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Ein Tüftler erfindet die Uhrzeit neu

Waldkirch Wenn Achim Schneider auf seine Uhr blickt, sieht er nicht ein herkömmliches Ziffernblatt mit langen Zeigern oder eine langweilige Digitalanzeige.

Seine Uhr gibt die Zeit so an, wie ein freundlicher Nachbar die Uhrzeit mitteilen würde.

«Sisch glich zehn vor ais» , zum Beispiel. Die Text-Uhr, die im gewünschten Heimatdialekt die geschriebene Uhrzeit wiedergibt, stammt aus der Werkstatt von Schneider in Waldkirch (Landkreis Emmendingen). Damit, so sagt der Tüftler, habe er die Uhr neu erfunden.

Die fast würfelförmige Schreibtischuhr wechselt ungewöhnlicherweise nur alle 100 Sekunden die Anzeige: «Mir hond grad zwölfe ghett», «S isch glei fümpf noch zwölfe» oder «S isch fümpf noch zwölfe» heißt es etwa im Ravensburger Schwäbisch. 25 Felder, eingefasst aus einheimischen Hölzern, werden je nach Uhrzeit mit bunten Leuchtdioden angestrahlt. Und weil die Uhr aus dem Schwarzwald kommt, gibt es natürlich auch ein Modell, bei dem zur halben und vollen Stunde ein Kuckucksruf ertönt.

Eigentlich ist Achim Schneider gar kein Uhrmacher, sondern Orgelbauer. Doch der 37-Jährige sagt, er sei schon immer von besonderen Uhrenmodellen fasziniert gewesen: Etwa solche, bei denen eine Kugel oder Wasser eine Reaktion auslösen oder wenn die Zeit auf spezielle Weise angegeben wird. «Die Idee zu meiner eigenen Uhr kam mir eines Nachts, da habe ich sie gleich aufgeschrieben und am nächsten Tag damit experimentiert.»

Die pfiffige Idee kommt an: «Neulich hat ein Kunde angerufen, der die Uhr geschenkt bekam», sagt Schneider. Ihm sei noch nie eine Uhr begegnet, die auf so sympathische Art die Zeit anzeigt, berichtet Schneider stolz. Jede Uhr ist eine Einzelanfertigung aus seiner Werkstatt; mehr als 330 Modelle hat er in den vergangenen drei Jahren verkauft. Besonders Menschen, die Uhren eigentlich nicht so gern haben, kämen mit seiner Erfindung sehr gut zurecht. Mit ihrem 100-Sekunden-Intervall sei sie ziemlich genau - und nicht so unruhig wie eine Uhr mit Sekundenzeiger.

«S isch grad ebe fünf nooch zwölfi gsi», heißt es bei Schneider auf Simonswälderisch, «Jetzt ischs grad fenf nach zwelfe gwea» hingegen im Heubacher Schwäbisch. Jeder könne seine ganz eigene Mundart oder Sprache aufschreiben, sagt Achim Schneider, acht verschiedene alemannische und sechs verschiedene schwäbische Dialekte besitze er schon. Ab und an stellt er auch exotische Uhren in Niederländisch, Schweizerdeutsch und Holsteiner Platt her, dort heißt es dann «Grade wer dat fief noh twölf». Und für die Sprecher des Standarddeutschen hält er die beiden Varianten «Dreiviertel» und «Viertel vor» bereit.

Die von Schneider als «Kult-Uhr» bezeichnete Variante der Zeitmaschine hat ihren Platz bereits in einigen Schaufenstern und Hotels gefunden. Doch wirklich stolz ist der Tüftler und Sprachensammler dann, wenn jemand die Begeisterung für seine Uhr teilt. Ein Großvater habe am Heiligen Abend eine solche Freude an der Uhr gehabt, die ihm seine Kinder schenkten, dass er alle paar Minuten von seinem Sessel aufgestanden sei und laut im alemannischen Dialekt die aktuelle Zeit vorgelesen habe - den ganzen langen Abend lang.

Webseite von Achim Schneider: www.werkhaus.org Von Doreen Fiedler, dpa

dpa-infocom