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Draußen Mister Nürburgring, drinnen "Dr. Kann-Nix"

Rheinland-Pfalz Walter Kafitz ließ sich als Geschäftsführer der Nürburgring GmbH gern feiern.

Recherchen unserer Zeitung ergaben allerdings ein ernüchterndes Bild von dem Mann, der dort 15 Jahre lang schalten und walten konnte, wie er wollte. Das System Kafitz: Teil zwei unserer Serie DAS RING-DRAMA.

Wenn seine Mitarbeiter nicht parierten , brüllte er sie nieder. Dann bebte seine Stimme, sein Gesicht wurde dunkelrot. Walter Kafitz (59) war 15 Jahre lang unangefochtener Nürburgring-Chef, und er führte sich in der Eifel auf wie ein autoritärer Provinzfürst. Kritik am Herrn des Rings gab es durchaus, doch sie blieb stets unter der Decke. Warum das Land als 90-prozentiger Gesellschafter der Ring GmbH so lange an Kafitz festhielt, ist eines der größten Rätsel der Nürburgring-Affäre.

Seine große Leidenschaft war das Geldausgeben. Und die lebte Kafitz am Ring voll aus. Ein Beispiel: Er hatte immer ein bescheidenes Büro im nüchternen Verwaltungsgebäude. Ausgerechnet in dem Moment, als es seinem Unternehmen so schlecht ging wie nie, sollte es etwas Großes sein. Im Projekt "Nürburgring 2009" hatte er für sich ein Pracht-Büro vorgesehen. Ein angemessener Sitz für einen Manager mit 300 000 Euro Jahresgehalt und einem 150 000 Euro teuren BMW M 5 als Dienstwagen. In bester Lage, über der Haupttribüne, mit Blick auf die Rennstrecke. Mit separatem Ruhebereich, Konferenzraum, Sekretariat, Empfangsbereich und üppigem Balkon inklusive Panoramablick auf die Formel-1-Strecke.

Erst Kafitz" Nachfolger Hans-Joachim Koch machte jetzt Schluss mit dem Prunkprojekt. Der neue Hauptgeschäftsführer der Nürburgring GmbH erklärt auf Nachfrage unserer Zeitung: "Ich habe das Bauvorhaben gestoppt." Das neue Büro der Geschäftsführung soll kleiner und maßvoller werden. Es kommt nicht auf das Dach der Haupttribüne, sondern in ein Gebäude abseits der Rennstrecke. Wo Kafitz eigentlich künftig residieren wollte, entstehen edle Logen für Ehrengäste und reiche Promis.

Die Folgen dieser großspurigen Grundhaltung von Walter Kafitz sind bis heute fatal: An der legendären Eifel-Rennstrecke droht eine der größten Millionenpleiten der rheinland-pfälzischen Geschichte. Die Baukosten für das Projekt "Nürburgring 2009" sind von 215 auf 350 Millionen Euro gestiegen. Bis 2020 könnte der Ring bis zu 250 Millionen Euro Verlust machen, wenn das Rettungspaket der SPD-Alleinregierung scheitert.

Kafitz" wichtigster Finanzier war all die Jahre die SPD-geführte Landesregierung im fernen Mainz. Der Ring-Manager schaffte es immer wieder, sie für seine Millionenprojekte zu begeistern. Noch bei der Eröffnung des längst in die Negativschlagzeilen geratenen neuen Nürburgrings am 9. Juli 2009 sieht Kafitz sich fest im Sattel sitzen. Sein Stuhl stehe zementiert wie in Beton, ruft er kritischen Fragern zu. Im Dezember 2009 aber wird er gefeuert.

Doch Kafitz fällt weich. Sein Stuhl steht jetzt am Persischen Golf. Während Staatsanwälte, Rechnungsprüfer und Politiker sich mühen, die Hintergründe der Ring-Affäre zu klären, hat Kafitz sich einen neuen Posten in Abu Dhabi gesichert. Dort soll er sich als Direktor um das Motorsportgeschäft auf der neuen Formel-1-Strecke "Yas Marina Circuit" kümmern. Dabei ist er im Maserati unterwegs. Nach Informationen unserer Zeitung kam er über den Stararchitekten Hermann Tilke (55) ins Geschäft mit Abu Dhabi. Tilke baut den eine Milliarde US-Dollar teuren Komplex für die Scheichs.

Kafitz und Tilke verbindet eine dicke Männerfreundschaft. Heute ist Tilke der Chef von Kafitz, früher war Kafitz Tilkes "Wohltäter". Jahrelang hat er an ihn alle Großaufträge am Ring vergeben, etwa für den Bau der Mercedes-Benz-Tribüne, den Neubau des Boxengebäudes oder den Umbau der Grand-Prix-Strecke. Seit 2005 war Tilke auch Generalplaner des Projekts "Nürburgring 2009". Ist der Vertrag für Kafitz im Emirat sein Dank für die gute Zusammenarbeit? Heute prüft der Aufsichtsrat Schadenersatzansprüche gegen Tilke wegen der Kostenexplosion.

Walter Kafitz, promovierter Betriebswirt aus Kaiserslautern, gilt als ein Hauptverantwortlicher für das Finanzdesaster. Wie sehr er sich als Herr des Rings fühlte, verdeutlicht folgendes Zitat: "Ich hatte seit 1994, seit ich hier bin, schon 100 Millionen Euro investiert", sagte er einmal. Nicht das Land. Nicht die Ring GmbH. Nein, Dr. Kafitz.

Seine Lust am Geldausgeben wurde ihm immer wieder vorgeworfen. Doch nennenswerte Folgen hatte das nie. Ein Beispiel: Der Landesrechnungshof rügte 2006, dass die Gehälter der Führungsriege in der Nürburgring GmbH zwischen 1999 und 2005 viel stärker gestiegen waren als in der freien Wirtschaft. 1999 erhielt ein Abteilungsleiter rund 50 000 Euro Jahresgehalt, 2005 waren es 91 000 Euro. Das ist ein Anstieg von 80 Prozent. Auch die Schieflage in den Tochterunternehmen wurde von den Prüfern angeprangert. Doch Kafitz konnte weitermachen. 2009 verdienten Mitarbeiter in den obersten Etagen durchschnittlich knapp 199 000 Euro pro Jahr.

Seine Mitarbeiter nannten ihn gern "Dr. Kann-Nix". Aber sie fürchteten ihn auch. Kafitz ist ein Choleriker, er kann von einer Sekunde zur nächsten ausrasten: "Seine häufigen Wutausbrüche waren am Ring gefürchtet", erzählt der Betriebsratsvorsitzende der Nürburgring GmbH, Manfred Strack (42). "Viele Mitarbeiter hatten Angst, wenn das Telefon klingelte und im Anruferfeld "Dr. Kafitz" stand. Häufig machte Kafitz seine Mitarbeiter auch vor Kunden zur Schnecke. Die sahen das und waren fassungslos." Kritische Meinungen von leitenden Angestellten wurden weggewischt, oder die Mitarbeiter flogen raus. Selbst Geschäftspartner hatten zu tun, was er sagte. Taten sie es nicht, gab er ihnen keine Aufträge mehr. Auch dies blieb alles folgenlos.

Menschen zu finden, die etwas Positives über Kafitz sagen, ist schwer. Auch Rainer Mertel, sein Vorgänger als Ring-Chef, sparte nicht mit Kritik. Vor dem Untersuchungsausschuss des Landtages erinnerte er sich an die Zeit, als er Kafitz einarbeitete: "Ich war kreuzunglücklich. Ich kam mit meinem Nachfolger nicht parat." Vor allem habe Kafitz schlampig gearbeitet. Das ist ein Vorwurf, der später auch unter Nürburgring-Mitarbeitern kursierte. Immerhin räumt Betriebsratschef Strack ein: "Kafitz hat großes Verhandlungsgeschick. Er kann Gesprächspartner für seine Ideen gewinnen. Wenn er es heute nicht schafft, spricht er sie morgen erneut an."

Als Kafitz" größtes Verdienst gilt allgemein, dass er 1995 die Formel 1 nach zehn Jahren Abstinenz zurück an den Ring holte. Allerdings ist fraglich, ob dies auch tatsächlich so war. Denn Amtsvorgänger Mertel berichtete im Untersuchungsausschuss: Er habe die Grundlagen für die Formel-1-Rückkehr geschaffen und den jahrelangen Zwist mit Formel-1-Boss Bernie Ecclestone beigelegt.

Anfangs bringt die Formel 1 sogar satte Gewinne. Doch dann steigen die Preise für das Motorspektakel, seit Jahren verursacht die Formel 1 am Ring Millionenverluste - genauso wie Kafitz" Versuche, den Ring zum Freizeitzentrum für die ganze Familie zu machen: 1998 eröffnet er die "Erlebniswelt Nürburgring", 2004 die "Bike-World" - ein Motorradhandel, der unter anderem Fahrertraining auf der Nordschleife anbietet. Beide Projekte bringen Millionenverluste. Prominente Teilhaber haben sich rechtzeitig zurückgezogen. Die Miesen zahlt die nahezu landeseigene Nürburgring GmbH.

2006 ist die Nürburgring GmbH faktisch pleite. Trotzdem startet mit dem Segen des Landes die Erweiterung der Rennstrecke zum ganzjährigen Freizeit- und Geschäftszentrum - für einen dreistelligen Millionenbetrag. "Kafitz war bis zum Schluss überzeugt vom Projekt ,Nürburgring 2009"", sagt der Betriebsratsvorsitzende Strack. "Mitarbeiter, die Zweifel äußerten, kamen sofort auf eine "rote Liste"."

Im Juli 2009 kommt es zum vorläufigen Höhepunkt des Ring-Dramas: Die private Finanzierung des Projekts "Nürburgring 2009" scheitert. Finanzminister Ingolf Deubel (SPD) muss abtreten - Kafitz dagegen nicht. Das Land hält weiter an ihm fest.

Gestoppt wird Kafitz erst, als herauskommt, dass er der Cash-Settlement GmbH, die das bargeldlose Bezahlsystem am Ring betreibt, einen ungesicherten Gesellschafterkredit über 5,6 Millionen Euro gab - und zwar ohne die Zustimmung des Aufsichtsrates der Nürburgring GmbH. Am 10. Dezember 2009 wird der Ring-Chef fristlos entlassen.

Kafitz stand an der Spitze eines hoch komplizierten Firmennetzes. Neben seinem Posten als Ring-Chef war er Geschäftsführer von sieben weiteren Tochter-GmbHs. Sie betrieben unter anderem eine Motorsport-Akademie, ein Fahrsicherheitszentrum und einen Offfroad-Park. Selbst Mediinvest-Chef Kai Richter, der private Investor des Projekts "Ring 2009", dessen Engagement mit 85,5 Millionen Euro von Landesgesellschaften abgesichert wird, sagt, Kafitz habe zuletzt völlig den Überblick verloren. Mitarbeiter der Ring GmbH stimmen hinter vorgehaltener Hand zu: Die GmbH hatte einst 60 Mitarbeiter, 2009 waren es 200. Für diesen Großbetrieb fehlte Kafitz das Konzept.

Aber: Kafitz tut heute so, als sei er sich keiner Schuld bewusst. Er hält seine Kündigung für unangebracht und klagt am Landgericht Koblenz. Sein Vertrag lief bis 2014. Bekommt er recht, könnte er mehr als eine Million Euro Abfindung erhalten.

Vielleicht klagt Kafitz aber auch, weil ihn die Angst gepackt hat. Nach dem von unserer Zeitung veröffentlichten Gutachten der renommierten Wirtschaftsprüfer Ernst &amp;amp;amp; Young kann die Ring GmbH knapp 300 000 Euro Schadenersatz verlangen. Die Grünen rechnen sogar vor, dass er bis zu 6,5 Millionen Euro Schadensersatz an die Ring GmbH zahlen muss. Das ist auch für einen Möchtegern-Provinzfürsten aus der Eifel richtig viel Geld.

RZO