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Film

Verstörend schön: Tom Tykwers «Drei»

Hamburg - Nach großen Filmerfolgen versuchen sich deutsche Regisseure gerne in internationalen Produktionen.

Oscar-Preisträger Florian Henckel von Donnersmarck beispielsweise bringt derzeit sein Hollywood-Debüt «The Tourist» in die Kinos.

Auch Tom Tykwer drehte nach dem Erfolg von «Lola rennt» und «Der Krieger und die Kaiserin» hochkarätig besetzte Werke wie «Das Parfum» und «The International». Für seinen neuen Film «Drei» wählte Tom Tykwer nun aber wieder seine Wahlheimat Berlin als Schauplatz und Spielwiese aus. Dabei kreiert Tykwer ein präzise beobachtetes Gesellschaftsporträt der kreativen Mittvierziger.

Die Geschichte bietet Zündstoff für eine klassische Tragikomödie: Die Kulturjournalistin Hanna (Sophie Rois) und der Kunsttechniker Simon (Sebastian Schipper), seit Jahren ein Paar, verlieben sich unabhängig voneinander und unwissentlich in den gleichen Mann: in den Stammzellenforscher Adam (Devid Striesow), der, wie sein Vorname, den Urtypus eines Verführers verkörpert.

Das Aufeinandertreffen der Schauspieler wirkt wie ein Laborexperiment. Sie werfen sich mit einer extremen Energie in die verhängnisvolle Affäre. Dabei sind alle drei so facettenreich und stark, dass sie sich mit Tykwers ironischen Dialogen eigentlich gegenseitig an die Wand spielen müssten. Doch im Kampf der Geschlechter erobert sich jeder von ihnen immer wieder neuen Raum.

Im psychologischen Untergrund des Films tobt keine brachiale Schlacht, sondern ein zarter innerer Krieg gegen die eigenen Zweifel, die der Konflikt der Affäre in den Figuren aufwirft: Stimmt meine Beziehung noch? Werde ich jetzt schwul? Kann körperliche Leidenschaft zwischen zwei Partnern grundsätzlich nur von kurzer Dauer sein?

Auch darum hat der Film viel Potenzial , zu einem Klassiker zu werden: Den Charakteren bleibt hier nichts erspart. Von der Hodenkrebsoperation bis zur Masturbation vor dem kalten Computermonitor. Also: Situationen, von denen viele Menschen im ersten Augenblick peinlich berührt sind. Genau in diesen Momenten aber entsteht der Zauber der zufälligen Gewalt, die den Figuren widerfährt. Tom Tykwer zeigt das Leben in seiner großen und ganzen Menschlichkeit. Zerbrechlich. Natürlich. Unwiderstehlich.

Diese banale Brutalität des Alltags lässt Tykwer nach seinem Vorbild Ernst Lubitsch in geradezu magische Augenblicke münden. Etwa wenn Adam den sportlichen Simon im Umkleideraum fragt, ob er ihm seine Hodennarbe zeigen würde, und die Macht der spontanen Sexualität dann den peinlichen Moment zersplittert. Oder wenn Simon an der Currywurstbude zwischen zwei Happen um Hannas Hand anhält, als stelle er eine Smalltalk-Frage, und Hanna sich dabei fast verschluckt. Solche Szenen machen diesen Film zu einem großen Film.

Wenn sich Tykwer dabei doch eine künstlerische Kapriole gönnt, dann einen bisweilen exzessiven Hang zum Pathos. Seiner Experimentierfreude verdankt dieser Film einerseits eindrucksvolle Bildercollagen, die immer wieder die Gedankenwelt der Charaktere für die Zuschauer sichtbar machen. Andererseits bevölkert der Regisseur seine Leinwandgeschichte aber auch mit surreal-kitschigen Fantasien: etwa mit einem schwebenden Engel oder einer Todesfigur auf dem Henkerswagen, dessen Zugpferd auf die Siegessäule zu trottet. Wie auch immer: Der übertriebene Spieltrieb gehört vielleicht einfach dazu, wenn ein Leinwandgenie sich austobt.

«Drei» Von Franziska Bossy, dpa

dpa-infocom