Winnenden - Ein Jahr danach
Winnenden Der Ortsname Winnenden wird bei vielen womöglich noch in Jahrzehnten Bilder der Trauer und Verzweiflung in Erinnerung rufen. Der Vater der am 11. März 2009 getöteten Jana Schober will es nicht beim Erinnern belassen. Er ist seit der Tat rastlos im Einsatz für verschärfte Waffengesetze – und stößt auch auf Widerstände.
Morgen werden wieder Blumen vor der Albertville-Realschule in Winnenden stehen. Vor einem Jahr hat der ehemalige Schüler Tim K. 15 Menschen erschossen und sich selbst getötet. Der Vater der ermordeten Schülerin Jana suchte bereits wenige Wochen nach der Tat am 11. März 2009 die Öffentlichkeit und gründete mit weiteren Eltern das Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden. Ein richtiger Schritt, wie er im Interview erklärt.
Sie sind gerade auf dem Weg nach Erfurt. Was machen Sie dort?
Wir sind mit acht Leuten, einige vom Aktionsbündnis, einige vom Förderverein, auf dem Weg. Dort wird ein Theaterstück gezeigt zum Thema „Keine Sportwaffen als Mordwaffen“. Danach ist eine Podiumsdiskussion, an der ich auch teilnehme.
Sie haben sich also inzwischen bundesweit vernetzt?
Ja, wir wollen ja eine Vernetzung von allen Städten, die einen Amoklauf erlebt haben. Im rheinland-pfälzischen Ludwigshafen hat vor einigen Tagen ein Schüler seinen früheren Lehrer getötet. Gibt es dorthin auch schon Kontakte?
Wir haben Kontakt mit dem Schulleiter aufgenommen. In nächster Zeit wollen wir die Zusammenarbeit intensivieren.
Gehen Sie auf die Betroffenen zu oder suchen sie bei Ihnen Hilfe?
Ich gehe auf die Leute zu.
Wie kommt das an?
Gut. Zuerst sind die Menschen zurückhaltend. Aber wenn sie erfahren, dass wir offen und ehrlich sind, läuft es. Sie müssen wissen: Die Betroffenen sind natürlich auch geprägt von den Medien, insbesondere vom Boulevard-Journalismus. Das hat sie vorsichtig gemacht, irgendwelche Aktionen zu starten.
Was sind denn heute ihre Ziele?
Wir wollen ein größeres Sprachrohr haben. Wir haben mit sehr viel Lobbyismus zu kämpfen. Deshalb bauen wir uns unser eigenes Netzwerk, damit wir auch eine Lobby in Berlin bekommen. Bei den häuslichen Kontrollen von Waffenbesitzern zum Beispiel hat sich gezeigt, dass die Verstöße bei über 50 Prozent lagen. Das kann doch nicht sein!
Sie haben sich im vergangenen Jahr kurz nach dem Amoklauf entschieden, von sich aus an die Öffentlichkeit zu gehen. Haben Sie diesen Schritt bereut?
Es war auf jeden Fall der richtige Schritt für mich. Mithilfe der Öffentlichkeit haben wir ja auch schon manches erreicht. Über das Thema Amoklauf wird diskutiert, das Waffengesetz ist auch mit unserem Engagement verändert worden.
Und für sie persönlich? Für sie hat dieser Schritt auch viel Stress in einer sehr schwierigen Zeit bedeutet.
Das Interesse der Medien hat im Herbst schon sehr nachgelassen. Aber es besteht noch, sodass wir unsere Ziele weiterverfolgen können.
Wie sind denn die Reaktionen auf Ihr Engagement?
Wir kriegen weiterhin Briefe und E-Mails, in denen gefordert wird, dass wir endlich mit der „Hetzjagd“ aufhören. Das bringe doch nichts. Aus dem Bereich der Killerspiel-Lobby hatten wir auch schon Morddrohungen.
Wie begegnet man Ihnen persönlich?
Man traut sich, denk ich nicht, mich persönlich anzugehen.
Sie haben mit vielen Eltern, die beim Amoklauf in Winnenden Kinder verloren haben, Kontakt. Wie verarbeiten sie alle den Verlust?
Jeder verarbeitet den Schmerz anders. Einige Eltern sind aus dem Bündnis ausgeschieden, andere kamen plötzlich neu dazu. Aber das ist ganz normal. Jeder von uns wird schließlich Tag für Tag mit dem Tod unserer Kinder konfrontiert.
Wie hat sich Winnenden seit dem Amoklauf verändert?
Man spürt auf jeden Fall eine große Solidarität mit uns. Wir haben auch noch einen Förderverein gegründet. Da kann jeder Mitglied werden.
Was werden Sie am 11. März tun?
Keine Interview-Anfragen beantworten. Ich möchte zwei Stunden für mich haben, in denen ich mich zurückziehen kann. Ansonsten sind wir schon ausgebucht mit mehreren Gedenkveranstaltungen, eine an der Schule, dann die offizielle mit dem Bundespräsidenten.
Die Mutter der getöteten Referendarin Nina, Gisela Mayer hat ein Buch geschrieben. Welche Reaktionen erhalten Sie darauf?
Es gibt natürlich Neider, die sagen, sie wolle sich nur profilieren. Ich aber denke, es ist ein wichtiges gesellschaftskritisches Buch. Es rüttelt wach. Die Gesellschaft muss erkennen, dass wir ein echtes Problem haben. Es wurde von Menschen gemacht und kann nur von Menschen wieder gelöst werden.
Das Gespräch führte Rena Lehmann
RZO






















