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Kunst

«Das schönste Museum der Welt» in Essen

Essen Um die 17 000 Gemälde, Skulpturen, Zeichnungen oder Grafiken haben die NS-Machthaber bei der Schandaktion «Entartete Kunst» 1937 aus Deutschlands Museen beschlagnahmt, verkauft, versteigert oder gar vernichtet.

Fast 1500 Werke verlor dabei allein das Museum Folkwang in Essen, das als «erstes Museum der Moderne» mit Spitzenstücken der Kunst-Avantgarde von Cezanne bis Schlemmer und Beckmann offenbar den besonderen Zorn des Regimes auf sich gezogen hatte.

Unter dem Titel «Das schönste Museum der Welt», Jubelruf des bedeutenden US-Kunsthistorikers Paul J. Sachs beim Folkwang-Besuch 1932, rekonstruiert das Haus nun seinen verlorenen Glanz. Rund 400 Objekte sind ab Samstag (bis 25. Juli) in dem gerade neu eröffneten Essener Museums-Neubau des britischen Stararchitekten Chipperfield zu sehen. Knapp drei Dutzend bedeutende Gemälde der Klassischen Moderne sind dazu erstmals nach über 70 Jahren als Leihgaben aus Sammlungen zwischen Boston und Beirut wieder nach Essen zurückgekehrt.

Nur etwa 20 der in alle Welt verstreuten Bilder hat Essen ab den 1960er Jahren zurückkaufen können. Berühmtes Beispiel: Cezannes revolutionäres Landschaftsgemälde «Steinbruch Bibémus», das nach der Beschlagnahme 1937 sogar durch Görings Hände gegangen war und erst 1964 wieder über die USA und die Schweiz an die Ruhr zurückgekehrt ist. Das Publikumsinteresse am Highlight des Kulturhauptstadtjahres ist jetzt schon messbar groß: Bereits 2500 Gruppen haben sich nach Museumsauskunft zur Führung angemeldet.

Die jetzige «Rückschau» mit der vom Essener Energiekonzern E.ON/Ruhrgas ermöglichten Ausstellung sei keineswegs nostalgisch, sagte Museumsdirektor Hartwig Fischer am Donnerstag. Vielmehr soll der Blick zurück «Kriterien für unsere künftige Arbeit schaffen».

Maßstab dabei: Die betörend hohe Qualität der Werke, die der Bankierssohn und Sammler Karl Ernst Osthaus ab 1902 für seine Folkwang-Sammlung und bis 1933 die Essener Museumsleitung zusammengetragen haben. Renoirs sommerliche «Lise mit dem Sonnenschirm» (1867) gehört ebenso dazu wie die sehr früh erworbene Galerie der van Goghs («Die Ernte»/1888) oder Gauguins. Kandinskys lyrische «Improvisation 28» von 1912 gab das New Yorker Guggenheim-Museum nach Essen; aus Boston reisten Marcs expressionistisch-glutroten «Weidende Pferde» von 1911 an.

Erstmals nach langem Depot-Schlummer sind nun auch wieder Objekte außereuropäischer Kulturen von ägyptischen Grabbeigaben bis zu den surreal-bunten Malanggan-Figuren Ozeaniens zu sehen, die Osthaus - weltweit erstmals - als Belege der Weltkunst seinem Museum der Moderne einverleibt hat. Eindrucksvoll nun der Dialog zwischen einer Holzfigur der Baule aus Westafrika und der ebenso knapp formulierten Gips-Frauenmaske des in Auschwitz ermordeten Bildhauers Kogan.

Während Nolde die «Exotik» wie in seinem bizarren «Maskenstillleben» (1911) aus Kansas City eher als Motiv betrachtete, münzte der völkerkundlich äußerst belesene Kirchner, von dem gleich ein halbes Dutzend Gemälde zu sehen ist, das Fremde auch zum eigenen Stil-Mittel um. So schätzte der bedeutende Expressionist an den in der Ausstellung gezeigten 1500 Jahre alten koptischen Bild-Textilien deren «sinnlich derbere Formen». Auch diese gewebten Sagenhelden und Heiligenfigürchen aus Ägyptens Wüstensand haben die Jahrhunderte lang dominierende Abbildhaftigkeit römisch-griechischer Kunst überwinden helfen und damit der Moderne den Weg geebnet.

www.museum-folkwang.de Von Gerd Korinthenberg, dpa

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