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Unterwegs mit der Strick-Guerilla

Essen/Düsseldorf Eine Mütze für den Poller, ein Schal für den Ampelmast: Die Strick-Guerilla will Städte bunter machen. Nicht mit der Spraydose, sondern mit Wolle.

Bei Nacht und Nebel sind sie unterwegs, «bewaffnet» mit Wollknäuel und Nadeln. Der Fluchtwagen steht bereit. Ein Faden flattert, eine Nadel fällt klirrend zu Boden, und dann ist die Strick-Guerilla auch schon wieder verschwunden. Zurück lässt sie ein buntes Strickmäntelchen um einen Laternenmast oder eine Mütze auf einem Poller. Die Katernberger Strick-Guerilla hat wieder zugeschlagen. Ihr Ziel: Mehr Farbe in die Ruhrgebietsstadt Essen zu bringen, ohne etwas zu beschädigen. «Yarnbombing» (Garn-Bombardement) oder «Guerilla Knitting» (Guerilla-Stricken) nennt sich diese Art der Straßenkunst. «Weiches Graffiti», so nennen es die Künstler selbst.

Pilzi gehört zur Katernberger Strickguerilla aus Essen. Ihren wahren Namen verrät die Mutter von zwei Kindern nicht. «Nur weil uns niemand persönlich kennt, können wir frei agieren», sagt sie. Die Gruppe wollte etwas anderes stricken als nur Pullis. Da kam die Idee der US-Amerikanerin Magda Sayeg gerade recht.

Im Jahr 2005 wurde Sayeg aus Austin im US-Staat Texas zur Pionierin einer inzwischen internationalen Bewegung. Sie störte sich an Beton und Stahl. Mit einem Maßband bewaffnet zog sie los, nahm Maß vom Umfang eines Ampelmastes, der Länge eines Pollers. Zuhause angekommen, kramte sie Wolle hervor, ließ Stricknadeln klappern, strickte Masche an Masche - und fertigte so die ersten Strick-Graffiti der Welt. «Knittaplease» nannte sie ihre Gruppierung. Ihrer Idee folgen mittlerweile Stricker auf der ganzen Welt.

Von den USA schwappte der Trend nach Deutschland. Inzwischen gibt es außer den Essenern etwa «B-Arbeiten» in Remscheid, «Fluffy Throw-up» in Düsseldorf und Duisburg sowie Gruppen in München und Ulm.

Die Düsseldorfer Gruppe machte vor einigen Tagen mit einer Aktion gegen Atomkraft auf sich aufmerksam. Die Gruppe strickte die gelb-schwarzen Warnzeichen für Radioaktivität - und nähte sie an die 24 Masten des Uhrenparks im Düsseldorfer Volksgarten.

Im Vergleich zu Farb-Graffiti-Attacken kommt die gestrickte Straßenkunst harmlos daher. «Das hat nichts Zerstörerisches», findet Ute Lennartz-Lembeck von der Gruppe «B-Arbeiten» aus Remscheid. Ein Schnitt, und schon ist die Kunst verschwunden. Manche ihrer Stücke hängen schon ewig, sagt die 50-Jährige. Andere seien weg. In den meisten Städten werde die Kunst geduldet.

«Man gibt etwas an die Stadt, das man liebevoll gemacht hat», sagt Lennartz-Lembeck. Die Kunstlehrerin hat gerade ein neues Stück fertig gestellt. «Responsabilité» (französisch für Verantwortung) hat sie mit neongelbem Faden auf einen Lilaton gestickt. Blaues Fusselgarn umrahmt den Schriftzug. Es soll bald in Frankreich hängen.

Vom Remscheid aus gelangen die Strick-Graffiti in die ganze Welt: Über 120 Werke der Remscheider wurden an Objekten in 47 Ländern angebracht. Wenn Freunde ins Ausland gehen, nehmen sie die gestrickten Botschaften mit. Fotos dokumentieren die Strickkunst aus Remscheid an Skipisten und in US-Metropolen.

Inzwischen bekunden erste Städte sogar Interesse an den Strick-Graffiti. Für die Stadt Velbert hat die 50-Jährige gratis eine Trauerweide umhäkelt. Nun umfließen gehäkelte Ringel die Rinde. Pink, blau, rosa, grün - wie ein Socken, der sich am Ende in ungezählte Zehen gliedert und sämtliche Äste umringt. 200 Stunden lang hat die Kunstlehrerin gehäkelt. Stäbchenmaschen - 400 000 insgesamt, in 27 Farben.

Ein älteres Ehepaar bleibt stehen , staunt mit offenen Mündern. Die Guerillera ist noch nicht zufrieden. Sie will auch die letzten Wipfel noch in Wolle packen. Jetzt muss eine Hebebühne her.

Webseite von Ute Lennartz-Lembeck

Ute Lennartz-Lembeck bei Facebook

Magda Sayeg im Internet

Facebook-Profil der Katernberger Strickguerilla

Fluffy Throw-up bei Facebook Von Sonja Kuhl, dpa

dpa-infocom