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Obdachlosen eine Stimme geben - «9 Leben»

Berlin Über Obdachlose gibt es viele Klischees.

Die Dokumentation «9 Leben» bietet überraschende Einblicke.

Ein Mädchen, das auf der Straße lebt und Cello spielt? Eine Punkerin, die jahrelang bettelt und nun will, dass aus ihren fünf Kindern mal was Ordentliches wird? Eine Frau, die obdachlos und drogensüchtig gewesen ist und jetzt in ihrer Wohnung pedantisch auf Ordnung achtet? Wie das zusammenpasst, erzählt die Dokumentation «9 Leben» von Maria Speth. Die Regisseurin porträtiert junge Menschen, die in Berlin auf der Straße gelebt haben oder noch leben. Der Film bietet überraschende Einblicke - schnörkellos und geradlinig.

Im Fokus stehen Za, Krümel, Sunny, JJ, Soja, Stöpsel und Familie sowie Toni und Band. Die Aufnahmen sind im Studio gedreht, vor einem weißen Hintergrund - nichts lenkt ab von den Geschichten und den Gesichtern der Protagonisten. Sie sind es, die aus ihrem Leben erzählen - und zwar das, was sie wollen. Die Regisseurin lässt ihnen Zeit und Raum. Nur wenige Male hakt Speth nach, ansonsten sind es die Menschen vor der Kamera, die den Ton angeben und für sich sprechen - reflektiert, offen und unverfälscht. Manches bleibt so zwar unbeantwortet, aber ein vollständiges Bild ist wohl von dem in schwarz-weiß gedrehten Film auch gar nicht beabsichtigt.

In den Schicksalen gibt es Parallelen: Schwierige Beziehungen zu den Eltern, Alkohol- und Drogenprobleme, Gewalt, Gefühle der Verlorenheit und der Isolation. Auch über ihre Sehnsüchte und Träume sprechen die Hauptfiguren. Sie kommen abwechselnd zu Wort, durch diese «themenbezogene Montage» soll ein fiktives Gespräch entstehen - das gelingt allerdings nicht immer: Manches wiederholt sich, anderes bleibt oberflächlich.

Eine junge Frau erzählt, dass es dem arbeitslosen Vater nur um das Lernen in der Schule gegangen sei, sie habe immer Druck verspürt. Ihre Mutter habe früh das erste Kind bekommen, später habe sie «gesoffen». «Wenn man in so einer Familie drin ist, dann hast du kaum Chancen.» Toni und Krümel haben ihre Musikinstrumente mitgebracht, ihre Songs lockern den Film auf. Der mittlerweile über 30 Jahre alte Krümel fühlt sich noch heute «nirgendwo zuhause».

Die Regisseurin will den Obdachlosen eine Stimme geben. «Obwohl die körperlichen und seelischen Schädigungen ihrer extremen Lebensumstände unübersehbar waren, begeisterten mich ihre Intelligenz und künstlerischen Fähigkeiten», sagt Speth im Pressematerial. «Menschen wie "du und ich", die unter anderen Umständen vielleicht ebenso andere Lebenswege eingeschlagen hätten.»

Za ist in Kasachstan geboren, die Familie zieht nach Deutschland, das Mädchen hat gute Noten, spielt Cello, nimmt am Wettbewerb «Jugend musiziert» teil. Mit 13 Jahren geht Za immer öfter zu den Punks am Alexanderplatz. Sie streitet sich mit Mutter und Bruder. Schließlich bricht sie das Musikgymnasium ab und übernachtet bei ihren Freunden auf dem «Alex». Das Verhältnis zur Mutter, die ihre Tochter mehrere Jahre lang in die Obhut von Verwandten gibt, bleibt schwierig. In der Dokumentation wirkt Za wie eine selbstbewusste junge Frau, die Zukunftspläne schmiedet und zu ihrer Zeit auf der Straße sagt, sie «würde es nochmal machen».

Seite des Films Von Iris Auding, dpa

dpa-infocom