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Kindersoldaten in Uganda

Gulu - Neun Jahre lang galt für Florence über allem die eine Regel: Wenn du überleben willst, pass auf deine Waffe auf. „Auch wenn es kein Essen gibt und du schwach bist: Verlier deine Waffe nicht! Selbst wenn es bedeutet, dein Kind zurückzulassen: Verlier deine Waffe nicht!“ Für die ugandischen Rebellen der „Lord’s Resistance Army“ (LRA) – der „Widerstandsarmee des Herrn“ – wäre das Mädchen ohne sein Gewehr nichts mehr wert gewesen.

Es geschah am helllichten Tag am 4. Oktober 1994: Die zwölfjährige Florence ist mit ihren Freundinnen in der Schule, als die Soldaten in das Gebäude stürmen. Wen sie nicht gleich töten oder brutal verstümmeln und zur Abschreckung zurücklassen, den nehmen sie mit. Florence muss den Rebellen folgen, von denen manche nicht viel älter sind als sie selbst. Ein langer Fußmarsch aus ihrer Heimat bei Gulu in Norduganda zu einem Camp im Süden des Sudan steht ihr bevor. Das Gelände wird am Ende gebirgig. „Wir hatten nicht mehr viel Kraft, aber wer in der Gruppe zurückfiel, wurde sofort erschossen.“

Mehr als 20 Jahre lang terrorisierte die LRA vor allem den Norden Ugandas, kämpfte unter dem selbst ernannten biblischen Propheten Joseph Kony für ein Uganda auf Basis der Zehn Gebote – kaum zu verstehen nach all den Gräueltaten, die auf ihr Konto gehen. Kony und mehrere seiner Kommandeure sind seit 2005 vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag angeklagt. In zwölf Punkten für Verbrechen gegen die Menschlichkeit, in 21 Punkten für Kriegsverbrechen – unter anderem Massenmord, Vergewaltigungen, sexuelle Versklavung und Zwangsrekrutierung von Kindersoldaten wirft man ihnen vor.

Dem Kopf der LRA kommt Florence im Camp ganz nah. “Wir wurden in kleinere Gruppen eingeteilt, zu denen Kony mindestens einmal in der Woche sprach, oder auch dann, wenn Kämpfe mit der Regierungsarmee bevorstanden.” Mit der eindringlichen Stimme eines Predigers schwört der Rebellenführer die “Soldaten” auf seinen schmutzigen Krieg ein – betet mit ihnen, damit sie im Kampf beschützt sind, vermengt dabei seine Version der Bibel mit dem traditionellen Geisterglauben des Acholi-Volks.

Dabei hat der Terror System – nicht nur, um die Zivilbevölkerung in Angst und Schrecken zu versetzen: Oft werden die frisch rekrutierten halbwüchsigen Kämpfer gezwungen, Eltern oder Geschwister umzubringen. So werden sie brutal ans Töten gewöhnt, und zugleich ist die Rückkehr in ihre Heimat verbaut. Wer sich verweigert, stirbt vor den Augen der anderen.

“Er schickte uns in die Dörfer, damit wir den Menschen dort die Lippen abschneiden und Essen mitbringen. Oder er sagte: Aus diesem Ort will ich hören, dass dort diese Zahl von Menschen getötet wurde”, erzählt Florence mit einer sachlichen Ruhe, die das Blut in den Adern gefrieren lässt. Die männlichen Soldaten tragen mit systematischen Vergewaltigungen zum Furcht einflößenden Ruf der Rebellengruppe bei.

Die zwangsrekrutierten Kinder werden nicht nur als Tötungsmaschinen geschult, als Späher an die Front geschickt oder zum Plündern ausgesandt. “Du wurdest am Anfang einem Mann zugeteilt, bei dem musstest du einen Monat bleiben – wer immer dich danach haben wollte, schrieb einen Brief an Kony. Und wenn die Zeit kam, musstest du dort hingehen, ob du wolltest oder nicht, du musstest gehen, auch wenn es ein sehr alter Mann war …” Und alles für ihn tun, was er verlangte. “Wer sich weigerte, den haben sie an einen Baum gebunden und erschossen – sodass es alle sehen konnten.”

Mit 15 Jahren wird Florence zum ersten Mal schwanger, von einem deutlich älteren Mann. Zwei Kinder bekommt sie während ihrer Zeit im Camp: Akwuro und Silvercon. Onen kommt erst später zur Welt; mit ihm ist sie schwanger, als sie dieses Leben hinter sich lässt.

Das einst unschuldige Mädchen durchlebt ein Martyrium in all diesen Jahren. Doch die Angst vor einer Flucht ist groß. Zu oft hat Florence erlebt, was mit denen passiert, die bei einem Versuch erwischt werden. Erst im chaotischen Kampfgetümmel einer heftigen Attacke durch ugandische Regierungstruppen kann sie 2003 entkommen. Die Armee greift sie schließlich auf, hält sie eine Woche lang in einer Baracke gefangen. Sie wird als mögliche Spionin der LRA verhört, bevor sie in ein ungewisses neues Leben entlassen wird.

Im Aufnahme- und Therapiezentrum für ehemalige Kindersoldaten der Hilfsorganisation World Vision in Gulu findet sie Unterstützung, auch bei der Suche nach ihren Verwandten. Der Vater ist bereits tot, die Mutter schwer krank. Sie weigert sich auch zunächst, die Tochter zu treffen. “Für sie war ich längst tot, aber als wir uns zum ersten Mal wiedersahen, haben wir beide nur noch geweint. Wir konnten nicht sprechen bis zum nächsten Morgen, als sie mich noch einmal dort besuchte. Dann haben wir lange gesprochen und miteinander gebetet.”

Der Neuanfang war nicht leicht. Doch mit ein wenig Starthilfe und einer Ausbildung hat sich Florence eine Existenz aufgebaut: Sie handelt heute als Kleinunternehmerin mit Lehmziegeln. Ihr größter Wunsch: Ihre Kinder sollen studieren. “Ich hatte dazu keine Chance. Ich habe mein Leben in Gefangenschaft und im Krieg vergeudet.” Was die heute 27-Jährige in dieser Zeit erlebt hat, wird sie nie vergessen.

Konys Kampf geht unterdessen weiter. Nach ihrer Vertreibung durch die ugandische Armee zog sich die LRA ins Grenzgebiet zwischen dem Kongo und dem Südsudan zurück. Von dort aus überfallen die Rebellen weiter Dörfer in der Umgebung und entführen neue Kindersoldaten – seit den 90er-Jahren sind es nach verschiedenen Schätzungen zwischen 30 000 und 60 000 gewesen. Friedensverhandlungen lehnt Kony ab, solange der Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs gegen ihn besteht.

Carsten Luther; Video: dpa