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Rudolf Scharping: Jäher Sturz nach steilem Aufstieg

Mannheim (dpa) - Rudolf Scharping, der als erster SPD-Parteichef nach dem Krieg abgewählt wurde, wurde am 2. Dezember 1947 in Niederelbert im Westerwald geboren. Kurz vor seinem Abitur 1966 tritt er in die SPD ein und betätigt sich in führenden Funktionen bei den Jusos. Nach Abschluß seines Politik-Studiums in Bonn wird der inzwischen mit der Winzerstochter Jutta Krause verheiratete aufstrebende Nachwuchspolitiker 1975 in den rheinland-pfälzischen Landtag gewählt. 1985 übernimmt Scharping in Mainz den Vorsitz der SPD-Fraktion und wird SPD-Landesvorsitzender. 1991 siegt er bei der Landtagswahl und wird zum Ministerpräsidenten gewählt.

Am 13. Juni 1993 wird Scharping, der seit 1988 dem SPD-Bundesvorstand angehört, in einer Mitgliederbefragung zum Nachfolger des zurückgetretenen SPD-Vorsitzenden Björn Engholm bestimmt. Mit 40,3 Prozent setzt er sich gegen Gerhard Schröder und Heidemarie Wieczorek-Zeul durch. Auf dem Sonderparteitag in Essen am 25. Juni 1993 wird Scharping offiziell zum SPD-Chef gewählt. Mit 45 Jahren ist er der jüngste SPD-Vorsitzende nach dem Krieg. Sein Ergebnis von rund 79 Prozent ist das schlechteste Ergebnis einer SPD-Vorsitzendenwahl seit 1949. Auf dem Wiesbadener Parteitag im November 1993 wird Scharping mit 83,3 Prozent als SPD-Chef bestätigt. Es war immer noch das zweitniedrigste Ergebnis der Nachkriegszeit.

Am 22. Juni 1994 küren die Delegierten des Wahlparteitags in Halle ihn mit 95,4 Prozent offiziell zum Kanzlerkandidaten für die Bundestagswahl. Am 16. Oktober kommt die SPD auf 36,4 Prozent, ein Zuwachs von knapp drei Prozent gegenüber der Wahl 1990. Zwei Tage später, am 18. Oktober, wird Scharping mit über 98 Prozent als Nachfolger von Hans-Ulrich Klose auch zum Vorsitzenden der SPD-Bundestagsfraktion gewählt. Vor drei Wochen wurde er in diesem Amt bestätigt.


Oskar Lafontaine: Hoch gepokert und gewonnen

Mannheim (dpa) - Er hat hoch gepokert und gewonnen. Zweimal hat Oskar Lafontaine den Parteivorsitz ausgeschlagen. Diesmal nutzte er seine womöglich letzte Chance. Fünf Jahre nach seinem Scheitern als Kanzlerkandidat ist der Saarländer nun wieder obenauf.

Die politische Karriere des Oskar Lafontaine fing schon in seiner Zeit als Saarbrücker Oberbürgermeister (1976 bis 1985) mit seinem engagierten Eintreten gegen nukleare Rüstung und Atomkraft an. Auch sein Einsatz für mehr Solidarität mit der Dritten Welt und den Ökologischen Umbau der Industriegesellschaft machten den Saarländer bundesweit bekannt. 1985 gelang Lafontaine das Kunststück, nach mehr als 25 Jahren die CDU-Herrschaft im Saarland zu brechen und die absolute Mehrheit zu erreichen. Seither regiert der von den Saarländern nur "Oskar" genannte Politiker in der dritten Legislaturperiode im kleinsten bundesdeutschen Flächenland. Im eigenen Land sorgte Lafontaine 1992/93 für Negativ-Schlagzeilen mit der Pensions- und der sogenannten Rotlicht-Affäre.

Bundespolitisch machte sich der brillante Rhetoriker schnell einen Namen. Bereits 1979 gehörte er dem SPD-Bundesvorstand an, seit 1987 ist er stellvertretender Vorsitzender. Der frühere SPD-Chef und Bundeskanzler Willy Brandt sah in dem begabten Politiker seinen "Enkel". Als Kanzlerkandidat seiner Partei mußte Lafontaine ein Jahr nach der Wende gegen den "Wiedervereinigungskanzler" Helmut Kohl eine Niederlage einstecken. Tragisch im selben Jahr auch das Attentat einer geistesgestörten Frau, die Lafontaine im April 1990 bei einer Wahlveranstaltung in Köln lebensgefährlich verletzte.

Der 52jährige SPD-Politiker wurde am 16. September 1943 in Saarlouis in einer katholischen Arbeiter- und Handwerkerfamilie geboren. Geprägt wurde Lafontaine vor allem in seiner Schulzeit im Bischöflichen Konvikt in Prüm/Eifel. Während seines Studiums, das er als Diplom-Physiker abschloß, wurde er von der Studienstiftung der deutschen Bischöfe gefördert. Als 23jähriger trat Lafontaine der SPD bei und ist seit 1977 SPD-Landesvorsitzender an der Saar.

Unter dem SPD-Bundesvorsitzenden Rudolf Scharping übernahm Lafontaine 1994 neben dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Gerhard Schröder die Rolle eines Zugpferdes in der Troika. Nach den internen Querelen zwischen Scharping und Schröder und dessen Absetzung als wirtschaftspolitischer Sprecher der Partei hielt sich der Saarländer lange Zeit bedeckt. Eva-Maria Britz


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