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Der "Mann mit der Mütze" ist tot

Hamburg (dpa) - Der "Mann mit der Mütze" ist tot. Helmut Schön, der erfolgreichste Nationaltrainer der Welt, ist in der Nacht zum Freitag im Alter von 80 Jahren nach langer, schwerer Krankheit in einem Wiesbadener Alten- und Pflegeheim gestorben.

Der gebürtige Dresdner hatte die Nationalmannschaft 1972 zum Europameister-Titel und zwei Jahre später zur Weltmeisterschaft geführt. 1978 hatte er das Amt des Bundestrainers nach 14jähriger Tätigkeit an Jupp Derwall übergeben. Es war schon lange still geworden um den "Langen", der seit Jahren völlig zurückgezogen zunächst mit seiner Ehefrau Anneliese in seinem Haus im Wiesbadener Vorort Klarenthal, dann in einem Heim gelebt und nur noch selten Besucher empfangen hatte.

Sein Lebensinhalt Fußball, zu dem er zuletzt keinen echten Bezug mehr gehabt hatte, lebte nur noch in der Erinnerung. Ließ er sich 1986 noch als Ehrengast zum Finale der Weltmeisterschaft in Mexiko einfliegen, so verfolgte er den dritten deutschen WM-Gewinn nach 1954 und 1974 bei der WM in Italien nur noch am Fernsehschirm. Kommentare zum aktuellen Geschehen ließ er sich in zunehmendem Maße in vornehmer Zurückhaltung nur noch widerwillig und zuletzt gar nicht mehr entlocken. "Ich will keinem mehr 'reinreden", meinte er.

Sein Ruhm ist unvergänglich

Helmut Schöns Ruhm ist unvergänglich. Er steht für die größte Ära des deutschen Fußballs. Die Statistik-Computer weisen ihn nach wie vor als den erfolgreichsten Trainer der Welt aus. Weltmeister 1974, Europameister 1972, Vize-Weltmeister 1966, WM-Dritter 1970, Vize-Europameister 1976. Nur sein Abschied mit dem "Waterloo von Cordoba", dem 2:3 gegen Österreich bei der Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien, trübte die Erfolgsbilanz des sensiblen Sachsen, der stets großen Wert auf Distanz zu den Medien legte.

Der Nachfolger der Trainer-Legende Sepp Herberger, der vor seiner Fußball-Karriere eigentlich Chirurg hatte werden wollen, war nie ein Risiko-Typ mit der "Schaun 'mer mal"-Mentalität seines begnadeten Musterschülers Franz Beckenbauer, der ebenso unter Helmut Schön sein Nationalmannschafts-Debüt feierte wie der jetzige Bundestrainer Berti Vogts. Vorsichtig abwägend, betulich bis bedächtig, was ihm - oft zu Unrecht - das Klischee "Zauderer" einbrachte, aber immer durchdacht. Die Länderspiel-Bilanz des gebürtigen Dredners, der als Nationalspieler in 16 Länderspielen 17 Tore erzielte, wird wohl auf lange Zeit unangetastet bleiben: In 139 Spielen unter seiner Regie gab es 87 Siege und bei 31 Unentschieden nur 21 Niederlagen.
Jörg Obergethmann; Foto: Reuter
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  • Last edited: jp@rhein-zeitung.de 12.06.1998 06:31