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Arbeitslohn liegt oft nur mit Staatshilfe über Hartz IV

Berlin Wer arbeitet, muss mehr im Portemonnaie haben als der, der nicht arbeitet. Das Lohnabstandsgebot ist Gesetz.

Aber lohnt es sich finanziell wirklich für alle, jeden Tag acht Stunden oder mehr zu malochen? Forscher behaupten, dass die Realität eine andere ist. Für viele Hartz-IV-Empfänger gebe es deshalb wenig Anreiz, sich eine Vollzeitstelle zu suchen. Wer arbeitet, sei am Ende der Dumme.

Die Friseurin ist alleinerziehend und hat zwei Kinder. Sie lebt in einer Region im Norden Deutschlands, die als strukturschwach gilt. 900 Euro würde sie hier brutto mit einer Vollzeitstelle in ihrem Beruf verdienen. Da nimmt sie lieber Hartz IV, hat mehr Zeit für ihre Kinder und verdient sich nebenbei schwarz noch etwas dazu. Ein Einzelfall? Glaubt man der Studie des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, dann zahlt sich ein regulärer Job für viele Hartz-IV-Empfänger schlichtweg nicht aus. Ihr Fazit: "Das Hartz-IV-System wirkt wie eine Falle, in der sich Arbeit nicht lohnt." Andere Forscher bestreiten dies vehement. Darüber, ob sich Arbeit immer auszahlt, wird heftig diskutiert.

Vor allem gering Qualifizierte verdienen den Kieler Untersuchungen zufolge mit einem Vollzeitjob nicht wesentlich mehr, als wenn sie Hartz IV bekämen. Besonders wenig Anreiz, sich einen Vollzeitjob zu suchen, besteht laut der Studie für gering qualifizierte Alleinerziehende mit Kindern. Ebenfalls wenig finanzielle Anreize, von Hartz IV in eine Beschäftigung zu wechseln, gibt es für Arbeitslosengeld-II-Bezieher im Osten, weil die erzielbaren Nettolöhne für sie dort noch niedriger liegen als im Westen. Das Kieler Institut hat für "Spiegel Online" ein Beispiel errechnet: Danach würde sich das Arbeitslosengeld II für einen 45-jährigen Familienvater mit niedriger Qualifikation auf 1738 Euro summieren. Mit einem 400-Euro-Job, von dem er 160 Euro behalten darf, könnte er auf 1898 Euro kommen. Eine Vollzeitstelle im Dienstleistungsbereich brächte dem Haushalt inklusive Kindergeld dagegen nur 1830 Euro ein. Dass der Mann vermutlich Anspruch auf weitere Leistungen wie Kinderzuschlag, Wohngeld oder Aufstockung durch Arbeitslosengeld II hätte, berücksichtigen die Kieler in ihrer Rechnung nicht. "Der Abstand ist zu gering", folgert Klaus Schrader vom IfW. Der finanzielle Anreiz, sich eine Stelle zu suchen, damit auch.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband schlägt mit einer eigenen Untersuchung zurück: "Wer arbeitet, hat immer mehr", sagt Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider. Je nach Haushaltstyp liege der Lohnabstand zwischen Arbeitnehmern im Niedriglohnbereich und Hartz-IV-Empfängern zwischen 280 und 900 Euro im Monat. Zugrunde gelegt wurden Vollzeitstellen mit mindestens 5,90 Euro Stundenlohn. Schneider kritisiert, dass staatliche Leistungen wie Kinderzuschlag oder Wohngeld in anderen Berechnungen nicht berücksichtigt wurden. Das verfälsche die Ergebnisse - und damit die Debatte.

Auch FDP-Chef Guido Westerwelle läge demzufolge mit seinem viel zitierten Beispiel daneben. "Wer kellnert, verheiratet ist und zwei Kinder hat, bekommt im Schnitt 109 Euro weniger im Monat, als wenn er oder sie Hartz IV bezöge", schrieb er und bezeichnete die Rechnung als Beleg für "Leichtfertigkeit im Umgang mit dem Leistungsgedanken". Der Direktor des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit, Joachim Möller, bestätigt, dass die Rechnung des FDP-Manns nicht stimmig ist. Es würde davon ausgehen, dass Westerwelles Familie nicht aufstockt, obwohl sie könnte. Möller betont: "Wer arbeitet, hat mindestens so viel, meistens aber mehr als jemand, der nur von Hartz IV lebt."

Die Sozialgesetzgebung schreibt vor , dass zwischen staatlichen Hilfen und dem Einkommen unterer Lohngruppen ein Abstand zu wahren ist. Und dieser wird "im Großen und Ganzen" auch eingehalten, wie der Nürnberger Arbeitsmarktforscher sagt. Eng würde es mit dem Abstandsgebot für manche Familien. Ein Paar mit zwei Kindern unter sieben Jahren, deren Vater Allein- und Geringverdiener ist, stehe kaum mehr Geld zur Verfügung als einer Familie der gleichen Größe, die von Hartz IV lebt. Möller führt diese Entwicklung auf den sich vergrößernden Niedriglohnbereich zurück. Er hält Mindestlöhne für eine Lösung. "Wir müssen uns fragen, ob wir sie künftig einsetzen. Ich sehe einen Spielraum dafür."

Doch selbst wenn sich das Arbeiten für manchen Hartz-IV-Empfänger kaum in barer Münze auszahlen würde - Möller sieht keinen Beleg für die Annahme, dass sich die Betroffenen gern in einem Leben auf Staatskosten einrichten. "Viele von ihnen sind unglücklich. Sie haben einen großen Wunsch nach Arbeit." Wer arbeitet, so scheint"s, ist zumindest glücklicher - wenn auch nicht immer sehr viel reicher. (Rena Lehmann)

RZO