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Mit Alzheimer in die WG: Demente wohnen mit Betreuung

Langenhagen Hertha Seiler sitzt in einem weichen Ledersessel, die Hände sind auf den Gehstock gestützt.

Die 88-Jährige ist zierlich und klein, sie scheint im Sessel fast zu versinken.

«Wenn nur mein Mann noch leben würde», sagt sie und ist für einen Moment ganz in ihre Erinnerungen vertieft. «Das war eine so schöne Zeit.» Es ist das dritte Mal innerhalb weniger Minuten, dass Hertha Seiler diesen Satz sagt, doch sie bemerkt es nicht einmal. Denn Hertha Seiler ist dement: Seit fünf Jahren wohnt sie in einer Wohngemeinschaft für Alzheimerkranke.

Neben ihr sitzt Sonja Vorwerk-Gerth, die Gründerin der WG, und lächelt ihr zu. «Hertchen», antwortet sie, ebenfalls zum dritten Mal. «Man soll der Vergangenheit nicht nachtrauern, sondern sich darüber freuen, was man erlebt hat.» Hertha Seiler nickt. Um sie herum herrscht geschäftiges Treiben: Am Esstisch malen zwei Frauen mit bunten Holzstiften in einem Kinderbuch, Pfleger laufen durch die Wohnung und nebenan in der Küche wird bereits das Mittagessen gekocht. Ob Hertha schon gefrühstückt hat? «Ich weiß es nicht», sagt sie und schüttelt den Kopf. «Das kann ich gar nicht sagen.»

Die Idee einer solchen Wohngemeinschaft, die Demenz-Kranken ein selbstbestimmtes, aber betreutes Leben ermöglicht, ließ Sonja Vorwerk-Gerth bei ihrer früheren Arbeit als ambulante Pflegerin einfach nicht los: «Altersheime kamen mir immer vor wie Fabriken», sagt sie. «Fabriken für Menschen, in denen keiner mehr zu seinem Recht kommt.» 2005 macht sich die 57-Jährige daher mit einem eigenen Pflegedienst selbstständig - und öffnet schon ein paar Monate später ihre erste Dementen-WG. Inzwischen betreut sie mit ihren Mitarbeitern in Langenhagen bei Hannover drei Wohnungen mit insgesamt 24 Menschen. «Bewohner», sagt Sonja Vorwerk-Gerth und vermeidet das Wort Patient, wenn sie über die Dementen-WGs spricht.

1850 Euro kostet ein Platz in ihrer Wohngemeinschaft, unabhängig von der Pflegestufe des Alzheimerkranken. Darin enthalten sind die Miete, das Essen - und vor allem die Betreuung rund um die Uhr. «Eine solche Begleitung ist sehr wichtig», sagt auch Wilmut Wolf. Der Mediziner aus Hameln engagiert sich seit Jahren im Vorstand der Alzheimergesellschaft Niedersachsen. «Demenzkranke sind im Alltag einfach nicht mehr voll aktionsfähig». Zudem hätten Alzheimerpatienten große Angst vor der Einsamkeit. «Sozialkontakte sind ja für jeden Menschen etwas ganz Wesentliches», sagt Wolf. «Aus sozialmedizinischer Sicht ist eine solche Dementen-WG daher unbedingt sinnvoll.»

Hertha Seiler wohnt in Langenhagen zusammen mit vier weiteren Frauen - der einzige Mann in der WG ist vor wenigen Tagen gestorben. «Das hat uns sehr getroffen», sagt Sonja Vorwerk-Gerth. Doch bei aller Trauer: Es sei auch ein schönes Sterben in solch einem Rahmen, sagt sie: «Wir lassen die Türe auf und die Bewohner können reingehen, sich zu dem Menschen setzen und ihm die Hand streicheln.» Ihre Mitarbeiter helfen in den Dementen-WGs nach dem Vorsatz: So viel wie nötig, aber auch so wenig wie möglich. Die Bewohner sollen ihren Alltag weitestgehend selbst bestimmen können. Und dazu gehört auch, dass manche Bewohner gerne mal bis halb zwölf Uhr schlafen: «Bei uns wird keiner geweckt», sagt Sonja Vorwerk-Gerth. «Wenn ich mir vorstelle, ich bin alt und musste mein Leben lang früh aus dem Bett. Und dann kommt einer und weckt mich? Den würde ich erschlagen!»

Gesellschaftliche Konventionen verlieren für Demenzkranke ohnehin an Relevanz: «Einmal zog eine Bewohnerin fünf Unterhosen auf einmal an. Da haben die Angehörigen richtig Terz gemacht», erzählt die Pflegedienstleiterin. «Ich hab ihnen gesagt: Lassen sie die Frau doch machen, warum soll sie nicht fünf Schlüpfer übereinander ziehen.» Und auf das Argument der Angehörigen - «das hat meine Mutter aber nie so gemacht» - reagierte Sonja Vorwerk-Gerth sehr deutlich: «Ihre Mutter war auch nie so, wie sie jetzt ist.»

Weitere Infos zur Dementen-WG: www.vorwerk-gerth.de/wohngemeinschaft.html Von Kathrin Streckenbach, dpa

dpa-infocom



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