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Hochstapler Tom Kummer: Alle gelinkt

Berlin Es war eine beispiellose Blamage für die Vorzeigeblätter des deutschen Journalismus: Sie hatten sich jahrelang von einem Hochstapler aus Hollywood linken lassen. Jetzt erzählt ein Film die Geschichte von «Bad Boy Kummer».

Er hatte sie angeblich alle vor dem Mikro - Sean Penn und Charles Bronson, Quentin Tarantino und Bruce Willis, Sharon Stone und Brad Pitt. Doch am 15. Mai 2000 platzt die Bombe: Die rund 60 Interviews mit Hollywood-Größen, die der Schweizer Journalist Tom Kummer über Jahre hinweg den angesehensten deutschsprachigen Blättern angedreht hat, sind alle frei erfunden. Es ist einer der größten Skandale der Pressegeschichte.

Der Dokumentarfilm «Bad Boy Kummer» versucht der Motivation des brillanten Hochstaplers auf die Spur zu kommen. Im Verhältnis zu seiner Geschichte nehmen sich aktuelle Beispiele von Ideen-Klau - etwa die Doktorarbeit von Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg oder der Erfolgsroman «Axolotl Roadkill» von Helene Hegemann - fast klein aus. Allenfalls Konrad Kujau, der Fälscher der Hitler-Tagebücher, könnte Kummer noch das Wasser reichen.

«Mich hat in erster Linie nicht die Frage nach der Ethik im Journalismus interessiert. Meine Frage war: Warum hat Kummer das gemacht?», sagt der Züricher Journalist und Regisseur Miklós Gimes, der den in Zusammenarbeit mit Arte entstandenen Dokumentarfilm nach dem Start in der Schweiz 2010 bereits auf verschiedenen Festivals vorstellte.

Gimes («Elf Freunde», «Mutter») war als früherer Vizechef beim Magazin des Schweizer «Tages-Anzeiger» von Kummers Fälschungen selbst betroffen. Er begleitet den heute 48-jährigen Starschreiber im Film auf einem Parforceritt durch sein Leben. Kummer arbeitet inzwischen als Tennistrainer («rund 6000 Bälle pro Jahr») und lebt mit Frau und zwei Kindern nach wie vor in Los Angeles - der Stadt, in der einem die Erdung mehr abhandenkommen kann als irgendwo sonst.

Bis heute hat der Meisterfälscher kein Unrechtsbewusstsein. «Ich will mich damit nicht auseinandersetzen. Da gehe ich lieber Tennis spielen», sagt er. Und wie schon in seiner 2007 erschienenen Autobiografie «Blow Up» verteidigt er seine Arbeitsweise als «Borderline-Journalismus», als Gratwanderung zwischen Wahrheit und Fiktion: «Es muss Bereiche geben im Journalismus, wo das möglich ist.»

Die «Einstiegsdroge» sei für ihn ein Interview mit «Baywatch»-Star Pamela Anderson gewesen, erzählt Kummer. Wie im Filmgeschäft üblich, hatte er einen Sammeltermin bei ihr mit einem Dutzend anderer Journalisten und bekam auf langweilige Fragen langweilige Antworten. Weil er aber den Auftrag hatte, eine gute Geschichte zu liefern, warf er das Interview kurzerhand in den Papierkorb - und reimte sich spannende Antworten selbst zusammen.

Höchst anschaulich erklärt Kummer seine Arbeitsweise im Film, als er ein Wissenschaftsmagazin an die Wand knallt. Die Seite, die dabei zufällig aufschlägt, liefert ihm die Inhalte seiner fiktiven Gespräche. So kommt es, dass Boxer Mike Tyson in einem Kummer-«Interview» tiefsinnig über Einstein und Hemingway räsoniert, Sean Penn über Kierkegaard und Gwyneth Paltrow über die Behandlung ihrer Angstattacken.

«Die Kummer-Interviews fanden alle nicht nur gut, sondern sensationell», erinnert sich der Gründer des SZ-Magazins, Andreas Lebert. Die damaligen Chefredakteure des Hefts, Ulf Poschardt und Christian Kämmerling, verloren nach Auffliegen der Affäre ihren Job - und haben bis heute Berührungsängste: Beide wollten für «Bad Boy Kummer» nicht vor die Kamera treten.

Und das ist ein Handicap des handwerklich und ästhetisch flott gemachten Films: Die spannendste Frage bleibt letztlich unbeantwortet. Wie konnte es passieren, dass sich die Crème de la Crème des deutschen Journalismus jahrelang so an der Nase herumführen ließ? Ist die Medienmaschine mit ihrer Sucht nach Glamour und immer neuen Schlüssellochgeschichten selbst mit schuld an einem Kummer?

Selbst seiner schillernden Hauptfigur kommt Gimes in den 92 Kinominuten nicht wirklich auf die Schliche. «Ich machte die klassische Erfahrung des Journalisten», gesteht er im Presseheft, «es ist schwierig, die letzte Wahrheit herauszufinden.»

Seite des Films Von Nada Weigelt, dpa

dpa-infocom