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 Brennpunkt 

Der bunte Revoluzzer des Internets gerät ins Visier der Datenschützer

Google will unser Leben – und zwar ganz

Googles Sündenfall war, auf die Straße zu gehen. Vor zwei Jahren begann der Internetkonzern damit, für sein Projekt „Street View“ ganze Straßenzüge abzufotografieren, samt anliegenden Häusern, Vorgärten und den Menschen, die zufällig vor die Linse kamen.

Klaus Globig, stellvertretender Datenschutzbeauftragter von Rheinland-Pfalz, glaubt, dass dies der Moment war, in dem die Stimmung kippte. „Da haben viele gemerkt, dass sie von Google erfasst werden, selbst wenn sie gar nicht das Internet nutzen.“ Die Suchmaschine hatte angefangen, uns zu suchen.

Doch obwohl die Kritik wächst , halten die Nutzer Google die Treue. In Deutschland hat die Suchmaschine einen Marktanteil von 90 Prozent. André Vatter, einer der Autoren des Blogs Basic Thinking (www.basicthinking.de), hat sich viel mit Google beschäftigt. „Es gibt einen einfachen Grund für die Beliebtheit: Es kostet nichts. Dazu ist die Bedienung so simpel, dass sie auch von unerfahrenen Nutzern intuitiv zu erlernen ist.“ Google reduzierte das vielen Menschen kompliziert erscheinende Internet mit seinen Milliarden von Seiten auf ein einziges Eingabefeld. Das funktioniert so gut, dass das bunte Logo zum Kompass für alle Netzentdecker geworden ist. Viele weitere Anwendungen wie ein E-Mail-Angebot oder der Kartendienst Google Maps komplettieren den Service. Googeln, also „Google fragen“, ist zu einer Lösung für so ziemlich jedes Alltagsproblem geworden.

Die Helden des Internets

„Die Google-Gründer wurden zu Helden des Internets stilisiert“, erklärt Sabine Einwiller, Professorin für Unternehmenskommunikation an der Uni Mainz. Nicht nur das Produkt überzeugte, die Menschen entwickelten eine emotionale Bindung zu Google. Es war der sympathische David, der unter dem Firmenmotto „Tu nichts Böses“ Goliaths wie den Software-Riesen Microsoft he?rausforderte. Doch genau diese Strategie wendet sich jetzt gegen Google, das längst selbst zum Goliath geworden ist. Denn neben den Produkten und der emotionalen Bindung gibt es noch eine moralische Ebene, auf der Unternehmen bestehen müssen, erklärt die PR-Expertin: „Und darüber könnte Google jetzt stolpern.“

Wie geriet Google in die Kritik?

Um zu verstehen, wie Google in die Kritik geraten konnte, muss man das Kerngeschäft des kalifornischen Unternehmens kennen: Werbung. „Und das hat erst mal nichts mit ,Gut' oder ,Böse' zu tun“, erklärt André Vatter. Das A und O in diesem Geschäft ist, die Wünsche des Kunden zu kennen. Niemand strebt dabei so nach Perfektion wie Google. Das Unternehmen schreckt auch nicht davor zurück, E-Mails, die über den Dienst Google Mail verschickt werden, „mitzulesen“. Ein Computerprogramm scannt die elektronische Post auf Schlagworte und platziert dazu passende Anzeigen neben den Mails. Wer sich zum Beispiel per Mail zum Fußballgucken verabredet, bekommt möglicherweise Werbung zu Fanartikeln präsentiert. Stephan Keuchel, Sprecher von Google Deutschland, findet dieses System „genial“. Tatsächlich dürfte es vielen Nutzern recht sein, von Google nicht mit blinkender Bannerwerbung belästigt zu werden.

Die Google-Philosophie lautet: Jeder Mensch soll nur das zu sehen bekommen, was ihn wirklich interessiert. Klickt ein Nutzer auf eine Anzeige, klingelt bei Google die Kasse. Denn nur dann muss der Kunde seine Werbung bei Google auch bezahlen. Und das passiert nicht selten: Im Jahr 2009 verdiente Google mehr als 6,5 Milliarden Dollar bei einem Umsatz von 23,7 Milliarden Dollar. Doch der gigantische Erfolg von Google wird vielen langsam suspekt.

Google gefährlicher als der Staat

Aus gutem Grund, findet André Vatter: „Die Gefahr der kompletten Überwachung ist bei Google größer als beim Staat.“ Auch Datenschützer Globig ist angesichts der Datenmengen, die Google angehäuft hat, besorgt: „Das birgt schon eine Menge Missbrauchspotenzial.“ Beispiel: Ein von Google entwickeltes Handyprogramm erkennt Gebäude und Gegenstände. Fotografiert man diese, kann man gleich Informationen zum Motiv im Internet abrufen. Die Kehrseite: Auch Gesichter werden erkannt. Und die Google-Datenbank könnte die Gesichter auf den Fotos sofort zuordnen, zum Beispiel einem Profil in einem sozialen Netzwerk wie dem Portal Wer-kennt-wen. Bis jetzt hat Google sein Versprechen gehalten, mit den Daten sorgsam umzugehen. Gerade in Deutschland habe man ohnehin einzigartige Standards, erklärt Keuchel. „In keinem anderen Land ist es möglich, Street-View-Fotos zu löschen, bevor sie veröffentlicht wurden.“

Dennoch muss man Google stärker auf die Finger schauen, finden sowohl Blogger als auch Datenschützer. Gesetze gegen Google halten sie für schwierig: „Ich sehe nicht, wie hier der nationale Gesetzgeber tätig werden soll“, sagt Globig. Schließlich ist Google ein amerikanisches Unternehmen. Vatter sieht noch ein anderes Problem: „In der deutschen Regierung fehlt es bei dem Thema an Sachkompetenz.“ Doch wäre eine fundierte Debatte nötig. Damit könnte man dem Unternehmen die Grenzen aufzeigen, ohne es in die Schranken weisen zu müssen.

Moritz Meyer; Illustration Svenja Wolf


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