Siehe auch:Hanf: Rohstoff der Zukunft?Kleidungsstücke, Möbel oder Verpackungen aus der Nutzpflanze Hamburg (gms) - Adrett geschminkt, vollwertig ernährt und die Jeans aus heimischem Anbau im Kleiderschrank - mit Hilfe des Rohstoffes der Zukunft: Hanf. Daß die Pflanze nicht mit Marihuana oder Haschisch gleichzusetzen ist, haben nicht alle "Legalize"-Gegner begriffen.Aber die Zeiten, in denen Hanferzeugnisse als "Ökozeugs" aus der alternativen Szene verpönt waren, sind eindeutig vorbei. Seit Februar 1996 ist der Anbau von 14 Hanfsorten in Deutschland und im übrigen Europa erlaubt. Die Saaten haben einen Wirkstoffgehalt des Rauschmittels Tetrahydrocannabinoal (THC) von unter 0,3 Prozent. Aus diesem Stoff kann erst ab einem Gehalt von rund drei bis vier Prozent Haschisch hergestellt werden. Kein Grasraucher kann von dem Nutzkraut soviel in seinen Joint stopfen, daß er davon "high" werden könnte. Das ist beim "indischen Hanf" anders: Er enthält im Harz der weiblichen Pflanze neben anderen ätherischen Ölen einen THC-Gehalt von fünf bis 15 Prozent - das reicht mindestens für einen Rausch. Der in Deutschland angebaute Hanf wird vor der Ernte von Mitarbeitern der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) in Frankfurt kontrolliert - damit niemand unerlaubt den "Happy Stuff" kultiviert.
Comeback dank Vielseitigkeit
Ihre Vielseitigkeit verhilft der Hanfpflanze derzeit weltweit zu einem Comeback. Jeder Teil der Pflanze ist verwertbar: Die Fasern, das Harz und das Öl. Hanf eignet sich als Ersatzstoff für Plastik oder Metall, weil er billiger und einfacher in der Herstellung ist, und er hat ähnliche Eigenschaften wie glasfaserverstärkte Kunststoffe, die der Automobilbau braucht. Das Interesse der Autoindustrie ist groß: Konsolen, Armstützen, Armaturenhalterungen, sogar Stoßfänger könnten am Ende eines Autolebens auf den Kompost geworfen werden und dort zu wertvollem Humus verrotten. Genauso könnten nahezu unverwüstliche Kleidungsstücke, Möbel, Teppiche, Matratzen, Zellulose-Ersatzstoffe oder Verpackungen enden. Hanf eignet sich auch als Baumaterial oder Dämmstoff. Das Öl dient zur Herstellung von Kosmetik, Duschbädern, Schuhcreme, Speiseöl oder Schmierseife, und die Rückstände, der "Hanfkuchen", ließen sich an Vieh verfüttern. Insgesamt gibt es weltweit etwa 50.000 Produkte aus Hanf - und Experten sehen in seinem Anbau einen profitablen Markt. In den Hanfläden findet der Kunde mittlerweile eine Produktpalette fast wie im Warenhaus. 120 Artikel aus der Nutzpflanze Cannabis sativa führt etwa das Berliner "HanfHaus", das bundesweit mittlerweile 14 Filialen hat. Dort werden Speiseöl und Samen für Salat und Müsli angeboten, hautfreundliche Cremes und Salben, Lippenstift, Haarkuren und ein Waschmittel mit Tensiden auf Hanfölbasis, Nähgarn, Bindfäden, Segeltuch, Gurte, Papier, Pappe und Wachsmalstifte. Auch der Bauer selbst kann profitieren: mit Düngemitteln, natürlichen Schädlingsbekämpfungsmitteln, Pferdestreu und Benzinersatz.
"Spirit of Hanf"Auch Spirituosen-Hersteller sind auf den Geschmack der Cannabispflanze gekommen: Das "Hanfwerk Osnabrück" bietet den "Spirit of Hanf"-Likör an (Johannistorwall 19, 49074 Osnabrück, Tel.: 0541-2013979). Der giftgrüne Kräuterlikör, in einer Art Hustensaftflasche abgefüllt, klebt ölig-schmierig auf der Zunge. Für das Gebräu werden Hanfsamen sechs Wochen in Alkohol eingelegt - aber der Joint-Kick bleibt aus. Mit einem Bier aus Hanfblüten möchte eine Schweizer Brauerei groß herauskommen. Das Gebräu schmeckt nach Angaben von Brauhaus-Chef Gary Wuschech leicht nach Gras. Mit 5,8 Prozent Alkoholgehalt gehört der Trank aber schon zu den Starkbieren.Ein weiterer Vorteil des Nützlings ist seine Robustheit. Während Korn nach Unwettern oder starkem Regen liegt, wiegt sich Hanf gemächlich hin und her. Die sogenannte zweihäusige Gespinst- und Ölpflanze wird bis zu vier Metern hoch. Das Cannabaceae mit den fingerförmig gefiederten Blättern gehört zur Gattung der Maulbeergewächse und hat seinen Ursprung in Asien: Bereits 2800 vor Christus wuchs es in China. Seitdem haben Inder, Perser und Assyrer Hanf zumeist als Rohstoffquelle für Seil, Schnur und Tuch genutzt. Im Mittelalter wurden die Fasern zu Leinwand, Sack- und Packtüchern verarbeitet, aber auch zu Papier: Johannes Gutenberg druckte seine erste Bibel auf Hanf. Auch ein noch heute populäres Kleidungsstück bestand in seiner Urform aus Hanffasern: Die erste Levi Strauss-Jeans von 1873. Erst im 20. Jahrhundert wurde der Hanfanbau in vielen westlichen Ländern verboten. Das Aufkommen von Baumwolle und synthetischen Fasern machte Hanf unwirtschaftlich, und der zunehmende Mißbrauch von Cannabis zog auch Einschränkungen im - erwiesenermaßen - nützlichen medizinischen Gebrauch nach sich. Den therapeutischen Nutzen hatte W.B. O'Shaughnessy, ein junger britischer Soldat in Indien, bereits 1839 beschrieben. Die Wirkstoffe der Pflanze regen den Appetit an, stimmen positiv und sind daher gut gegen Depressionen.
Cannabis-Produkte zur SchmerzlinderungDie Homöopathie setzt etwa bei Entzündungen der Harnorgane, bei Lungen- und Herzkrankheiten auf Hanf. Hessens Gesundheitsministerin Margarethe Nimsch spricht sich für den Einsatz von Cannabis-Produkten zur Schmerzlinderung von Schwerkranken aus. Der Bundesregierung wurde empfohlen, den Wirkstoff Delta-9-Tetrahydrocannabinol im Betäubungsmittelgesetz so umzustufen, daß Arzneimittel mit diesem Wirkstoff importiert und von Ärzten verschrieben werden können. In den USA sind cannabishaltige Arzneimittel zur Linderung der Nebenwirkungen bei einer Chemotherapie sowie für die Behandlung von Aids-Patienten zugelassen.Seit der Aufhebung des Anbauverbotes durch den Bundestag haben bundesweit 557 Landwirte Hanf auf 1390 Hektar angebaut. Da es um die Landwirtschaft unter anderem wegen der Rinderseuche BSE schlecht steht, sieht der eine oder andere Landwirt eine Chance. Laut Rolf Haberbeck, Vorstand der Hanfgesellschaft in Berlin, haben die Hanfhändler in Deutschland im vergangenen Jahr 30 Millionen Mark umgesetzt und damit 1000 Menschen einen Arbeitsplatz gesichert.
Teures SaatgutDer Preis für das Saatgut ist hoch: Ein Kilogramm kostet rund 15 Mark. Aber noch wird der Anbau von der Europäischen Union mit 1500 Mark pro Hektar unterstützt. Zur Zeit fehlen auch noch Ernte- und Verarbeitungmaschinen für das Rohmaterial. Allerdings läßt sich Hanf in Ölmühlen oder Papierfabriken problemlos bearbeiten. So ganz hat sich die Pflanze also trotz ihrer Vorzüge noch nicht durchgesetzt - zumal da ihre Produkte auch nicht billig sind. Wer sich für ihre breitere Verwendung einsetzen möchte, kann wie die Hanfaktivisten folgenden Werbe-Button tragen: "Hanf kann den Planeten retten." Von Lisa Beckmann, Fotos: gms |