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Genies zwischen Grundschule und Uni

Hochbegabte Kinder erobern per Computer die Hochschulen

Erlangen (dpa) - Per Computer erobern Kinder die Hochschulen. Sieben- bis 14jährige arbeiten sich an der Universität Erlangen in speziellen Kursen spielend ins professionelle Betriebssystem Unix ein oder tüfteln an Modellen künstlicher Intelligenz. "Der Lerninhalt entspricht weitgehend dem des Einführungskurses für Erstsemester", berichtet Kursleiter Markus Schulze. Einzelne Kinder wie die 14jährige Katharina haben inzwischen als Gaststudenten reguläre Seminarscheine erworben.

Die Computertechnik ist bei dem ungewöhnlichen Projekt nur ein pädagogisches Hilfsmittel, erklärt Initiatorin Christine Spahn, frühere Beauftragte des Vereins "Hochbegabtenförderung" für Nordbayern. Es geht nicht vorrangig darum, Kinder noch früher fit für Maus und Bildschirm zu machen, sondern ein Ventil für die überschüssigen Kapazitäten Hochbegabter zu schaffen, sagt die Grundschullehrerin. Kinder mit einem Intelligenzquotienten von über 130 kommen im Schulsystem einfach zu kurz.

Frustrierte Genies als Störenfriede

Nach Spahns Schätzungen gibt es in Deutschland rund 300.000 solcher hochbegabter Kinder. In der normalen Schule fallen die frustrierten Genies oft als Störenfriede oder soziale Außenseiter auf. Nicht so in den Kursen von Schulze: "Bei uns sind die Kinder plötzlich ganz normal und nett", berichtet Computerlinguist Schulze. Wenn die Kinder endlich einmal richtig gefordert werden, entfielen viele soziale Schwierigkeiten.

Auch Eltern berichten vom Erfolg der Erlanger Kurse: Nachdem die Kinder an der Universität geistig gefordert worden waren, verbrachten sie ihre freie Zeit am Nachmittag viel ausgeglichener. Christine Spahn betont immer wieder die Notwendigkeit, hochbegabte Kinder angemessen zu fördern. Selbst ein Schulunterricht, der auf die Bedürfnisse Hochbegabter speziell eingehe, reiche nicht aus, um die Kinder auszulasten. Nicht umsonst fordert die Lehrerin analog zur "Sonderpädagogik" für Leistungsschwache eine "Hochbegabtenpädagogik".

Als Pionierprojekt ist der erste Ferienkurs für hochbegabte Kinder an der Universität Erlangen im Herbst 1995 gelaufen. Die Abteilung für Computerlinguistik von Prof. Roland Hausser führte zwölf Kinder vor allem in die Sprachanalyse per Computer ein. "Die Kinder haben sich dabei nicht dümmer angestellt als die Studenten", berichtete Hausers Mitarbeiter Schulze.

Kursangebot soll noch erweitert werden

Der vom Verein "Hochbegabtenförderung" organisierte zweite Kurs läuft vom 10. bis 12. April. Daneben ist Ende April ein weiterer Kurs geplant, der am Institut für Informatik, Lehrstuhl für künstliche Intelligenz, abgehalten werden soll. Hier können hochbegabte Kinder Mini-Lego-Roboter in Telefongröße mittels eines geeigneten Computerprogrammes, das sie selbst erarbeiten werden, steuern. Kurs-Leiter ist Michael Tielemann, selbst Vater eines hochbegabten Sohnes.

Da bislang alle Kurse für hochbegabte Kinder im Großraum ausschließlich den Computerbereich abdecken, erwägt Christine Spahn als promovierte Philosophin das Angebot um einen Philosophie-Kurs oder "Kreatives Schreiben" zu erweitern. Viele Hochbegabte haben ganz andere Interessensfelder als den Computer, hat die Pädagogin festgestellt. Der sechsjährige Tristan beispielsweise hat sich auf Ägyptologie spezialisiert. Die Hieroglyphen erlernt der Hobby-Forscher aus einem englischen Lehrbuch - ohne je Englisch-Unterricht gehabt zu haben. Birgitt Roßhirt


Last edited: tk@rhein-zeitung.de 12.06.1998 06:33