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Theater

Viel Beifall für «Punk Rock» von Simon Stephens

Hamburg Die Bilder vom Amoklauf in Winnenden sind gerade jetzt - wenige Tage nach dem Jahrestag - vielen Menschen noch im Gedächtnis. Auch die Frage nach dem «Warum» ist geblieben.

Eine Antwort darauf kann auch das neue Theaterstück des britischen Erfolgautors Simon Stephens nicht geben. «Ich habe es getan, weil ich konnte», sagt der Amokläufer am Ende in «Punk Rock», das am Donnerstagabend im Hamburger Schauspielhaus mit viel Beifall seine deutsche Erstaufführung feierte. Gezeigt wird das düstere Bild einer Generation, die, hin und her gerissen zwischen Leistungsdruck, Hormonen und Langeweile, nicht mehr an Bindungen glaubt.

Der Stärkere macht den Schwächeren fertig

Erzählt wird die Geschichte einer Schulclique aus der englischen gehobenen Mittelschicht. Wohlhabende Jugendliche, die eigentlich keine existenziellen Probleme haben, aber trotzdem unfähig sind, miteinander zu kommunizieren und sich gegenseitig das Leben schwer machen. Da ist Anführer Bennett (Aleksandar Radenkovic), der sich besser fühlt, wenn er Schwächere fertig macht und Streber Chadwick (Martin Wißner), der sich das gefallen lässt. Der Aufreißer Nicholas (Thorsten Hierse) und der leicht schizophrene William (Sören Wunderlich). Cissy (Nadine Schwitter) hat Angst vor ihrer Mutter, wenn sie eine «Zwei» schreibt, Tanya (Gisa Flake) träumt von ihrem Lehrer und Lilly (Julia Nachtmann) stößt als Neue dazu.

Auf der Bühne ist eine riesige Schultreppe nachgebaut (Bühne und Kostüme: Viva Schudt) und zwischen Tischtennisplatte, an langen Ketten baumelnden Kopfhörern, einem Snackautomaten und dem Kopierer spitzt sich die Lage immer mehr zu. Jeder lässt seinen Frust an dem nächst Schwächeren aus, gegenseitige Rücksichtnahme Fehlanzeige. Als Lilly die Liebe von William nicht erwidert («Ich liebe Dich nicht» - «Musst Du aber») rastet dieser aus und knallt seine Schulkameraden einfach ab. Sören Wunderlich spielt diesen Außenseiter, der mit seinen Gefühlen nicht klar kommt und eigentlich nur auf der Suche nach Anerkennung ist, überzeugend und glaubwürdig.

In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich?

Regisseur Daniel Wahl (43) , selbst Mitglied im Ensemble des Schauspielhauses, hat sich schon in «Herr der Fliegen» und «Sagt Lila» mit dem Thema Jugend auseinandergesetzt. «Wir haben gelernt zu überleben, jeder auf seine individuelle eigene Art. Aber es gibt Leute, die finden da keinen Schutz für sich», meint er. Gisela Mayer, deren Tochter in Winnenden ums Leben kam, fordert im Programmheft: «Ich wollte, dass die Politik und die Öffentlichkeit dieses Ereignis zum Anlass nehmen würden, die längst überfällige Diskussion darüber zu führen, in welcher Gesellschaft wir eigentlich leben.»

Simon Stephens (38) ist der derzeit am häufigsten gespielte Gegenwartsdramatiker auf deutschen Bühnen. 2008 wurde er von der Jury des Theatermagazins «Theater heute» zum «Dramatiker des Jahres» gewählt. Er schreibt Stücke hart an der sozialen Realität, angesiedelt in den Industriestädten Mittelenglands. Am Hamburger Schauspielhaus waren bereits «Pornographie» (Stück des Jahres 2008) und «Harper Regan» mit Martina Gedeck in der Hauptrolle zu sehen.

dpa-infocom