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 Brennpunkt 

Die Rhein-Zeitung zeigt eine neue Seite

Im Papier steckt mehr drin

Koblenz Das Spiel "Ich sehe was, was du nicht siehst" bekommt eine neue Dimension: „…und das ist virtuell“. So haben Leser unserer Zeitung Heinzelmännchen in Köln gesehen, die kein anderer Passant sehen konnte. Und wer einen Computer mit Web-Kamera hat, kann auf der gedruckten Zeitungsseite Dinge entdecken, die kein anderer Leser sieht: Ein Foto wird durch ein schwarzes Quadrat mit weißem „R“ plötzlich zu einem Video. Unten auf der Seite schwebt plötzlich Summi, Maskottchen unserer Zeitung, über der Seite.

Dahinter steckt eine Technik, die vor dem großen Durchbruch steht: Erweitere Realität, Augmented Reality (AR), wie sich das nennt. Unsere Zeitung ist nach Informationen der World Association of Newspapers and News Publishers WAN-IFRA zumindest die erste deutsche Tageszeitung, die damit in ihrem Blatt experimentiert und so das Papier zum Leben erweckt. "Wir glauben, dass darin interessante Möglichkeiten stecken", sagt Chefredakteur Joachim Türk. "Mit dem Experiment laden wir Leser ein, die Technik buchstäblich zu erleben." Auch als die Rhein-Zeitung 1995 als erste deutsche Tageszeitung einen Onlinedienst mit eigener Redaktion anbot, habe noch niemand die Dimensionen des Internets vorhersagen können.

Neu in deutschen Zeitungen

Der Branchenverband hält das Thema nach den Worten von Manfred Werfel, Deputy CEO der WAN-IFRA CH und Executive Director Newspaper Production, zwar für "hochspannend" und ist seit einiger Zeit in Gesprächen zu dem Thema. Augmented Reality-Anwendungen bei Tageszeitungen in Deutschland hat es aber nach seinen Informationen noch nicht gegeben. Die Welt kompakt arbeitet mit QR-Barcodes arbeitet, die als Links fungieren. In den USA hat das Magazin Esquire im Dezember eine AR-Sonderausgabe herausgebracht.

Doch das, was dort und in der gedruckten Rhein-Zeitung durch sogenannte Marker erzeugt wird, ist nur ein Beispiel für AR - also dafür, wie alltägliche Gegenstände zum Sprungbrett werden in eine Welt, in der die greifbare Wirklichkeit und Datenwelt verschmelzen. Solche Marker oder auch Orte sind dann Schlüssel für die virtuelle Welt. Fällt das elektronische Auge auf einen solchen Marker oder einen bestimmten Ort, dann schiebt sich dort digitale Schöpfung ins Bild - wie etwa Heinzelmännchen.

„Das Internet explodiert in die reale Welt“

Schon ist die Rede davon, dass das Internet zum Outernet wird. "Das Internet explodiert in die reale Welt" ist Titel einer aktuelle Analyse, herausgegeben von der Online-Marketingagentur Proximity Germany und dem nach eigenen Angaben in Europa führenden Micro-Trendforschungsunternehmen TrendONE. Fazit: "Die Frage lautet nicht, ob das Outernet kommt, sondern wie schnell." Und Marc Maurer, Organisator des ersten derartigen Augmented-Reality-Entwicklertreffens in Deutschland, verkündete in der Einladung: "Nach beinahe 20 Jahren in den Forschungslaboren nimmt Augmented Reality Gestalt an, um als eine der nächsten großen Innovationen unsere physische Welt mit digitalen Medien, Informationen und Erfahrungen zu erweitern."

Mit Erfahrungen wie denen am Rheinufer in Köln: Bisher war zumindest außerhalb der Stadt klar: Heinzelmännchen, jene dienstbaren Geister, die in der Nacht Menschen Arbeit abnehmen, gibt es in der Realität nicht. Für die Mitspieler ist das nicht so einfach: "In welcher Realität?", heißt die Frage bei einem Forschungsprojekt des Fraunhofer Instituts für Angewandte Informationstechnik (FIT). Mit deren Technik kann man die Heinzelmännchen nämlich treffen und hören.

"Habt Ihr die Schulklasse gesehen", fragt Leif Oppermann vom FIT. Zwei Mitspieler schauen verdutzt: Das Duo mit Sprechgarnitur, das auf ultra-mobile PCs starrte, hat zwar Spott der Halbstarken auf sich gezogen. Doch die Spieler waren am gleichen Ort in einer anderen Welt. Sie haben die ins Videobild der integrierten Kamera eingeblendeten Heinzelmännchen gesehen. Die Schüler neben sich haben sie nicht wahrgenommen.

Immer vernetzt und verortet

Während Laien schon das Erlebnis der vermischten Welten beeindruckt ist, dürften Fachleute von der Technik der Verortung fasziniert sein: Es gibt keine Marker, die für die Heinzelmännchen das Eintrittstor in unsere Welt sind wie auf der Zeitungsseite, sondern sie sind an den Ort gekoppelt. Wenn der jeweilige Standort des Spielers und seine Blickrichtung nicht ganz genau erfasst wären, würden die Heinzelmännchen "springen", ein römischer Torbogen vielleicht im Rhein stehen. Bei herkömmlichen Geräten zur Satellitenortung wäre das so. "Was wir einsetzen, wird es vielleicht in fünf Jahren im Smartphone geben, wenn Teile, die jetzt tausende Euro kosten, für fünf oder zehn Euro zu haben sind", sagt Oppermann zu dem Prototypen. Wo es auf Genauigkeit nicht so ankommt, gibt es Programme bereits, die etwa ins Bild der Handykamera Pfeile als Wegweiser zur nächsten Pariser Metro-Station einblenden.

Hinschauen genügt

Das Prinzip lässt sich bereits erfahren: Eine niederländische Firma hat das Programm Layar erstellt, das beispielsweise über die Realität ein Netz mit den Daten und Orten zum Verkauf stehenden Häusern aufs Handy wirft. Wikitude zeigt dem Betrachter mithilfe von GPS und Kompass im Handy, wo welche Sehenswürdigkeit ist und liefert  die Einträge bei Wikipedia, aber auch Internet-Bewertungen von Nutzern für ein Restaurant.



Koblenzer entwickeln bei Google

Zwei Studenten aus Koblenz haben früh an Anwendungen für Googles Android-Handy getüftelt. 2008 zogen Max Braun und Rafael Spring mit ihrem Programm Enkin (nach einem Aufenthalt in Japan) ins sonnige Mountain View in Kalifornien um – in die Google-Zentrale. Idee von Enkin ist, "Navigation viel einfacher zu machen, indem man es nicht dem Nutzer überlässt, die Realität und die Informationen einer Karte miteinander zu verbinden", erklären sie in ihrem Blog. Und Google hat eine gewaltige Menge Informationen durch seine Anwendungen Google Maps und Google Street View.

Geräte werden auch zunehmend Gegenstände selbst erkennen - und perspektivisch auch Menschen, wenn's von denen nur genug Bilder im Netz gibt. Ein Schwenk mit der Smartphone-Kamera, und der Rechner liefert die Visitenkarte mit Gesprächsthemen.

Weniger irritierende Blüten treiben soll AR bei der Bundesgartenschau Koblenz 2011: Erwogen wird ein Fernrohr, das beim Schwenk passende digitale Informationen über das Bild legt. Mit im Boot sitzt das Institut für Computervisualistik der Koblenzer Uni, wo auch die Enkin-Gründer zur Arbeitsgruppe Augmented Reality gehörten. Dort wird auch am Einsatz in der Medizin geforscht: Ein Chirurg könnte auf einer Datenbrille eingeblendet sehen, wo er bei einer Hirnoperation schneiden muss. "Dazu muss die Technik weit fortgeschritten sein", schränkt Dominik Grüntjens ein, Mitarbeiter der Arbeitsgruppe.

Entwicklung schon seit 20 Jahren

So weit hatte der Boeing-Ingenieur  Thomas Caudell wohl nicht gedacht, als er den Begriff vor rund 20 Jahren erstmals prägte: Er hatte ein System entwickelt, das Technikern einblendete, wie Kabel zu verlegen sind. In der Industrie wurden die Potenziale schnell erkannt: Prototypen von Autos werden schon seit Jahren wie in Science Fiction-Filmen zwischen den Ingenieuren auf den Tisch projiziert, lange bevor sie gebaut sind. Auch der Einbau großer Maschinen in Fabrikhallen wird zunehmend durchgespielt, indem die künftigen Geräte und Leitungen bei Durchgängen ins Videobild des Ist-Zustands eingeblendet werden.

Im Kleinen gibt's das auch für Verbraucher: So integriert iLiving 3-D-Möbel maßstabsgetreu in ein mit dem iPhone gemachtes Foto der eigenen Wohnung. Eine Koblenzer Firma stellte das Programm im März 2009 in ihrem Internetangebot Planungswelten.de vor. Bei dem Projekt unter Federführung der Münchner metaio wirkte die Andernacher SHD Kreative Planungs-Systeme mit. Als ein Hamburger Ikea-Haus von Februar 2009 an ein ähnliches Programm für acht Möbelstücke bot, ließen es sich in sieben Monate 6800 Menschen per SMS schicken.

Erweiterte Realität in der Schule

Und nicht nur die Hersteller von Computerspielen haben Augmented Reality entdeckt. Manche Geschäften können zusammengebaute Bausätze bereits über Lego-Packungen schweben lassen. Bedrucktes kann so eine neue Dimension bekommen. AR-Experte Marc Maurer, dessen Unternehmen empea auch die Marker auf dieser Seite erstellt hat, gibt ein Beispiel: "Stellen Sie sich nur Schulbücher vor, die mit Augmented Reality die Reaktionen von Atomen zeigen, statt einfach nur Masseformeln aufzuzeigen - ein ganz anderer thematischer Zugang für Schüler." Vielleicht tauchen auch die Heinzelmännchen in Köln mal im Geschichtsunterricht wieder auf.

Lars Wienand


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