Spiel's noch einmal: Die Party der Oldies
Koblenz Licht aus ... Spot an! Die "Classic Rock Night" lockte Fans massenweise nach Koblenz.
Und alle schwelgten selig in musikalischen Erinnerungen an die gute, alte Zeit. Vor allem die Jungs von Slade waren richtig guter Laune.
Plateauschuhe, Glitzeroutfits und sorgsam geföhnte Haarwellen sind bei der Koblenzer "Classic Rock Night" auf der Bühne und im Publikum Mangelware. Seit der Glamrock Anfang der 70er-Jahre eine ganze Generation auf die Tanzflächen lockte, sind die "Children of the Revolution" halt älter geworden. Dennoch kommen die einstigen Teen-Hits heute noch stampfend und dampfend rüber. Party in der Sporthalle auf dem Oberwerth: 2500 Fans singen, klatschen, tanzen oder schwelgen selig in Erinnerungen.
Ob Kellerparty, Kirmes oder Dorfdisco - ohne Glamour und Glitter ging damals nichts. Die Gassenhauer des Glam bestanden aus beherzt in die Klampfen gehauenen Akkorden, kernigen Rhythmen und reichlich Spaß. Ein super Soundtrack für die Cortinabahn. Mud waren so eine Kapelle, die für kurze Zeit von 0 auf 100 aus den Pubs in die Pop-Charts stürmte. Lange haben sie nichts mehr von sich hören lassen, Gitarrist Rob Davis immerhin schrieb zwischenzeitlich an Welterfolgen wie Kylie Minogues "Can't Get You Out Of My Head" mit. In Koblenz liefern sie jetzt überraschenderweise ein authentisches und grundehrliches Set ab, von Rock"n"Roll-Klassikern über Rod Stewarts "Drift away" bis hin zu eigenen Hits wie "Oh Boy", "Dyna-Mite" und "Tiger Feet". Klasse Show, klasse Band.
Was hier nicht sonderlich auffällt , prägt den gesamten Abend: Muds Sänger Les Gray ist tot, ebenso wie Brian Connolly, die Stimme von Sweet. Andere wie Reibeisenorgan Noddy Holder von Slade haben keinen Bock mehr auf die Bühne. Wen"s wirklich interessiert, der kann in der Sporthalle auf die Suche nach originalen Bandmitgliedern gehen - heiteres Reste-Raten. Dafür, dass Sweet in Koblenz ohne den erkrankten Andy Scott, einziges Gründungsmitglied und bis heute Kopf der Band, auf die Bühne gehen, gibt"s sogar vereinzelt Pfiffe. Das Gros der zahlenden Zuhörer aber ist auch damit zufrieden.
Wer nun auch immer bei Middle-of-the-Road-Evergreens wie "Chirpy Chirpy, Cheep, Cheep" oder "Sacramento" interpretiert und was davon live oder vom Band kommt, ist nicht so genau auszumachen. Egal: Die Band ist der richtige Opener für eine lange 70er-Party. Eine Gruppe wie Sailor zwischen zwei harten Acts wie Slade und Sweet zu packen, zeugt jedoch nicht eben von viel Gespür bei der Programmgestaltung. Mit "A Glass Of Champagne", "Girls, Girls, Girls" und dem Kirmesorgelsound ihres sogenannten Nickelodeons wissen die Profis jedoch mit der Situation umzugehen. Gründungsmitglied Phil Pickett gibt noch seinen Hit "Karma Chameleon" in einer Folkversion zum Besten und erfreut damit alle Culture-Club-Fans in der Halle.
Sweet, quasi der Headliner der "Classic Rock Night", servieren ihre Bubblegum-Nummern wie "Co-Co", "Funny Funny" oder "Poppa Joe" genauso wie die härteren "Teenage Rampage", "Ballroom Blitz" oder "Love Is Like Oxygen". Auch ohne Andy Scott reiht sich ein Top-Ten-Hit an den nächsten und das Publikum ist über weite Strecken begeistert.
Den Unterschied zwischen gut gemeint und gut gemacht aber verkörpert an diesem Abend Slades Gitarrist Dave Hill: Sein ansteckendes Grinsen, die Clownereien, die Show und nicht zuletzt ein hartes Brett auf der Klampfe - das reißt mit, ist Glam-Geist pur. "Far Far Away" findet ein tausendfaches Echo in der Halle, bei Dauerbrennern wie "Coz I Luv You" oder "My Oh My" ist kein Halten mehr.
Und Hill packt samt Bandkumpeln und Original-Schlagzeuger Don Powell, auch er längst im Rentenalter, sauberen Hardrock mit Anklängen an Deep Purple und The Knack oben drauf. Slade geben"s ihren Koblenzer Fans mitten auf die Zwölf, und manch einer zweifelt, ob denn wirklich schon knapp 40 Jahre vergangen sind. Leider ja, aber diese Slade sind "all crazy now". (Michael Stoll)
RZO
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