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 Brennpunkt 

126.000 Atomfässer müssen den Salzstock bis 2020 verlassen

In der Asse tickt eine nukleare Zeitbombe

Asse Aus der Asse II berichtet RZ-Politikredakteur Christian Kunst - Die Fahrt hinunter in das frühere Salzbergwerk Asse II ist wie eine Reise in eine andere Welt.

In der Tiefe des Salzstocks sorgen nicht nur Temperaturen von 30 Grad und die staubige Luft für ein beklemmendes Gefühl. In 500 bis 700 Metern Tiefe lagert auch eine drückende Altlast des Atomzeitalters: 126.000 Fässer mit radioaktivem Abfall, die das Bergwerk dringend verlassen müssen.

Der Weg zu den Altlasten des Atomzeitalters ist gesäumt von den Hoffnungsträgern einer neuen Ära. Rund um den Ort Remlingen am Fuße des Höhenzugs Asse bei Wolfenbüttel drehen sich Windkrafträder. Gerade wird ein neuer Rotor aufgebaut. Am Ortsausgang von Remlingen verrichtet eine Biogasanlage ihre Dienste. Hoch oben über dieser grünen Hügellandschaft thront das Bergwerk Asse II. "Glück auf" steht wie zum Trotz auf dem roten Backsteingebäude. Dahinter türmt sich das Fördergerüst des früheren Salzbergwerks auf.

13 Stockwerke in die Tiefe

Es führt den Besucher hinunter in die 13 Stockwerke des Salzstocks, der sich bis in eine Tiefe von 900 Metern erstreckt. Auf jeder Etage befinden sich neun hintereinanderliegende Kammern - entstanden durch den Salzabbau zwischen 1909 und 1964. In 13 der jeweils 60 mal 40 Meter großen und 15 Meter hohen Kammern strahlen nukleare Altlasten - 126.000 Fässer mittel und schwach radioaktive Abfälle, die hier zwischen 1967 und 1978 eingelagert wurden.

Seit Anfang 2009 ist das Bundesamt für Strahlenschutz für den Müll verantwortlich. Die Behörde will das Atomendlager möglichst schnell schließen. Dafür gründete sie die Asse GmbH. Deren technischer Geschäftsführer war bis Mitte März ein Jahr lang Ulrich Kleemann, früher Beigeordneter im Kreis Neuwied.

Dutzende Besuchergruppen hat er in das Bergwerk begleitet und ihnen erklärt, warum es so wichtig ist, den Müll so schnell wie möglich aus dem maroden Salzstock zu entfernen. Nicht weil er einzustürzen droht, betont Kleemann immer wieder, sondern weil Wasser, besser gesagt Salzlauge in das Bergwerk eindringt. In Verbindung mit dem radioaktiven Abfall könnten die Lauge und damit auch Cäsium & Co. irgendwann ins Grundwasser gelangen.

Strahlende Lauge in Bohrlöcher verklappt

Über Tage: Jetzt wartet Kleemann auf den Förderaufzug und räsoniert: "Ist schon erstaunlich, dass es 30 Jahre lang ruhig war um die Asse." Erst als eine Bürgerinitiative in Remlingen 2007 aus einem Gutachten erfuhr, dass nur noch 20 Jahre Zeit bleiben, um den Atommüll aus der Asse herauszuholen, löste das eine Protestlawine aus. Der öffentliche Druck wuchs, als bekannt wurde, dass Lauge vor Kammer 12 am Boden der Asse mit Cäsium verseucht war und Teile davon in Bohrlöchern in 975 Metern Tiefe verklappt wurden. Schließlich übernahm das Bundesamt für Strahlenschutz das Zepter in der Asse.

In dem Salzstock regiert jetzt das strenge Atomrecht statt des in Strahlenschutzfragen eher laxen Bergrechts. Folge: "Wir haben jetzt sehr viel mehr Strahlenschützer. Von 250 Mitarbeitern kümmern sich 40 allein darum. Früher waren es 2", berichtet Kleemann, als er sich einen Dosimeter umhängt. Jeder Besucher muss dieses Gerät zur Messung von Radioaktivität unter Tage mitnehmen. So kann sichergestellt werden, dass er keiner Strahlung ausgesetzt war. Und: "Jede Maßnahme unter Tage muss vom Strahlenschutz freigegeben werden." Außerdem muss künftig bei jedem Genehmigungsverfahren die Öffentlichkeit beteiligt werden, betont er.

Ins Licht der Öffentlichkeit gerückt

Kleemann und seine Kollegen vom Bundesamt gehen noch einen Schritt weiter. Sie setzen schon weit vor der eigentlichen Entscheidung zur Räumung der Asse auf Öffentlichkeit, führen regelmäßig Journalisten, Politiker und Bürger durch das unterirdische Atomlabyrinth. Heute ist ein französisches Fernsehteam vor Ort, das jetzt mit Kleemann in den Metallaufzug klettert. Mit zehn Meter pro Sekunde rast der Korb im kräftigen, kalten Gegenwind nach unten.

490 Meter unter Tage: In einem Schrein in der Salzwand strahlt hinter Glas die heilige Barbara, Schutzpatronin der Bergleute. Hier wird sie gebraucht, denn nur einige Hundert Meter entfernt tickt die erste nukleare Zeitbombe. In einer Kammer steht eine rostige Krananlage. Von hier wurden zwischen 1972 und 1978 knapp 1300 Fässer mit mittel radioaktiven Abfällen durch einen Schieber im Boden in die darunterliegende Kammer 8a abgeseilt. Sechs Meter Salz trennen die Besucher von den tödlichen Altlasten. Kleemann betont: "Das sind zum Glück kurzlebige Stoffe. Bis heute sind bereits 60 Prozent ihrer Aktivität zerfallen."

Der Salzberg bewegt sich

Was ihn wesentlich mehr beunruhigt , zeigt er seinen Gästen einige Meter entfernt von der früheren Beschickungsanlage: Dort ist zu sehen, wie sich der Salzberg bewegt - "in der Spitze 20 Zentimeter pro Jahr". Unter dem Druck des Bergs haben sich Risse gebildet. Die große Gefahr: Je mehr Risse sich bilden, umso mehr Wasser kann in den Salzstock eindringen. Wenn Wasser mit den Atomabfällen in Kontakt kommt und an die Oberfläche gedrückt wird, könnte das Grundwasser verseucht werden. "Wasser sucht sich seinen Weg." Und offenbar gibt es noch genug Wasser, das in den Berg hineindrängt.

Um das Bergwerk zu stabilisieren, hat der frühere Betreiber, die Helmholtz-Gesellschaft, zwischen 1995 und 2003 Salz in die Kammern hineinblasen lassen. Mit den Jahren ist das Salz zusammengesackt. Deshalb müssen die Hohlräume zwischen den Kammerdecken und der Salzaufschüttung jetzt mit Beton ausgefüllt werden. Dadurch soll die Gefahr eines Wassereinbruchs verringert werden. Betoniert werden nur Kammern, in denen keine Abfälle eingelagert sind. Das ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Denn sicher gearbeitet werden kann in dem maroden Salzstock nur noch bis 2020.

553 Meter unter Tage: Mit einem offenen Mercedes-Jeep geht es weiter in die Tiefe. "Hier sieht man, wie der Berg arbeitet", sagt Kleemann und zeigt auf zwei Pfeiler, die den raumgreifenden Berg einst stoppen sollten. Jetzt sehen die beiden Stützen wie Bögen aus.

658 Meter unter Tage: Ulrich Kleemann steht in einer Salzkammer, die einer Tropfsteinhöhle ähnelt. In der Hand hält er einen Salzzapfen. Darunter glitzert eine Wasserlache auf einer schwarzen Drainage. In dieser Kammer wird das in den Salzstock eindringende Wasser auf Planen aufgefangen und in Tanks geleitet.

12.000 Liter täglich strömen derzeit in den Salzstock. In einem Notfallplan wappnet sich das Bundesamt für einen Zufluss von bis zu 500.000 Liter. "Wir pumpen es über Tage und geben es dann an andere Bergwerke ab", sagt Kleemann und versichert: "Bislang hat dieses Wasser keinen Kontakt mit radioaktiven Stoffen gehabt." Das sieht 200 Meter tiefer anders aus - wohin Besucher der Asse nicht gelangen.

Ein Sumpf in 750 Metern Tiefe

750 Meter unter Tage: Dort, wo die Salzbarriere intakter sein soll, lagern in zwölf Kammern 125.000 Fässer mit schwach radioaktivem, aber langlebigem und daher hoch gefährlichem Abfall. Hier dringt bisher kein Wasser von außerhalb in die Kammern ein - hier ist die Feuchtigkeit selbst eine Altlast. In den 20er-Jahren wurde hier eine Abbaukammer mit feuchten Rückständen verfüllt. Diese feuchten Rückstände sind in Kammer 12 mit radioaktivem Cäsium aus 7464 Fässern in Verbindung gekommen, berichtet Kleemann. Außerdem gab es vor der Kammer 1973 einen Unfall, als ein Atomfass von einem Transporter fiel. Ob Wasser auch in weitere Kammern - im Visier haben Experten Nummer 8 und 10 - eingedrungen ist, will Kleemann nicht ausschließen.

1988 wurde vor Kammer 12 dann ein Sumpf entdeckt, in dem sich die mit Cäsium verseuchte Lauge sammelte. Als dies 2008 bekannt wurde und herauskam, dass die Helmholtz-Gesellschaft kontaminierte Laugen ohne Genehmigung abgepumpt hatte, geriet der damalige Betreiber in Erklärungsnot. Ihm wurde die Verantwortung entzogen.

Kleemann weiß, dass vieles von Kammer 12 abhängt, wenn die Asse in einigen Jahren geräumt wird. Hier wartet eine logistische Mammutaufgabe auf das Bundesamt. "Die Experten werden mit der Räumung in den schwierigen Kammern beginnen."

"AufpASSEn"

Über Tage: In Remlingen, am Fuße der Asse, schauen die Menschen mit Argusaugen auf den Berg vor ihrem Dorf. In vielen Vorgärten steht ein großes "A", auf dem "AufpASSEn" zu lesen ist. Sehr genau aufpassen werden die Menschen, wenn es darum geht, wo die nukleare Altlast nach ihrer Bergung zwischengelagert und aufbereitet wird. Auch ein Endlager ist noch nicht gefunden. In Salzgitter gibt es bereits erheblichen Widerstand dagegen, dass die 126.000 Fässer angeblich im Schacht Konrad landen sollen. Ulrich Kleemann ist aber sicher, dass sich die Menschen in der Region nicht gegen ein Zwischenlager sträuben. "Ihnen liegt viel an der Lösung des Problems in der Asse." Trotz allem Optimismus, den auch die vielen Windräder rund um die Asse verbreiten: Der Weg in ein neues Energiezeitalter wird noch lange gesäumt sein von nuklearen Zeitbomben wie der in der Asse.