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Die Herren des Rings und ihr Finanz-Fiasko

Rheinland-Pfalz Der Nürburgring entwickelt sich zum bisher gefährlichsten Fehlschlag für die SPD-Regierung unter Ministerpräsident Kurt Beck.

Fast wöchentlich gibt es neue Horrormeldungen. Unsere Serie „DAS RING-DRAMA“ beschreibt die wahren Ausmaße dieses Millionen-Skandals.

Macht das Projekt „Nürburgring 2009“ aus der „Grünen Hölle“ ein gigantisches Millionengrab? Neue, noch geheime Unterlagen der Nürburgring GmbH, die unserer Zeitung vorliegen, lassen genau das befürchten: Gutachter der renommierten Wirtschaftsprüfer Ernst & Young haben im Auftrag der GmbH eine schockierende Zehn-Jahres-Prognose erstellt. Demnach erwirtschaftet der Nürburgring bis 2020 rund 151 Millionen Euro Verlust – wenn es gut läuft. Wenn es schlecht läuft mit dem Rettungskonzept der Landesregierung sind es sogar 250 Millionen. Und das alles passiert, obwohl die Nürburgring GmbH bereits 2006 faktisch pleite war.

Gefahr für „König Kurt“

Eine Viertelmilliarde Euro – dafür könnte man fast sechsmal das neue Stadion des Mainz 05 bauen, 1000 Einfamilienhäuser errichten oder 12 500 VW-Golf kaufen. Dabei sollte das Millionenprojekt „Nürburgring 2009“ eigentlich zu einem großen Erfolg von Ministerpräsident Kurt Beck und seiner SPD-Alleinregierung werden. Doch bisher gleicht die Erweiterung der ehrwürdigen Eifel-Rennstrecke zum ganzjährigen Freizeit- und Geschäftszentrum einer finanziellen Geisterfahrt. Baukosten explodieren, Besucherzahlen werden nach unten korrigiert, Attraktionen funktionieren nicht – und angebliche Geldbeschaffer haben trotz fehlenden Erfolgs riesige Provisionen eingestrichen. Für Beck ist es der größte Flop in seiner 15-jährigen Amtszeit. Und er ist vor allem der gefährlichste.

Den Mythos Nürburgring zu Geld zu machen – daran hat sich seit Jahrzehnten noch jede Regierung in Mainz versucht. Dauerhaft geschafft hat es keine. Doch der jüngste Versuch krönt in seinen Dimensionen alles bisher Dagewesene. 2009 erlebte deshalb Finanzminister Ingolf Deubel am Nürburgring sein „Deubakel“. Bis zu den Landtagswahlen 2011 könnte es sich zum Beck’schen Drama ausweiten – mit „König Kurt“ als tragischem Helden. Die Ring-Legende droht für Beck ein Fluch zu werden, der ihn sogar die Krone kosten kann.

Seit gut einem Jahr ist die „Nürburgring-Affäre“ inzwischen das Thema Nummer eins in Rheinland-Pfalz. Ihren vorläufigen Höhepunkt hatte sie am 7. Juli 2009, als Ingolf Deubel zurücktrat – als Finanzminister und als Aufsichtsratschef der Nürburgring GmbH. Damals war dessen Versuch, potente private Investoren für den Ring zu finden, nach monatelangem Hickhack gescheitert. Mit den Hintergründen des Finanzflops befassen sich jetzt die Staatsanwaltschaft Koblenz, ein Untersuchungsausschuss im Landtag und der Landesrechnungshof.

Doch nicht nur die Finanzierung des Projekts „Nürburgring 2009“ sorgt für politischen Sprengstoff. Auch die Zehn-Jahres-Prognose ist geradezu erschreckend. Noch erschreckender wird sie allerdings, betrachtet man die gigantischen Baukosten. Sie haben sich bereits jetzt mehr als verdoppelt. Allein der Bau einer zusätzlichen Videowand schlägt mit drei Millionen Euro zu Buche.

Ursprünglich sollte das Projekt 150 Millionen Euro kosten. Im Jahr 2007, als Bagger und Arbeiter die größte Baustelle im Land in Betrieb nahmen, ging die Regierung schon von 215 Millionen Euro Kosten aus. Anfang 2009 waren es 250, derzeit sind es 350 Millionen Euro. 115 Millionen Euro davon werden zwar von einem privaten Investor namens Mediinvest aufgebracht, aber von einer Tochtergesellschaft der landeseigenen Investitions- und Strukturbank (ISB) zum großen Teil mit stillen Einlagen gestützt. Für die übrigen 235 Millionen Euro steht die weitgehend landeseigene Nürburgring GmbH gerade. Denn gebaut wird immer noch an vielen Ecken und Enden.

Nun könnte man sagen: Okay, Becks Regierung hat sich mit dem Projekt übernommen. Sie hat einen Fehler gemacht, aber sie wollte das Beste für die strukturschwache Eifel. Aber die Gutgläubigkeit, mit der sie sich in das finanzielle Großabenteuer gestürzt hat, macht sprachlos. Bereits 2007 stellten Wirtschaftsprüfer des international tätigen Unternehmens KPMG fest: Die Nürburgring GmbH – ihr gehört der Ring – ist total überschuldet und müsste eigentlich Konkurs anmelden. Sie hatte im Jahr 2006 gut 40 Millionen Euro Verlust gemacht, 2005 waren es zehn Millionen Euro. Ihr Eigenkapital war 2006 aufgebraucht, der Fehlbetrag betrug 12 Millionen Euro.

Deutlicher als der Landesrechnungshof Rheinland-Pfalz konnte man damals kaum noch werden. Die Prüfer stellen in ihrem Jahresbericht 2006 fest: Ende 2009 ist das Kapital der Ring GmbH aufgebraucht. Außerdem zahlt die Ring GmbH zu hohe Gehälter und beschäftigt zu viele Berater. Aufträge werden ohne Ausschreibungen vergeben, jedes Formel-1- Ticket wird überdies mit 133 Euro subventioniert.

Aber der inzwischen geschasste Ring-Manager Walter Kafitz fühlte sich damals sicher: Das Land fand immer Wege, den Konkurs zu verhindern. Keine Partei konnte und kann es sich politisch leisten, den Nürburgring einfach dichtzumachen. Denn der Ring steht seit seinem Bau 1927 nicht nur für Mythos, er ist wie der Betzenberg in Kaiserslautern auch ein Teil der Identität dieser Region – für Schrauber, Rennverrückte und alle, die in der Eifel von der Rennstrecke leben. Kafitz irrte nicht: Die Landesregierung half wieder aus.

Falsche Besucherprognose

Und: Man hielt trotz interner Warnungen und einiger Alarmrufe aus der Region unbeirrt an dem Großprojekt „Nürburgring 2009“ fest. Dabei müssen die Hauptverantwortlichen am Ring von der katastrophalen Finanzlage rechtzeitig gewusst haben. Trotzdem waren Walter Kafitz als Chef der Nürburgring GmbH und Finanzminister Ingolf Deubel als Aufsichtsratsvorsitzender der GmbH damals offenbar davon überzeugt, dass das Projekt ein Erfolg wird. Im November 2007, drei Monate nach Erscheinen des ernüchternden KPMG-Berichts, setzten beide feierlich den ersten Spatenstich für das neue Millionenprojekt. Und das, obwohl bereits in der Vergangenheit diverse andere Projekte der Not leidenden GmbH kläglich gescheitert waren und Millionenverluste eingefahren haben.

Auf welcher Grundlage die Landesregierung die gigantische Millionen-Investition in den „Nürburgring 2009“ beschlossen hat, ist noch ein Rätsel. Der gefeuerte Ring-Chef Walter Kafitz behauptete jahrelang, der neue Ring werde zu den bisher angeblich zwei Millionen Besuchern weitere 500 000 Gäste in die Eifel locken. Aber woher hatte er diese Zahl? Bis heute gehen die Pressesprecher der Nürburgring GmbH davon aus, dass sie aus einer Prognose des Hamburger Unternehmens Wenzel Consulting stammt. Doch deren Chef Carl-Otto Wenzel sagt im Gespräch mit unserer Zeitung: „Die Zahl ist nicht von uns.“ Nicht nur das: Die Zahl erinnert an ein uraltes Gutachten zum nie gebauten Projekt „Motorland“. Die optimistische Besucherprog-nose hatte übrigens auch schon der Landesrechnungshof im Jahr 2006 bezweifelt. Heute muss Berater Wenzel im Untersuchungsausschuss Rede und Antwort stehen.

Drohen noch Altlasten?

Die Karre steckt im Dreck. Und die finanziellen Folgen für das Land und die Steuerzahler sind noch nicht absehbar. Bange Beobachter fragen sich: Welche Altlasten drohen neben dem Finanzierungsbedarf von 350 Millionen Euro eigentlich noch? Die Bilanz von 2008 schließt nach Angaben des für den Ring zuständigen Wirtschaftsministers Hendrik Hering (SPD) mit einem Minus von 3,04 Millionen Euro ab, die von 2009 mit einem Fehlbetrag von 13 Millionen Euro. Eins bleibt auch klar: Der Steuerzahler ist keinesfalls völlig aus dem Schneider, wie die SPD-Landesregierung erklärt: Verluste der Formel 1 landen im Landeshaushalt – als Strukturpolitik für die Eifel. Aber die hat ja Tradition seit 1927.

Walter Kafitz gilt als einer der Hauptverantwortlichen für die Misere am Nürburgring. Er wurde Ende 2009 als Chef der Nürburgring GmbH gefeuert. Der bei Mitarbeitern gefürchtete Choleriker hatte ein kaum durchschaubares System von Beratern, Firmen und Seilschaften aufgebaut. Mehr über das „System Kafitz“ lesen Sie nächste Woche in unserer Serie.

RZO