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. . . Llosa: TV bedroht Freiheit

Vargas Llosa wurde der mit 25 000 Mark dotierte Preis in Anwesenheit von Bundespräsident Roman Herzog und mehreren ehemaligen Preisträgern überreicht. "Sein Lebenswerk ist das Plädoyer für eine Kultur der Freiheit und für wahre Gerechtigkeit", heißt es in der Begründung des Stiftungsrats. Mit ungewöhnlicher Zivilcourage kämpfe er für die Zusammengehörigkeit von Politik und Moral.

"Dinosaurier in Anzug und Krawatte"

Der 60jährige Preisträger sagte, gute Literatur helfe dem Menschen, die Wirklichkeit zu verstehen und sogar zu verändern. Mit dieser Ansicht sei er in demokratischen Gesellschaften heute "ein Dinosaurier in Anzug und Krawatte". Hier gelte sie als bedeutungsloser Zeitvertreib. Aber das blutige Vorgehen von Diktatoren und Fanatikern gegen Schriftsteller wie Ken Sarowiwa oder Salman Rushdie zeige, daß Bücher nicht harmlos seien.

Nichts lasse den Menschen die Wurzeln von Grausamkeit und Gewalt so eindringlich erkennen wie gute Bücher. Auch Schriftsteller irrten zwar; manche dienten sogar ideologischen Lügen. Aber wenn Literatur "bis an den Hals in das Leben der Straße" eintauche, dann mache sie die Leser hellsichtiger und freier.

Zuschauer fühlen sich machtlos

Die audiovisuellen Medien dagegen könnten nicht zur Wahrheit vordringen, sagte Vargas Llosa: Sie "sind dazu verurteilt, sich auf der Oberfläche der Dinge zu bewegen". Die Wirklichkeit werde zur "unterhaltsamen Reality-Show, in der manchmal Marsmenschen die Erde erobern oder pikante Intimitäten bekannter Persönlichkeiten enthüllt werden und manchmal die Massengräber der in Srebrenica hingerichteten Bosnier aufgespürt werden". Der Zuschauer fühle sich machtlos, etwas an dem Geschehen auf dem Bildschirm zu ändern. Er wähne sich aus seiner Verantwortung als Staatsbürger entlassen. Vargas Llosa beschwor die Gefahr, daß "die Kultur der Freiheit, die politische Demokratie, durch die Abdankung ihrer Nutznießer verfällt und untergeht". Die Freiheit sei kein Geschenk des Himmels, sondern sie müsse ausgeübt und verteidigt werden. Das könne die Literatur begreiflich machen.

Sanktionen gegen Diktaturen gefordert

Die Regierungen der entwickelten Welt rief der seit langer Zeit in Europa lebende Friedenspreisträger auf, wirtschaftliche und politische Sanktionen gegen Diktaturen zu verhängen. Auf die Investitionen statt auf die Menschenrechtsverletzungen in China, Nigeria oder Kuba zu blicken, sei unmoralisch. Sanktionen hätten zum Beispiel in Südafrika und Chile zum Zusammenbruch der Diktaturen beigetragen. Foto: ap


Last edited: jo@rhein-zeitung.de 12.06.1998 06:37