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Leben auf Pump: Mehr Verbraucher in Schuldenfalle

Frankfurt/Berlin Die Zahl der Verbraucherpleiten steigt, ein Ende scheint nicht in Sicht.

Die Politik will das Insolvenzverfahren reformieren - doch Kritiker werfen Realitätsferne vor. Der Kern des Problems liege bei den Wurzeln der Schulden.

Viele Wege führen in die Schuldenfalle - und immer mehr Menschen tappen hinein. 110 000 Verbraucher meldeten im vergangenen Jahr Insolvenz an - so viele wie noch nie in Deutschland. Fachleute sehen kein Ende: Der Wirtschaftsauskunftei Creditreform zufolge gelten inzwischen 6,5 Millionen Erwachsene als überschuldet. Sie alle könnten absehbar ihren Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen. Für 2011 werden sogar 120 000 Verbraucher erwartet, die in ein Insolvenzverfahren gehen.

Es gibt viele Gründe für die private Pleite. Konsum auf Pump ist nur ein Beispiel. Eine Elektronikkette etwa verspricht den Kunden: «So können Sie sich alles leisten» und bietet die Finanzierung zu Schleuderpreisen an. Eine Internetsuche nach Krediten trotz negativen Schufa-Eintrags - Auskunft etwa über Vollstreckungsmaßnahmen bei unbezahlten Rechnungen - spuckt eine Million Treffer aus. Konsum auf Kosten einer unsicheren Zukunft - offensichtlich kein kleiner Markt.

Schuldnerberater sehen einen klaren Trend: «Unsere größte Gruppe hier sind Menschen, die von Transferleistungen wie Hartz IV leben oder eine Arbeit haben, die einfach nicht zum Leben reicht», sagt Oliver Rieck von der Verbraucherzentrale Berlin. Er berät seit rund zehn Jahren Schuldner. «Es ist Tatsache, dass die Menschen mit ihrem Geld immer weniger auskommen.» Die prekäre Beschäftigung zeige seine Langzeitfolgen.

Experten sind sich einig, dass die Entwicklung der Privatpleiten mittlerweile unabhängig vom Konjunkturaufschwung zu betrachten ist. Düsterer Ausblick: Jeder zehnte Erwachsene hat «nachhaltige Zahlungsstörungen», heißt es bei Creditreform. «Aus diesem Potenzial droht damit ein weiterer Anstieg der Privatinsolvenzen.» Ein Siebtel dieser Insolvenzen entfalle bereits auf junge Leute unter 30.

Auch immer mehr Insolvenzverwalter beobachten die Entwicklung mit Besorgnis. Die Abwicklung von Unternehmensinsolvenzen ist für sie finanziell erheblich lukrativer. Anders bei Privatleuten: Da ist meist nichts zu holen und die Insolvenz häufig ein Nullsummenspiel, wie der Geschäftsführer vom Verband der Insolvenzverwalter Deutschlands (VID), Daniel Bergner, berichtet. Gerichte weisen ihnen die attraktiven Fälle oft nur zu, wenn auch private Insolvenzen abgewickelt werden.

Der Ausweg aus der Misere scheint insgesamt steil. Bergner ist der Meinung, dass zudem viele Schuldnerberatungen überlastet sind und dort oft sehr lange Wartezeiten in Kauf genommen werden müssen. Zu oft sei in der Vergangenheit bei diesen Angeboten gekürzt worden.

Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) müht sich um Besserung und will das Privatinsolvenzverfahren schlanker machen. Bisher gilt : Nach Abschluss des gerichtlichen Verfahrens muss der Schuldner sechs Jahre lang den pfändbaren Teil seines Einkommens an die Gläubiger abgeben. Danach wird ihm die übrige Restschuld - egal wie hoch - erlassen.

Die Justizministerin will diese Zeit auf drei Jahre kürzen, «wenn in dieser Zeit die Verfahrenskosten und ein bestimmter Anteil der Schulden beglichen werden», sagte die Politikerin kürzlich. Sie denke an eine Quote von einem Viertel.

Fachleute aus der Praxis fürchten , dass diese Reformidee an der Realität vorbeigeht. VID-Chef Bergner etwa gibt zu Bedenken, dass sich ein erheblicher Teil der Schuldner schon im laufenden Verfahren wieder neu verschulde. Und Schuldnerberater Rieck fügt noch ein schauriges Beispiel hinzu: «Ich habe hier nicht selten Leute, die die Beerdigung eines Verwandten auf Raten finanzieren müssen.»

Service:

Die Auskunftei Schufa hat eine 94 Seiten starke «Längsschnittstudie zur Evaluation des Verbraucherinsolvenzverfahrens» finanziert. Sie ist mit diesem Link kostenlos als PDF abzurufen: http://dpaq.de/CvdkV

Justizministerium zur geplanten Reform

Verbraucherministerium zur aktuellen Regel

Schufa-Studie abrufen (pdf) Das Konto im Blick behalten Die Hauptursache für zu viele Schulden sei Arbeitslosigkeit, erklärt Stefanie Laag von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Nach einem Jobverlust könnten viele Menschen ihre laufenden Kosten nicht mehr decken. Aber auch familiäre Veränderungen wie Trennung oder Nachwuchs führten oftmals in eine Schuldenfalle. Verbraucher sollten deshalb den Überblick über Ein- und Ausgaben behalten und Rücklagen bilden. Sonst könne zum Beispiel schon die Reparatur der Waschmaschine zu einem Problem werden.

Größere Anschaffungen sollten immer gut überlegt werden, rät Laag. Dabei spielten die monatlichen Raten für den Kredit eine Rolle und auch die Folgekosten: «Wenn etwa das neue Haus oder die eigene Wohnung größer sind, steigen auch die Ausgaben zum Beispiel für Strom oder Heizung.» Damit das Budget nicht über Gebühr strapaziert wird, sollten Verbraucher einen Kassensturz machen: Welche Einnahmen gibt es, wie hoch sind die monatlichen Ausgaben?

«Wenn es ein grundsätzliches Problem gibt, sollte ich handeln», sagt Laag. Dabei gibt es zwei Möglichkeiten: Ausgaben reduzieren oder Einnahmen erhöhen. Leichter ansetzen lässt sich meist bei den Ausgaben: Sind wirklich alle bestehenden Versicherungsverträge nötig? Muss jeder in der Familie ein eigenes Handy haben? Wichtig sei dabei, dass die existenziellen Ausgaben für Miete, Strom, Lebensmittel oder auch Unterhaltszahlungen immer beglichen werden können: «Niemandem ist geholfen, wenn die Miete nicht mehr gezahlt werden kann.» Von Heiko Lossie, dpa

dpa-infocom


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