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Vom Vers zur SMS - Adventskalender früher und heute

Dresden/Berlin Früher kamen Adventskalender mit biblischen Sprüchen daher, heute enthalten sie meistens Schokolade.

In einer Ausstellung in Dresden sind mehr als 200 historische Exemplare zu sehen.

Schokolade, Bonbons und kleine Geschenke: In den 24 Dezembertagen bis Heiligabend öffnen nicht nur kleine Kinderfinger allmorgendlich ein neues Türchen. Adventskalender gibt es für jeden Geschmack in allen Facetten. Sie werden von Firmen als Werbung an Kunden verschickt, aber auch selbst gebastelt und gefüllt - mit Naschwerk und Überraschungen. «Die Beliebtheit des Adventskalenders ist ungebrochen, sie wächst sogar», sagt die Ethnologin Tina Peschel vom Museum Europäischer Kulturen Berlin.

Allerdings haben die gefüllten Exemplare den ursprünglichen Bilderkalender längst überflügelt. Von der mehr als hundertjährigen Geschichte des in der Vorweihnachtszeit unverzichtbaren Utensils zeugt ab Samstag eine Sonderausstellung mit mehr als 200 historischen Adventskalendern im Dresdner Stadtmuseum. Dort ist mit «Im Lande des Christkinds» auch ein Exemplar des ersten Weihnachtskalenders überhaupt zu sehen.

«Erfinder war der Münchner Buchhändler Gerhard Lang», erzählt Peschel. Die Mutter hatte dem Pfarrersohn einst 24 Wibeles - ein schwäbisches Baisergebäck - auf Pappe genäht, um ihm die Wartezeit zu versüßen. 1903 erschien sein illustrierter Druck, der 24 Felder mit Versen hatte. «Jeden Tag durfte ein Ausschneidebild über eines der Felder geklebt werden», erklärt Peschel.

Ein Karton mit Papier-Weinblättern und biblischen Sprüchen von 1895 gehört zu den Vorläufern der Adventskalender. «Kinder in Waisenhäusern mussten die Sprüche auswendig lernen, dann wurden die Blätter an den Adventsbaum oder -kranz gehängt», erklärt Kuratorin Heidrun Reim. Es gab auch Sterne und kleine Abreißblöcke mit Bildchen zum Aufkleben, Weihnachtsuhren oder -laternen hatten Sprüche und Zeilen christlicher Lieder für jeden Tag parat.

«Im 19. Jahrhundert wurde Weihnachten immer mehr zum häuslichen Familienfest mit Geschenken am Heiligabend», sagt Peschel. Daraus erkläre sich die zunehmende, nicht nur religiös geprägte Vorfreude der Kinder. «Der Adventskalender wurde dabei zum Zeitmesser der Tage bis Weihnachten», erzählt die 47-Jährige. «Er sollte die Ungeduld der Kinder zähmen und helfen, das Zählen der Tage des Wartens auch für kleine und des Lesens unkundige Kinder zu ermöglichen.»

Zuvor half man sich mit Strichkalendern. «Kinder durften für gute Taten täglich einen Strohhalm oder eine Feder in die Krippe legen oder die Adventskerze einen Strich weiter abbrennen.» Ab 1903 dann trat der Kalender seinen Höhenflug an, wobei Formen, Motive und Gestaltung immer mehr variierten, sagt Peschel. So konnten die Kinder Tag für Tag mehr ins Christkindl-Haus schauen, den Weihnachtstraum träumen, Himmelsfenster öffnen, die Himmelsleiter erklimmen oder bekannte Märchen erleben.

«In den 20er, 30er Jahren lieferten Kinderbuchillustratoren oder Plakatkünstler die Entwürfe.» Oft wurden sie mit Glimmer - sogenanntes Katzensilber oder Glasglimmer oder glänzender Metallsand - verziert. Die Erika-Kalender aus Heidenau in Sachsen waren dann die ersten, die Eisenbahnen, Flugzeuge, Lkw und Autos abbildeten - zur Freude kleiner Jungen. Auf No. 107 etwa dient ein DKW dem Jesuskind als Krippe. In der Nazizeit bestimmten Soldaten und makabre Sprüche die Motive, Anfang der 40er Jahre wurde der Druck aber mangels Papier eingestellt.

«Aber schon 1945 begannen Verlage wieder mit der Produktion von Adventskalendern, teils mit Vorkriegsmotiven», sagt Peschel. Viele erschienen als Abreißkalender, aus deren Teilen etwas gebastelt werden konnte. In der DDR zensierte die Führung die Motive, wobei Märchen und Sagen, der Alltag und Tiergeschichten die Kinder mit dem kulturellen und literarischen Erbe vertraut machen sollten. «Es durften aber keine Engel darauf zu sehen sein», berichtet Reim.

Sonst waren der Fantasie kaum Grenzen gesetzt, kam der Weihnachtsmann schon mal im Spezial-Flugapparat oder mit dem Trabi. Im Westen indes tummelten sich die geflügelten Himmelsboten neben der Mickey Mouse als Weihnachtsmann. «Außerdem glitzerten die Kalender.» Astronauten, Kosmonauten und Raumschiffe indes waren eine Eintagsfliege - dies- und jenseits der Mauer. Die Kinderherzen in Ost und West eroberten wenig später dann gefüllte Kalender, die in der DDR jedoch meist selbst bestückt werden mussten, sagt Peschel.

Seit der Wende ist Deutschland auch bei den Adventskalendern eins. «Er kommt nicht aus der Mode, es entwickeln sich immer neue Formen.» Das Angebot ist riesig, es gibt aber auch Alternativen zum Konsum. So wird mit lebendigen Adventskalendern, wo Menschen die Türen ihres Heims öffnen, die Gemeinschaft gepflegt. Neuester Trend ist laut Peschel ein SMS-Kalender - mit einer Botschaft pro Tag.

Ausstellung Von Simona Block, dpa

dpa-infocom