IVWPixel Zählpixel Siehe auch: New Yorker U-Bahn-Schütze soll 43 Millionen Dollar zahlen

Der Guru hüllte sich in Schweigen

In Tokio begann der "Giftgas-Prozeß" gegen den Sektenführer Asahara

Tokio (dpa) - Leise und mit sanfter Stimme, aber klar verständlich, pochte Japans derzeit prominentester Häftling auf seinen religiösen Namen und Titel: "Ich heiße Shoko Asahara". Chizuo Matsumoto? "Den Namen habe ich abgelegt", antwortete der Guru der Aum Shinrikyo-Sekte, als der Richter zum Prozeßauftakt nach seinem bürgerlichen Namen fragt. Als Beruf gab er "Führer der Aum-Sekte" an.

Damit hatte der bärtige, halbblinde Asahara wenigstens für das Protokoll festgehalten, in welcher Rolle er sich bei diesem und drei weiteren Prozessen sieht. Asahara soll Drahtzieher von 17 Verbrechen - darunter 24facher Mord - sein. Die äußeren Zeichen seiner Guruwürde und Stellung in der "Höchsten Wahrheit", die violette oder eine andersfarbige Robe, hatten ihm das Gericht verweigert. Die Staatsanwälte argumentierten, das könnte Aum-Mitglieder bei ihren Zeugenaussagen beeinflussen.

So saß Asahara in dunkelblauer Jacke, flankiert von zwei Polizeibeamten, seinen acht Anklägern in dem fensterlosen, nüchternen Saal 104 des Distriktgerichts Tokio gegenüber - hinter ihm seine zwölf Pflichtverteidiger. Der Verlesung der Namen der elf Toten und 3 796 Verletzten des Giftgasanschlags auf die Tokioter U-Bahn durfte der Guru sitzend verfolgen.

Mit unbewegter Mine

Seine Mine verriet nicht, ob die Beschuldigungen, die Namen der Opfer oder das Schluchzen der Witwe eines der Toten unter den Zuhörern ihn beeindruckten. Die Augen meistens geschlossen, den Kopf mit den langen, zu einem Pferdeschwanz gebundenen Haaren leicht erhoben, um einige Kilogramm leichter als bei seiner Festnahme, saß er auf dem Stuhl. Einmal, offenbar weil es ihm zu warm wurde, streifte er kurz die Jacke ab. Den Eindruck eines charismatischen Religionsstifters, der einst 15 000 Anhänger um sich scharte, vermittelte er nach Ansicht von Beobachtern nicht.

Nur wenige Menschen konnten sich im Gerichtssaal ein persönliches Bild von Asahara machen. Medienvertreter und Öffentlichkeit mußten sich 96 Plätze teilen. In der Hoffnung auf Losglück hatten sich für die computergesteuerte Ziehung 12 292 Japaner angemeldet. "Asahara hat mein Leben verändert. Ich will hören, was er zu sagen hat. Er muß zum Tode verurteilt werden", sagte eine junge Frau, die bei dem Sarin-Anschlag verletzt worden war und wegen eines Traumas danach ihren Job verlor. "Ich will hören, ob er sich schuldig bekennt", sagte ein junger Mann. Darauf wartete er vergeblich. Asahara beschränkte sich bei seiner Einlassung auf ein religiöses Bekenntnis.

Am Ende des ersten Verhandlungstages wurde er mit einem schußsicheren Kleinbus ins 30 Minuten Fahrzeit entfernte Untersuchungsgefängnis zurückgebracht. Wird er für schuldig befunden, kann das Urteil "Tod durch Erhängen" lauten. Jochen Göbel; Zeichnung und Foto: Reuter


Last edited: tk@rhein-zeitung.de 12.06.1998 06:33