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 Brennpunkt 

Interview mit dem AR-Spezialisten Marc Maurer

„Wir werden durch eine augmentierte Welt laufen…
  …womit, wird sich zeigen“

Wie verändert Augmented Reality unsere Welt? Marc Maurer befasst sich ständig mit solchen Fragen: Wenn es etwas Neues in der deutschen Augmented-Reality-Szene gibt, ist er derjenige, der das in der Gruppe "Augmented Reality" des Businessnetzwerks Xing verbreitet: Der AR-Manager bei empea in Hofheim im Taunus verrät im Interview, was sich tut und was sich tun wird. Maurer war auch Initiator des ersten ARDevCamp in Deutschland an der Uni Frankfurt und plant bereits das nächste im April in Berlin.

Marc Maurer
Marc Maurer, Spe­zia­list für „Aug­men­ted Rea­lity“ bei empea

Sie glauben, dass Augmented Reality das Leben stark verändern wird. In welchen Bereichen besonders?

Am meisten werden wir in unsereralltäglichen Umgebung von AR profitieren. Ein Ausblick: Wenn AR eine Verpackung im Supermarkt erkennt und mir nicht nur die Werbebotschaft vermittelt, sondern die Bewertung von Nutzern ("kaufen/nicht kaufen/schmeckt gut etc.") hinzukommt, ändert AR mein Konsumverhalten. Wenn AR meine Gestik erkennt, kann Gebärdensprache mit Audio und Aktionen versehen werden. Es gibt also viele Facetten, bei denen AR unser Leben verändern wird. Ein Aspekt, der derzeit technisch nur in Testumgebungen möglich ist, ist die Erkennung von Gegenständen. Dinge werden also unsere neuen Hyperlinks werden.

Sie sagen, Mitte des Jahres könnte es den Durchbruch bei Augmented Reality geben. Wieso glauben Sie das?

Exakte Zeitfenster helfen nicht immer.Das Datum spiegelt aber unsere persönlichen Erwartungen wider. Um einen Zeitpunkt zu prognostizieren, ist es primär wichtig, die technischen und damit innovationstreibenden Komponenten zu verstehen. Wir rechnen mit einem massiven Durchbruch von AR im dritten Quartal des Jahres aus einem einfachen Grund: AR wird zunehmend mobil. Bereits jetzt gibt es in Apples AppStore und dem Market auf Android geobasierte AR-Anwendungen. Die sind noch in den Kinderschuhen, entwickeln sich aber stetig weiter. Ohne zu sehr ins Technische zu gehen: Derzeitige Anwendung haben als auslösende Referenz - also vergleichbar der ,Enter'-Taste auf der Tastatur - Geo-Koordinaten, Längen- und Breitengrad. Wenn also ein Nutzer auf einer Koordinate steht oder durch das Handy in Richtung einer Koordinate schaut, sieht er einen Inhalt (z.B. 3-D-Modelle, eine Grafik, Text…) Diese Darstellungen sind im Raum aber eher ungenau. Vollwertige AR (im definitorischen Sinne) bedeutet, dass virtuelle Inhalte in Echtzeit manipuliert werden können. Derzeitige Apps können das nicht.

Sie könnten aber schon mehr?

Zum Beispiel auf die Kamera im iPhone ist der programmiertechnische Zugriff offiziell noch nicht zulässig, technisch jedoch schon möglich. Gerade das Öffnen dieser Schnittstelle würde ganz andere Formen der mobilen AR ermöglichen. Aber all das läuft hinter den Kulissen. Letztendlich zählt: Lösungen hierbei ermöglichen dem Nutzer ein intuitiveres und genaueres AR-Erlebnis. Das ist, was die werbende Industrie sucht, und das ist auch, was sie bekommen wird. Zum Durchbruch verhelfen der AR aber auch Rückflüsse aus den forschenden Instituten. Das Fraunhofer Institut nimmt neben vielen anderen seit Jahren an internationalen Forschungsprojekten teil. Diese sind oft öffentlich gefördert, und die Ergebnisse stehen daher prinzipiell allen Interessierten zur Verfügung.

Dauernd ein Handy vor die Nase zu halten, ist doch nervig. Glauben Sie, dass wir irgendwann vielleicht alle mit Spezial-Brillen oder gar -Kontaktlinsen durch die augmentierte Welt laufen?

Zu (marktreifen) Kontaktlinsen ist esnoch ein weiter Weg, die funktionieren derzeit nur im Labor. Wir müssen uns aktuell unserer Mobiletelefone oder Webcams bedienen, um in die augmentierte Welt zu sehen. In der nächsten Stufe werden wir uns Brillen aufsetzen und die Hände frei haben. Frei Hände wiederum ermöglichen es uns, mit AR-Objekten wie mit realen Objekten zu interagieren. Abgesehen von den Geräten, zählt aber vor allem eins: AR gibt uns direkten Zugang zu relevanten Informationen. Pranav Mistry (MIT Media Lab) hat in beeindruckender Weise gezeigt, wie diese Zukunft aussehen kann. Er hat übrigens angekündigt, den Quellcode seiner Arbeiten ebenfalls zu veröffentlichen. Nicht zuletzt deshalb glauben wir, dass wir durch eine augmentierte Welt laufen werden, womit, wird sich zeigen.

Macht Augmented Reality vielleicht irgendwann sogar den Handwerker überflüssig? Ich lade das entsprechende AR-Programm, das mir alle Schritte detailliert vor Augen führt?

Viele, die sich mit AR beschäftigendenken direkt an zwei Unternehmen, Lego und Ikea. Es gibt viele schöne Beispiele, die zeigen, wie AR bei z. B. Bauanleitungen helfen kann. Es wird hier sicherlich erfolgreich unterstützende Szenarien geben. Wir sehen aber nicht, wie z. B. komplett neue Fähigkeiten derzeit mit AR 1:1 vermittelt werden sollten. Ich kann mit einer AR nicht schlagartig ein guter Schweißer werden. Erklärend helfen kann mir AR gleichwohl.

Menschen sind ja nicht unbedingt interessiert am Arbeiten mit dem Computer, sondern an Informationen. Kann AR die digitale Kluft in der Informationsgesellschaft vielleicht verkleinern?

Das kommt drauf an, welche Kluft wir für dieses Szenario betrachten. AR wird spitz gesagt den existierenden Zugang zu Informationen für Menschen im Tschad nie dem in Schweden gleichsetzen können - so gesehen wird AR hier die Kluft eher noch vergrößern. Wenn wir uns dem Beispiel folgend aber nur in Schweden aufhalten, kann man schon von einer Verkleinerung ausgehen. Wenn ich via AR intuitiv mit Gesten relevante Zusatzinformationen zu Personen, Orten und Gegenständen bekommen kann, erleichtert es den Zugang zu Daten im Allgemeinen. Vor diesem Hintergrund kann man von einer Verkleinerung der Kluft sprechen.

In der breiten Öffentlichkeit hierzulande spielt Augmented Reality noch kaum eine Rolle. Hängt Europa zurück?

In den USA hat Augmented Reality 2009 einen gewaltigen Schub erfahren, sowohl online als auch mobile im AR-Bereich. Das bedeutet aber nicht, dass Deutschland abgeschlagen zurück liegt. Zwar zeigen Studien, dass AR noch nicht in der Cross-media Diskussion hierzulande angekommen ist, gleichzeitig sehen wir täglich die ungeheure Dynamik, mit der Agenturen, Unternehmen und Verbände sich mit dem Thema auseinander setzen. Eine Kampagne zum Mini, die Lego-Anwendungen und die Weiterentwicklung der General-Electric-Kampagne kommen z.B. alle aus Deutschland. Auf der technischen Seite ist die EU mit Japan derzeit sehr innovativ. Zusammengefasst sind wir in Deutschland technisch sehr weit, allein die Anwendung hinkt noch ein wenig hinter her

Wie viel Miteinander gibt es in der Szene, wie steht es um gemeinsame Standards?

Nach unseren Erfahrungen versucht niemand explizit, sich abzuschotten. Schließlich geben Einige sogar Schnittstellen auf ihren Plattformen für Entwickler frei. Dennoch werden die Eintrittsbarrieren von den etablierten Unternehmen hoch gehalten. Das ist aber auch nachvollziehbar, zumal diese Unternehmen hohe Anfangsinvestitionen getätigt haben. Wie für andere Wirtschaftsbereiche auch gilt: Wettbewerb muss sein, im Idealfall stehen Wettbewerb und Kooperation aber hier anfangs nebeneinander. Warum? Es gibt noch keine einheitlichen Standards für AR, ein HTML für AR sozusagen, Unternehmen aus dem Silicon Valley versuchen, mit einer Flut von Patenten AR für sich zu sichern. Es ist auch unerklärlich, warum manche aus der Szene mauern, denn der Markt ist so riesig, dass er von den bestehenden Teilnehmern (mit Ausnahme von Google) strukturell gar nicht abgedeckt werden kann. Wir selbst setzen den Open-source-Gedanken um, teilen unser Wissen, um ein gesundes Umfeld zu schaffen, in dem sich die AR Branche nachhaltig und mit Mehrwerten für die Nutzer entwickeln kann.

Kommt die Nachfrage schon vom privaten Nutzer, der Anwendungen für seine Freizeit haben möchte? Wer befeuert das Wachstum, das sie erwarten?

Wir sehen das Wachstum derzeit besonders aus der Print-Industrie kommen. Unsere Gespräche auf mehreren Ebenen in dieser Branche bestätigen unsere Annahmen. Verlage werden zu einem großen Teil AR treiben. An Schulbüchern, die mittels AR Stoff ganz anders vermitteln. wird bereits gearbeitet, erste Demos zu solchen Büchern gab es auf der jüngsten Buchmesse in Frankfurt. Daneben wird die Spiele-Industrie das Thema stark in die Öffentlichkeit tragen. Microsofts Projekt Natal ist derzeit noch nicht verfügbar, aber Sonys Eyetoy und Invizimalz für die PSP sind es bereits. Auch für Mobiletelefone werden weitere AR Spiele entwickelt, die Ergebnisse konnte man auf der diesjährigen CES in Las Vegas bestaunen. Der Handel setzt AR ebenfalls bereits für kommerzielle Lösungen ein. Insbesondere für Spielwaren, die Mode-Branche und Optiker gibt es bereits ausgereifte Konzepte. Es lohnt auch, hier das Militär in Betracht zu ziehen. Internet kommt ja bekanntlich aus dem militärischen Bereich. Vusix beispielsweise ist ein hybrides Unternehmen, das AR-Brillen fürs Militär aber auch für den Endanwender herstellt. Da sehen wir massive Basisinnovationen kommen.

Die Fragen stellte Lars Wienand; Foto: empea.de