vinson» mit 19 Hubschraubern und tausenden Soldaten eintreffen. Die USA wollten außerdem sechs weitere Schiffe auf den Weg schicken, darunter drei Amphibienboote mit Helikoptern sowie ein Lazarettschiff. Insgesamt werden sich nach Angaben des US-Südkommandos in Miami (Florida) am Wochenende mehr als 6000 Angehörige der US-Streitkräfte in Haiti oder zumindest in Küstennähe aufhalten. Diese Truppen könnten notfalls auch bei größeren Unruhen gegen Plünderer zum Einsatz kommen.

Unterdessen wurde bekannt, dass das Beben auch im Süden des Karibikstaates schlimme Schäden angerichtet hat. Städte und Ortschaften dort seien schwer beschädigt, sagte der Repräsentant der Welthungerhilfe in Haiti, Michael Kühn.

Über das Schicksal der etwa 100 Deutschen in Haiti war nur wenig bekannt. Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes in Berlin sagte, eine Gruppe von sechs Bundesbürgern sei zurück nach Deutschland geflogen. Andere seien in die benachbarte Dominikanische Republik ausgereist. Auch drei 16, 22 und 27 Jahre alte Flensburger, die bei einem kirchlichen Austauschprojekt am Aufbau eines Waisenhauses beteiligt waren, blieben unverletzt.

Die gigantische Welle der Hilfsbereitschaft hielt weiter an. Allein Weltbank, Internationaler Währungsfonds und die USA sagten jeweils 100 Millionen (rund 69 Millionen Euro) zu. Schauspieler und Prominente riefen zu Spenden auf oder starteten Spendenaktionen. Die USA, Frankreich und einige andere Staaten wollen so schnell wie möglich eine internationale Wiederaufbaukonferenz für Haiti organisieren - als Termin wurde der März genannt.

dpa-infocom