Computerfreaks:
Leichenblasse asoziale Couch-Monster?
Hamburg/Berlin (dpa) - "Komm schon, Baby!" Der junge Mann streicht sich seine langen Haare nach hinten. Nach einer Kneipentour kniet Armin Berger (28) auf dem Boden seiner Altbauwohnung, nachts um 03.00 Uhr in Berlin. Auf dem Tisch vor ihm summt der PC. Er will sich in das Objekt der Begierde einloggen: ins Internet. Das weltweit größte Computernetz zieht immer mehr Menschen in seinen Bann, Tag und Nacht.
Sind das alles verfettete, leichenblasse Couch-Monster, droht die digitale Apokalypse, wie manche Kritiker meinen? Sind die "User" (Nutzer) nur Zeittotschläger, Perverse, Quasselstrippen, arbeits- und kinderlose Nachtmenschen, die kontaktscheu und autistisch in der elektronischen Höhle ausharren?
"Die Leute haben einfach keinen blassen Schimmer", sagt Student Berger in Berlin. Und eine neue Studie des Hamburger B.A.T. Freizeit-Forschungsinstitutes zeigt: Das Klischee stimmt nicht. Freizeitforscher Prof. Horst Opaschowski: "Computerfreaks sind nicht losgelöst, sondern stehen mit beiden Beinen auf der Erde."
"Jung, dynamisch, attraktiv"
Erstmals hat Opaschowski ein Profil für die bundesweit rund sieben Millionen Computerfreaks in Deutschland ermittelt, die regelmäßig in der Freizeit am Computer sitzen. Sie sind jung, zu zwei Dritteln männlich und erfolgreich. Die regelmäßigen User treiben doppelt so viel Sport wie der Durchschnittsdeutsche, sind mehr als alle anderen mit dem Fahrrad oder Auto unterwegs und gehen gern baden oder ins Kino.
Zu den Computerfreaks gehört jeder dritte Jugendliche zwischen 14 und 19 Jahren, bei den 20- bis 34jährigen sind es 18 Prozent. Computerfreaks seien "CD- und MC-Kids" und gucken gern Videos, sind "immer in Aktion und Bewegung". Die Mehrheit der Deutschen reagiert nach der Studie auf Streß mit einem Rückzug auf den Luxus der Muße in der Leistungsgesellschaft. Anders die "neue Generation der Medienkids": Die 14- bis 24jährigen wollen "vor allem nichts verpassen": Zappende Zeitmanager.
Laptop schon für Vierjährige
Schon ganz junge wissen, was sie tun: Im Hamburger Alsterhaus ist der Renner im Weihnachtsgeschäft ein Computerspiel für Kinder ab sechs Jahren für 119,95 Mark. Eine Sprecherin des Kaufhauses: "Alle sind ganz heiß drauf." Erst-Laptops gibt es schon für Vierjährige.
Ob als Netsurfer oder in Internet-Cafes: Die "Community", weltweit schon 30 Millionen Menschen, tauscht aus, was "megasuper" ist. Sie fragen nicht, was modern ist, sondern "What's cool?" Was einst eine Plauderei war, heißt "chat", das gute Benehmen richtet sich nach dem Internet-Knigge, der "Netiquette". Wer groß schreibt, SCHREIT.
Viele fühlen sich einfach überrollt
Der Guru der PC-Bewegung, Microsoft-Chef Bill Gates, proklamiert von den USA aus: "Auf jeden Schreibtisch, in jedes Zuhause gehört ein Computer." Der Hamburger Chaos Computer Club verlangt ein "neues Menschenrecht auf weltweite ungehinderte Kommunikation." Doch was die Computerfreaks begeistert, kennen viele Ältere gar nicht. Viele Deutsche haben Angst. "Man fühlt sich förmlich überrollt", sagte noch im April jeder zweite Deutsche in einer Umfrage. Doch die neue Studie zeigt: Hinter Horrorbildern von Hackern und süchtigen Surfern stecken Menschen wie eh und je. Bettina Huhndorf
Das stark verfremdete Foto von Herbert Piel zeigt einen professionellen Bildschirm-"Freak" bei der elektronischen Überwachung des Nürburgrings
Last edited: jo@cicero.de 950712