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Flucht ins Frauenhaus als letzte Lösung

Mainz "Wer schlägt, der geht" heißt es im Gewaltschutzgesetz. Das bedeutet, Frauen haben die Möglichkeit, ihre gewalttätigen Männer aus der Wohnung zu weisen. In der Theorie ist das eine tolle Lösung. Praktisch sieht es leider häufig anders aus.

Wenn der eigene Mann zuschlägt, droht und Druck ausübt, sehen viele Frauen nur noch eine Lösung: Rund 2000 Frauen und Kinder flüchten sich jährlich in eines der 17 rheinland- pfälzischen Frauenhäuser, wie eine Umfrage ergab. "Die Frauen, die zu uns kommen, sind zwischen 18 und 71 Jahre alt," berichtete eine Sprecherin der "Konferenz der Frauenhäuser", ein Zusammenschluss aller Institutionen in Rheinland-Pfalz.

Wie alle Mitarbeiterinnen will sie zu ihrem eigenen und zum Schutz der Frauen anonym bleiben. Gewalt gegen Frauen zieht sich in Deutschland durch alle Altersklassen und gesellschaftlichen Schichten. Die Gründe, warum die Frauen fluchtartig ihr Zuhause verlassen, sind jedoch immer die gleichen: "Körperliche, psychische, emotionale und sexualisierte Gewalt sowie Stalking", sagte die Mitarbeiterin. Die 283 Plätze, die es insgesamt im Land gibt, sind fast durchgehend belegt. Für Notfälle finde sich aber immer ein Weg.

"Zur Not wird eben die Wohnzimmercouch ausgeklappt", meinte die Sprecherin der "Konferenz der Frauenhäuser". Die Zahl der Hilfe suchenden Frauen in Rheinland-Pfalz sei jedes Jahr konstant zwischen 900 bis 1000. Hinzu kämen noch 1000 bis 1100 mitgebrachte Kinder. Dennoch sei in jüngster Zeit ein leichter Anstieg erkennbar. "Das liegt aber nicht daran, dass mehr Frauen geschlagen werden. Vielleicht ist einfach die Bereitschaft gestiegen, in ein Frauenhaus zu ziehen." Aufgrund der knapper werdenden Plätze sei ein freier Platz im Frauenhaus momentan fast schon "wie ein Gewinn in der Lotterie".

Eine ähnliche Vermutung hat die Mitarbeiterin des Frauenhauses in LUDWIGSHAFEN. Ein offenerer Umgang der Gesellschaft mit dem Thema häusliche Gewalt und eine gestiegene Bereitschaft der Frauen, Hilfs- und Beratungsangebote anzunehmen, hätten wohl zu der erhöhten Nachfrage geführt, sagte sie. Jährlich kommen in Ludwigshafen etwa 100 Frauen im Frauenhaus unter, die Anzahl sei in den vergangenen Jahren jedoch gestiegen.

Auch das Frauenhaus in AHRWEILER war im vergangenen Jahr stark ausgelastet. Über die Hälfte des Jahres seien alle Plätze belegt gewesen, ansonsten zumindest zu 75 Prozent belegt. "Auch im Moment sind wir wieder rappelvoll", sagte eine Mitarbeiterin. Neun Plätze gibt es in Ahrweiler, die Frauen, die Opfer von häuslicher Gewalt wurden, Schutz bieten. "Unser Haus ist bewusst klein gehalten. Die Frauen leben hier wie in einer Wohngemeinschaft zusammen und unterstützen sich auch gegenseitig."

Ein Frauenhaus dürfe man jedoch nicht mit einem Heim verwechseln. "Das ist hier nicht wie Urlaub, das Leben im Frauenhaus ist kein Zuckerschlecken." Die Frauen blieben für sich und ihre Kinder selbst verantwortlich, das Haus biete lediglich Schutz, Anonymität und Beratung. "Vier bis sechs Wochen brauchen die Bewohnerinnen meistens, um nachzudenken und einen Beschluss zu fassen, wie ihr Leben weitergehen soll", berichtete die Mitarbeiterin. Unterstützt werden sie dabei vom Fachpersonal im Haus. Danach wird in der Regel eine Wohnung gesucht und das Frauenhaus wieder verlassen.

Gerade die Wohnungssuche gestaltet sich in vielen Fällen jedoch bereits als große Hürde. Ohne gesichertes Einkommen seien die Frauen "für den Wohnungsmarkt wenig attraktiv", sagte die Leiterin des Frauenhauses in KOBLENZ, Alexandra Neisius. Zudem hätten viele der Frauen keine Freunde und seien finanziell nicht abgesichert. Im Regelfall seien sie zwischen 25 und 35 Jahren alt und kämen mit Kindern im Vorschulalter. Manche blieben bis zu einem halben Jahr. Das hänge auch damit zusammen, dass viele Behördengänge erledigt werden müssten. Es gehe dabei aber auch um einen psychologischen Prozess, sagte Neisius. Eine dauerhafte Trennung vom Partner oder der Familie brauche Zeit.

Die Kapazitäten im Koblenzer Frauenhaus reichen gerade so aus. "Das Haus ist fast immer voll", sagt Neisius. Im vergangenen Jahr hätten 62 Frauen mit 66 Kindern in der Einrichtung Schutz gesucht. "Das sind oft Frauen, die Gewalt über viele Jahre oder sehr massive Gewalt erlebt haben." Dabei gehe die Aggression nicht immer vom Partner, sondern auch von Vätern oder Brüdern aus.

Ähnliches berichtete eine Mitarbeiterin des Frauenhauses in TRIER: "Zu uns kommen Frauen, die Gewalt erlebt haben oder von Gewalt bedroht sind. In der Regel erleben Mütter und Kinder Gewalt." Manche Frauen suchten die Zufluchtseinrichtung erst auf, wenn der Mann nicht nur sie, sondern auch die Kinder schlage, sagte die Mitarbeiterin.

Auch in Trier ist der Andrang in letzter Zeit stark gestiegen: "2009 war die Belegung so groß wie in den vergangenen fünf Jahren nicht mehr", meinte die Mitarbeiterin. 46 Anfragen von hilfesuchenden Frauen mussten abgelehnt werden, weil kein Platz mehr war. "Die Zimmer waren das ganze Jahr über so gut wie immer belegt." Das Trierer Frauenhaus bietet sieben Plätze für Frauen an. Mit Kindern können insgesamt 18 Menschen dort Zuflucht finden. 2009 sei zudem die durchschnittliche Belegungszeit ungewöhnlich lang gewesen, sagt die Mitarbeiterin. Blieben die Frauen 2008 im Durchschnitt 37 Tage, waren es 2009 dagegen 74 Tage. Dies lag einerseits an einem "erhöhten Hilfebedarf einiger Frauen". Anderseits mussten manche Bewohnerinnen auch länger bleiben, weil es in Trier kein passendes Wohnungsangebot für sie gab. Auch Januar und Februar 2010 war das Frauenhaus in Trier voll. "Es ist der Wahnsinn an Krisen". Die Nachfrage sei so groß gewesen, dass 16 Frauen nicht aufgenommen werden konnten. In derartigen Fällen werde immer versucht, ein Platz in einem anderen der insgesamt 17 rheinland-pfälzischen Frauenhäuser zu vermitteln, sagte die Angestellte.

Um die oft traumatisierten Frauen zu unterstützen, führen die Sozialarbeiter mit ihnen viele Gespräche zur Verarbeitung der Gewalt und zur Entwicklung einer Lebensperspektive. Neu ist in Koblenz ein Informations- und Beratungsladen in der Innenstadt. "Dort werden die Frauen später auch weiterbegleitet", sagt Leiterin Alexandra Neisius. Der Laden biete die Chance, Kontakte aus dem Frauenhaus auch nach dem Aufenthalt aufrechtzuerhalten. "Daraus wächst oft viel Ermutigung."

Einzigartig in Rheinland-Pfalz ist das Mädchenprojekt in Ahrweiler, das interessierten Mädchen in Seminaren und Wochenendfreizeiten bei der Stärkung des Selbstbewusstseins hilft. Unter dem Aspekt geschlechtsspezifische Jugendarbeit werden interessierte Mädchen, auch Töchter von Frauenhausbewohnerinnen informiert und beraten. Auch der Kinderladen in Ahrweiler ist eine Besonderheit. Dort werden die Kinder der Bewohnerinnen zum Thema Gewalt aufgeklärt und psychologisch unterstützt.

Kürzlich startete die Lotto-Stiftung Rheinland-Pfalz in Koblenz eine Spendenaktion für die Frauenhäuser im Land. Bis Ende 2010 sollen 150 000 Euro zusammenkommen. "Gewalt in engen sozialen Beziehungen ist ein schlimmer Tabubruch und geht uns alle an", sagte Lotto- Geschäftsführer Hans-Peter Schössler. Neben finanziellen Hilfen will die Stiftung den Frauen und Kindern etwas Ablenkung verschaffen, indem sie Ferienfreizeiten organisiert.

"Gewalt gegen Frauen ist kein Einzelphänomen. Das Thema ist weit verbreitet und betrifft fast jede vierte Frau einmal in ihrem Leben", wurde der Staatssekretär im Frauenministerium, Christoph Habermann, anlässlich des Starts der Spendenaktion zitiert.

Dies bestätigt auch eine Studie zur "Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland", die von der Bundesregierung in Auftrag gegeben wurde. Dort gaben 37 Prozent der 10 000 befragten Frauen an, mindestens einmal seit dem 16. Lebensjahr körperliche Gewalt von Ohrfeigen bis hin zu Waffengewalt erlebt zu haben. Fast die Hälfte der Frauen hat bereits Formen von psychischer Gewalt erlebt. Häufig schämen oder fürchten sich die Opfer, von den Demütigungen zu erzählen. Doch das Schweigen zu brechen, kann der erste Schritt in ein angstfreies Leben sein. (www.frauenhaeuser-rlp.de, www.frauenhaus-ahrweiler.de, www.frauenhaus-trier.de, www.frauenhaus-koblenz.de) (Von Kristina Klement)

RZO