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Afghanistan-Konferenz: Westen will Karsai in die Pflicht nehmen

London "Man kann einen Krieg beginnen, aber niemals beenden, wenn man will", sagte der politische Denker Niccolo Machiavelli.

Weil sie nach acht Jahren Kampfhandlungen einen starken Feind nicht besiegen können, wollen jetzt 70 Nationen gemeinsam diese Maxime widerlegen.

Deutschland, Großbritannien , USA und weitere Isaf-Staaten ändern ihre Strategie in Afghanistan, um 2011 die "entscheidende Wende" im Kampf gegen die Taliban zu bewirken. Auf einer Konferenz in London beschlossen die Koalitionspartner, einerseits mehr Soldaten und Zivilhelfer ins Kriegsgebiet zu entsenden und andererseits die Ausbildung der afghanischen Armee zu beschleunigen. Die Staatengemeinschaft hat keine Illusionen mehr darüber, die radikalen Islamisten mit eigenen Kräften vertreiben zu können. Stattdessen überlässt sie den Sieg der afghanischen Regierung, die ab 2015 selbst für Sicherheit sorgen soll.

Zum neuen Pragmatismus der Koalition gehört auch die Idee, die gemäßigten Islamisten in einen Aussöhnungsprozess einzubeziehen. Dazu hat Präsident Hamid Karsai grünes Licht für seinen Vorschlag bekommen, den Taliban zukünftig Jobs und eine Amnestie anzubieten, wenn sie dem bewaffneten Widerstand abschwören. Karsai bat Saudi-Arabien um Vermittlungshilfe bei den Friedensgesprächen - die auch zugesagt wurde unter der Bedingung, dass alle Teilnehmer ihre Kontakte zum Terrornetzwerk El Kaida kappen.

Am Morgen begrüßt Guido Westerwelle die Reporter in London mit Optimismus: "Heute wird ein neues Kapitel aufgeschlagen. Wir wollen in Afghanistan einen politischen Wendepunkt schaffen, indem wir stärker auf das politische und zivile Engagement setzen." Im nächsten Satz verrät der Außenminister, worum es wirklich geht: Man wolle "die Grundlagen für eine Abzugsperspektive legen". Denn die Deutschen würden in Afghanistan "nicht ewig bleiben". Das will auch Premier Gordon Brown nicht. "Mit dieser Konferenz beginnt der Prozess der Übergabe der Verantwortung von den internationalen Truppen an die afghanischen Kräfte", sagt er.

Der neue Afghanistan-Plan der Koalition - das ist eine Liste von Maßnahmen, von denen niemand mit Gewissheit sagen dürfte, ob sie funktionieren. "Es gibt keine Erfolgsgarantie", gesteht Westerwelle. Aber man müsse "ein neues Kapitel eröffnen, das uns neue Chancen gibt". Nach Ansicht der Koalition gibt es diese Chancen auf Frieden, wenn die afghanische Armee und die Polizei im Oktober 2011 ihre Gesamt-Sollstärke von 306 000 Mann erreicht haben. Um ihre Ausbildung zu intensivieren, stocken die Isaf-Staaten ihre Truppenkontingente auf. Berlin hat seine Truppenstärke von 4500 Mann um maximal 850 Soldaten angehoben. Statt bislang 280 werden künftig 1400 Bundeswehrsoldaten die Afghanen militärisch trainieren. Zudem sollen sich 260 deutsche Polizisten um die Ausbildung afghanischer Kollegen kümmern.

In London gab es viel Lob für dieses Engagement: Brown hob in seiner Konferenzrede zwei Mal den deutschen Beitrag für die Stabilisierung Afghanistans hervor. Laut Guido Westerwelle ist Berlin mit seinem neu gesetzten Akzent auf dem Wiederaufbau und der Wiedereingliederung der kriegsmüden Taliban in Kabul und Washington auf große Zustimmung gestoßen. "Viele von ihnen sind junge Männer, die für 200 Dollar kämpfen. Wir wollen ihnen Ausbildung, Arbeit und Perspektiven für ihre Dorfgemeinschaften geben", sagte der Außenminister. In der Abschlusserklärung der Konferenz wird ein internationaler Fonds für Reintegration erwähnt, in den zunächst 140 Millionen Dollar eingezahlt werden sollen. Deutschland will dazu angeblich 50 Millionen Dollar beisteuern. Allerdings lehnen die Taliban bislang Karsais Gesprächsangebot als "Zeitverschwendung" ab. "Das ist gegenstandslos", kommentierten sie am Donnerstag auf ihrer Internetseite.

Die Koalition verknüpft die Hilfen mit der Bedingung, dass sich die afghanische Regierung stärker beim Kampf gegen die Korruption engagiert. In London gelobte Hamid Karsai, die Arbeit einer unabhängigen Anti-Korruptions-Kommission zu unterstützen. Der Präsident will außerdem im "Nationalen Rat für Frieden" den gemäßigten Taliban die Hand zur Versöhnung reichen. Seine Reformbereitschaft könnte bald mit einem Geldregen über Kabul belohnt werden: Die Konferenzteilnehmer haben beschlossen, bis 2012 etwa 50 Prozent der Entwicklungshilfen direkt in den afghanischen Staatshaushalt fließen zu lassen, statt sie wie bislang direkt oder über Hilfsorganisationen zu verwalten.

Von unserem Londoner Korrespondenten Alexei Makartsev

RZO