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Pleitgen will ARD-Ausstieg bei Bundesliga

35 Millionen besser anlegen - "Hätten noch höher bieten sollen"

Köln/Neuss (sid) Die ARD wird mit Ende der laufenden Fußball-Saison ihre Bundesliga-Berichterstattung einstellen und mit einer neuen Sportschau an SAT.1 "ran"-gehen - wenn es nach dem Vorschlag von WDR-Intendant Fritz Pleitgen geht. "Wir sollten die Zweitrechte auf keinen Fall für die Spielzeit 1996/97 erneut erwerben, die 35 Millionen pro Jahr sind herausgeschmissenes Geld, wenn wir nicht erheblich mehr dafür bekommen", sagte der Chef der größten ARD-Anstalt: "Natürlich muß die Mehrheit zustimmen."

Die Rechte-Agentur ISPR, die am vergangenen Samstag wieder den Zuschlag durch den Ligaausschuß des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) bis zum Jahr 2000 erhielt, muß zur Finanzierung der 520 Millionen Mark andere Zusatzquellen in der Zweitverwertung suchen. Als erster Kandidat dafür gilt das DSF, das wie die ISPR und SAT.1 zum Kirch-Imperium gehört.

"Wir haben bis zur 90. Minute alles gegeben. Nun gehen wir als faire Verlierer vom Platz", sagte Fußball-Fan Pleitgen. Die ARD will aber nicht weiter als Reserveteam auflaufen, sondern sich nun Samstags durch eine "Sportschau mit eigenem Charakter" profilieren: "Wir gehen wie früher um 17 Uhr auf den Sender - und gleich mit ausführlicher Bundesliga-Wortberichterstattung."

Die "alternative Idee" stammt von WDR-Sportchef Heribert Faßbender: "Wir wechseln dabei in ein Studio mit Publikum." Die Bundesliga-Fakten werden den Fußball-Fans eine Stunde vor dem SAT.1-Start präsentiert, nicht aber durch Kurzfilme. "Das wäre zwar rechtlich denkbar, aber wir wollen keinen Kampf mit DFB und Vereinen, die nicht unsere Gegner sind", sagt Pleitgen.

Zu Recht der Olympiasender

Nach "Hörfunk-Bundesliga live" sollen dann andere Sportarten mehr Platz finden als bisher. ARD-Sportkoordinator Werner Zimmer: "Wir werden beweisen, daß wir gerade zu Recht vom IOC als Olympiasender bis 2008 bestätigt wurden."

Nach Ansicht des WDR-Indendanten fehlten der ARD im beendeten TV-Poker nur zwei, drei Tage, um im Verbund mit ZDF und RTL das Duo ISPR-SAT.1 doch noch auszustechen. Pleitgen verriet: "Als es am letzten Freitag eng wurde, haben RTL noch einmal um 30 Millionen und wir um 20 Millionen aufgestockt, um auf die 550 Millionen zu kommen. Doch das reichte nicht, weil der DFB unter Zeitdruck war." Das 75-Millionen-Mark-Angebot von "Premiere" drohte zu platzen, weil die Bundesliga-Rückrunde in wenigen Tagen startet.

"Wir konnten am Wochenende so schnell keinen weiteren Beschluß fassen", bedauerte Pleitgen, meinte aber: "Wäre es allein nach mir gegangen, hätten wir nochmals erhöhen können, ohne Gebührengelder anzugreifen."

Nach seiner Rechnung waren die ARD-Kalkulationen mit Werbeeinnahmen (50 Millionen) und Weiterverkauf von Zweitrechten noch nicht ausgereizt: "Ich hege keinen Groll gegen die Konkurrenz, die sehr professionell aufgetreten ist. Aber ich wäre als Fußballer gern in die Verlängerung gegangen."

Kein Blick zurück im Zorn

Für Fritz Pleitgen gibt es keinen Blick zurück im Zorn: "Wir gratulieren und schauen nach vorn. Wir zeigen weiter Fußball: EM, WM, Länderspiele, DFB-Pokal, mehr Europacup vielleicht. Nicht aber teure Zweitrechte, die uns um die sechs Prozent Einschaltquote bringen. Das Geld können wir besser anlegen, auch mit Sport mit neuen Ideen." Das ZDF allerdings will im Sportstudio auch künftig Erstklassen-Fußball präsentieren.

Für die ARD endet dagegen eine Ära, die ab Einführung der Bundesliga 1963 die "Sportschau" zur nationalen Institution gemacht hatte. 1965/66 mußte erstmals ein TV-Honorar von 640.000 Mark bezahlt werden. Die Übertragungsrechte waren ARD/ZDF 1987 schon 18 Millionen Mark wert. Doch 1988 kam der erste Einbruch, als die UFA für 40 Millionen Mark den Zuschlag erhielt und einen Teil der Erstrechte an RTL weitergab. Der zweite "Quantensprung" folgte 1992 mit ISPR/SAT.1 von 55 Millionen auf zuerst 110 Millionen Mark pro Saison.

Fritz Pleitgen: "Es wäre heuchlerisch, nun zu bejammern, daß Geld die Welt regiert. Ich kann DFB und Klubs gut verstehen. Trotzdem, als ich am Samstag beim Aachener Karneval erfuhr, daß wir es nicht geschafft hatten, war für mich natürlich erst einmal Aschermittwoch."
Dieter Hennig


Last edited: jp@rhein-zeitung.de 12.06.1998 06:31