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"Manchmal haben auch wir einfach Schiß"

Polizei steht beim Konflikt um Atomtransporte zwischen den Fronten

Gorleben (dpa) - Werner Scharnowski kennt den Castor. Er war dabei, als der Atommüllbehälter im April 1995 in das Gorlebener Zwischenlager rollte. Der 43jährige Polizeihauptkommissar wird an diesem Mittwoch als Zugführer mit seiner Gruppe von 30 Frauen und Männern der zweiten Einsatzhundertschaft der Bereitschaftspolizei Hannover wieder an der Straße im niedersächsischen Landkreis Lüchow-Dannenberg stehen. Bei diesem Einsatz sollen sie der französischen Version eines Castorbehälters mit seiner heißen Fracht den Weg durch entschlossene Demonstranten bahnen.

"Das erfordert Ruhe und Gelassenheit, den Haß, der einem oft entgegenschlägt, wegzustecken und angemessen zu reagieren." Scharnowskis Geheimrezept in solchen Lagen heißt: "In die Augen sehen und reden."

"Höhepunkt" der Laufbahn

Die meisten Bereitschaftspolizisten, unter ihnen ein Drittel junge Frauen, haben die Choastage in Hannover bisher als "Höhepunkt" ihrer Laufbahn erlebt. Doch das, was in Gorleben auf sie zukommt, wird anders sein: "Keiner hat sich krankgemeldet und keiner Urlaub gekriegt", sagt die 20jährige Polizeimeisterin Heidi Herpel. "Das sind Highlights von den polizeilichen Aufgaben her. Da will jeder mitmachen", sagt Werner Scharnowski.

"Ich verstehe die Leute"

Polizeioberkommissar Adalbert Lenz (47) hat das Wendland rund um das Atommüllager in diesen Tagen zum ersten Mal gesehen. "Ich verstehe die Leute, die hier wohnen, wenn sie gegen den Castor auf die Straße gehen. Wenn ich in ihrer Lage wäre, täte ich das in meiner Freizeit auch - friedlich natürlich", sagt er. Sein Kollege Scharnowski pflichtet ihm bei. Er kenne die Vorbehalte und Ängste der Einheimischen und würde sich "wohl engagieren, wenn ich hier wohnte". Die Grenze des "bürgerlichen Ungehorsams" sei für ihn immer die Straftat, die konsequent verfolgt werden müsse: "Was Staatsanwaltschaft und Gerichte dann damit machen, ist eine andere Sache", sagt der Hauptkommissar.

"Militanz ist nun stärker"

Das eigene Risiko haben viele Demonstranten in diesen Tagen nach Beobachtung der Polizei begrenzt, um sich selbst zu schützen: "Aber die Militanz ist stärker geworden", sagt Polizeioberkommissar Uwe Reinert (30). Mit vielen Zugereisten sei kein Dialog möglich. Wenig Kontakt besteht auch zum Bundesgrenzschutz, der die Gleisanlagen allein schützen soll, aber der Lüneburger Polizeiführung unterstellt ist. "Zwei verschiedene Konzepte können zu Irritationen führen", sagen die Bereitschaftspolizisten aus Hannover vorsichtig.

"Wer recht hat, bleibt offen"

Das Bewußtsein, in der Polizeibaracke 30 Meter neben dem Castor zu schlafen, "erfordert eine gewisse Dickfälligkeit", sagt Familienvater Scharnowski. "Die Frage bleibt offen, wer recht hat in punkto Strahlung. Wer sagt uns denn in 20 Jahren, welcher Faktor angesichts ganz neuer Erkenntnisse eine Rolle spielt?" fragt er.

Rollt der Atommülltransport erst einmal auf Wendländer und Polizisten zu, dann verändert sich die Situation plötzlich: "Dann kann man vorher der abgebrühteste Hund sein, dann ist die Gefahr spürbar nah und dann haben auch Polizisten mitunter einfach nur Schiß", bekennt der Zugführer. Karin Toben; Fotos: Reuter


Last edited: tk@rhein-zeitung.de 12.06.1998 06:31