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Ein Hoch auf die Liebe zum und im Autokino

Gravenbruch/Frankfurt Was gibt es Romantischeres, als zu zweit mit der Liebsten im Autokino einen Liebesfilm anzuschauen? Vor 50 Jahren eröffnete das erste Autokino Europas in Gravenbruch bei Frankfurt.

Der Burger gehörte von Anfang an dazu. Als vor 50 Jahren, am 31. März 1960, in Gravenbruch bei Frankfurt das erste Autokino in Europa eröffnete, war die gebratene Rinderfrikadelle Teil der Geschäftsidee. Die stammte natürlich aus den USA, und noch heute sollen die Burger in Gravenbruch nach demselben Rezept wie vor 50 Jahren auf den Grill kommen. "Der König und ich" mit Yul Brynner war der erste Film, der in Gravenbruch über die Riesenleinwand flimmerte, vor der 1100 Autos Platz haben.

Es kommt nicht von ungefähr, dass das erste deutsche Autokino ausgerechnet in dieser Zeit und an diesem Ort öffnete: Ende der 50er-Jahre war der Film in Deutschland in der Krise. Mit Breitwand und Farbe versuchte er, sich seine Überlegenheit gegenüber der kleinen Mattscheibe des aufkommenden Fernsehens zu sichern. Das galt umso mehr für die überdimensional große Leinwand der Autokinos - in Gravenbruch misst sie mehr als 500 Quadratmeter. "Bigger than life" (größer als im echten Leben) hieß die Devise.

Auch die Nähe zur Großstadt Frankfurt dürfte für die Standortwahl entscheidend gewesen sein, galt die Main-Metropole damals doch als eine der autogerechtesten Städte der Bundesrepublik. Und es waren viele US-amerikanische GIs in der Gegend stationiert, deren Alltag vom "american way of life" geprägt war.

In Deutschland hat sich die Idee des Drive-in-Kinos nie so durchgesetzt wie in den USA. Aber immerhin: Gut zwei Dutzend Autokinos hat es in der Bundesrepublik gegeben - und selbst die DDR hatte die Idee des Klassenfeindes aufgenommen und im brandenburgischen Zempow ein Autokino eröffnet. Heute gibt es noch knapp 20 in ganz Deutschland, rund die Hälfte davon im Osten.

Seine große Zeit hatte das Autokino in der Bundesrepublik der 50er-Jahre. Das Kino war immer schon auch ein Versprechen auf Erotik und Sinnlichkeit, und die Hoffnung auf Kuscheln und Schmusen dürfte in den prüden 50ern einer der entscheidenden Beweggründe für den Besuch eines Autokinos gewesen zu sein. Heute wirbt das Kino in Gravenbruch mit dem Spruch "Essen, trinken, rauchen!" So ändern sich die Zeiten.

In den USA haben in der Blütezeit der 50er-Jahre rund 4000 Autokinos gespielt. Die Stellplätze in der letzten Reihe, der sogenannten "Love Lane" (etwa: "Knutsch-Reihe"), wurden gegen Aufpreis verkauft. Das erste Autokino öffnete 1933 in Camden im Bundesstaat New Jersey. Richard Hollingshead, Angestellter im Autozubehörgeschäft seines Vaters, baute das "Camden Drive-in Theatre" an der Peripherie seiner Heimatstadt auf. 25 Cent kostete die Karte. Hollingshead hatte noch ein anderes Zielpublikum im Sinn: "Die ganze Familie ist willkommen, egal wie laut die Kinder sind", soll sein Werbeslogan gelautet haben. Seit Ende der 20er hatte Hollingshead experimentiert und die Rampen erfunden, auf die die Autos fahren, um eine bessere Sicht zu ermöglichen. Am 16. Mai 1933 ließ er sich die Idee seines "Drive-in Cinemas" patentieren. Als Leinwand fungierte eine geweißte Mauer, der Ton kam aus drei großen Lautsprechern und war noch Meilen entfernt zu hören. Heute kommt der Sound meist über das Autoradio.

Die Idee setzte sich nur langsam durch: 1942 gab es gerade mal 100 Drive-in-Kinos unter freiem Himmel. Hinzukommen musste neben den Verlockungen des Kinos selbst noch ein weiteres Versprechen: das auf grenzenlose Mobilität. Drive-in-Kinos passen perfekt zum Autokult in den USA. Das verrückteste Kino gab es in Asbury Park, ebenfalls New Jersey: Das "Drive-in and Fly-in" bot Platz für 500 Autos - und für 25 Flugzeuge, die auf einem angeschlossenen Flugfeld landen und sich in die letzte Reihe stellen konnten.

Gravenbruch hat mittlerweile zwei Leinwände und spielt ganzjährig, auch wenn im Winter bei schlechtem Wetter nur ein paar Dutzend Autos vorbeikommen. Besonders schlecht für das Geschäft ist übrigens Regen - denn wer will sich schon vom Gequietsche eines Scheibenwischers den Film vermasseln lassen?

In den 60ern, als auch derbe deutsche Sexklamotten durch den Projektor ratterten, kamen mehrere Hunderttausend Zuschauer im Jahr nach Gravenbruch. Heute sind es deutlich weniger. Aber gerade im Sommer lebt das Autokino immer noch.

Zum Start der Jubiläums-Autokinosaison 2010 zeigt Gravenbruch von Anfang April an "The Fast And the Furious" aus dem Jahr 2001, ein mittlerweile kultiger Film über illegale Straßenrennen in Los Angeles. Denn ein Film, in dem Autos eine prominente Rolle spielen, zieht immer Leute ins Drive-in-Kino.

Rudolf Worschech

RZO