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«Barfuß auf Nacktschnecken»: Sehenswertes Drama

Berlin Auf den roten Teppichen der schillernden Leinwandwelt versprühen Schauspielerinnen gern einen haarspraygelackten Glamour.

Besonders, wenn sie sich wie die Deutsche Diane Heidkrüger - heute: Kruger - vom Model zum Kinostarlett mausern und sich in Interviews schon mal selber als «Beauty-Junkie» bezeichnen. Diese Divenhaftigkeit bleibt dann zuweilen auch an den Leinwandfiguren kleben. Mit perfekten Frisuren, knitterfreien Visagen und hygienischem Lächeln.

Ganz anders in dem Drama «Barfuß auf Nacktschnecken». Dort zeigt sich Kruger, die akzentfrei Französisch spricht, neben einer brillanten Ludivine Sagnier jetzt mit ganz natürlichem Gesicht. Die glaubwürdige Ungezwungenheit ihrer Darstellung verdanken die beiden Frauen der Regisseurin Fabienne Berthaud, die - ähnlich wie in ihrem Low-Budget-Debüt «Frankie», dessen Hauptrolle sie ebenfalls bereits mit Kruger besetzte - in ihrem zweiten Spielfilm erneut eine fast dokumentarisch realistische Charakterstudie vorlegt.

Die von Kruger und Sagnier verkörperten Schwestern Clara und Lily könnten nicht unterschiedlicher sein. Lily ist ein impulsives Naturkind mit leicht autistischen Zügen. Einige Freunde und Bekannte halten sie sogar für verrückt, weil ihre Tierliebe bisweilen höchst skurrile Formen annimmt: etwa wenn sie tote Maulwürfe wäscht und einfriert, aus den Fellen und Überresten gefundener Kadaver Schmuck und Pantoffeln bastelt oder die Krallen ihres Puters signalrot lackiert. Clara hingegen führt - vielleicht auch als Gegenpol zu Lilys zwangloser Lebensweise - eine konventionelle Pariser Großstadtehe und hat sich im Anwaltsbüro ihres Ehemannes als Sekretärin verdingt.

Für die beiden Schwestern zeigt sich die Welt von ihrer unberechenbaren Seite. Das lässt bereits der glitschige Titel des Dramas «Barfuß auf Nacktschnecken» erahnen. Als die Mutter von Lily und Clara plötzlich stirbt, entgleitet den jungen Frauen in dem trügerischen Landidyll ihres Kindheitshauses das gewohnte Gleichgewicht ihres Alltags.

Ihre Reaktionen auf die Trauer, die sie verbindet, sind so gegensätzlich wie ihre Charaktere. Während Lily sich immer mehr in ihre unangepasste Fantasiewelt flüchtet, versucht Clara, das Verhältnis zu ihrer Schwester und zu ihrem Mann ganz bewusst zu stabilisieren. Mit schwindendem Erfolg. Als sie beginnt, ihre eigene Lebensweise zu hinterfragen, wirkt die aufmüpfige Freiheitsliebe ihrer Schwester plötzlich so viel normaler als das Streben, den Normen der Gesellschaft zu entsprechen.

Fabienne Berthaud stellt sich mit ihrem Anspruch auf Wahrhaftigkeit wie ihr Vorbild John Cassavetes gegen jene sensationslüsterne Fiktionen, mit denen Produzenten gern ein möglichst großes Publikum in die Kinosäle locken wollen. In Berthauds Drama hört man den Wind rauschen und das Gras wachsen, die Bilder sind voller Sonnenlicht, Blätter, Blüten und Krabbeltiere. Mit dieser ruhigen Filmfotografie strapaziert die Regisseurin die Geduldsfäden der Zuschauer bisweilen bis zur Zerreißprobe. Gut möglich, dass dadurch manch einer droht, das Interesse an dem Konflikt zu verlieren.

Die psychologischen Verwicklungen aber, die aus dem Spiel der ungleichen Filmschwestern hervorgehen, sind mit ihrem dokumentarischen Duktus in weiten Teilen so aufreibend wie sonst nur das Leben selbst. Nicht einfach. Aber sehenswert.

Seite des Films Von Franziska Bossy, dpa

dpa-infocom