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Heimweh im Studium ist keine Schande

Münster/Berlin Beim Studienbeginn heißt es für viele, Abschied zu nehmen.

Dann teilt sich die Freundesclique: Die einen ziehen los, um die Welt zu erobern. Die anderen bleiben zurück. Und sind erstmal die Doofen, die den Absprung nicht geschafft haben.

Doch was ist, wenn der Absprung misslingt? Wenn die fremde Großstadt gar nicht so toll ist? Wer sich das eingesteht, ist keineswegs ein Weichei. Denn Heimweh haben nicht nur Muttersöhnchen.

Wegen Heimweh müsse man sich nicht schämen, findet der Studienberater Peter Schott von der Uni Münster. «Das ist ganz normal.» Der Studienbeginn sei oft ein Sprung ins kalte Wasser: «Manche sind zum ersten Mal von zu Hause weg.» Alles ist plötzlich neu: die Stadt, die Leute, das Leben. «Wenn dann das soziale Netz fehlt, ist es klar, dass man sich allein fühlt.»

In Bologna-Zeiten hat sich das Problem sogar verschärft. Der ideale Bologna-Student sei ein internationaler Jetsetter, ein «Unihopper», sagt Stefan Grob vom Deutschen Studentenwerk in Berlin. Mehrere Stationen im Lebenslauf seien für ihn Pflicht: drei Jahre für den Bachelor in die eine Stadt, zum Master in eine andere und zwischendurch ins Ausland.

Sich zu binden, gilt in dieser Logik als Karrierehemmschuh. Der moderne Mensch ist schließlich flexibel und mobil. Das sei aber ein «Zerrbild», meint Grob. «Man muss sich im Studium wohlfühlen, und man braucht etwas, wo man sich zu Hause fühlt.» Denn nur wer sich wohlfühlt, sei auch erfolgreich. Selbst wer das Studium nur mit Blick auf die Karriere plant, fährt besser, wenn er das beherzigt. Schließlich gelten auch Kontakte heute als unersetzlich. Und die hat man nicht, wenn man immer nur Kurzzeitgast ist.

Manchmal kann es sich also lohnen , zurückzukehren, wenn sich die Wahl des Studienortes als Fehler herausstellt. Durchhalten und das Studium durchziehen, ist dann die falsche Devise. Dass Heimweh ein Grund ist, den Studienort zu wechseln, findet auch die Psychologin Konstanze Burger, die Studenten an der Uni Bochum berät. «Das wirkt sich sonst ja auch auf die Leistungen aus.» Und wenn Studenten sich selbst unglücklich machen, wachse die Gefahr eines Studienabbruchs.

Heimweh eingestehen wollen sich aber die wenigsten. «Das ist natürlich uncool», sagt Burger. Hinzu kommt, dass Heimweh sich so altmodisch anhört, ergänzt Grob. Kein Wunder also, dass es vielen peinlich ist, darüber zu reden.

Klar, die Häme ist vielleicht groß , wenn der Großstädter in die Kleinstadt zurückkehrt, über die er vorher gelästert hat. Denn ein solcher Rückzug sieht erstmal wie ein Scheitern aus. Wer aber zu so einer «uncoolen» Entscheidung steht, könne daraus sogar Stärke entwickeln, sagt Grob. Denn letztlich steht er damit zu sich selbst und wirkt dadurch authentischer.

Manchmal sind die Probleme mit der Sehnsucht nach zu Hause aber auch hausgemacht. Man müsse der neuen Stadt auch eine Chance geben, rät Burger. Viele machten aber den Fehler, am Anfang jedes Wochenende nach Hause zu fahren. Dadurch wird das Abnabeln von zu Hause schwieriger. Stattdessen müssten Erstsemester versuchen, unter Leute zu kommen, rät Burger. Dazu sollten sie zu Beginn jede Gelegenheit nutzen: Uni-Partys, Lerngruppen, Sport, den Chor, die Mensa. Viele Studenten wollen nicht von zu Hause weg Der Studienbeginn gilt als die Zeit des Aufbruchs. Viele wollen anscheinend aber gar nicht weg von zu Hause. «Die deutschen Studenten sind extrem sesshaft», sagt Stefan Grob vom Deutschen Studentenwerk. Nur rund jeder Siebte verlasse sein Bundesland für das Studium. Und etwa jeder Fünfte wohne im Studium sogar noch bei den Eltern. Von Tobias Schormann, dpa

dpa-infocom


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