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  • Mehrere RAF-Mitglieder verbüßen noch Haftstrafen

    Dreimal Lebenslang und ein Freispruch

    RAF-Mitglied Hogefeld wegen Mordes verurteilt - "Menschenverachtend"

    Frankfurt/M (AP) - Mit ihrer Verurteilung zu lebenslanger Haft hatte Birgit Hogefeld gerechnet. "Das Urteil hat von Anfang an festgestanden", sagte die 40jährige unmittelbar vor der Verkündung am Dienstag. Tatsächlich sprach das Oberlandesgericht Frankfurt das RAF-Mitglied des dreifachen Mordes schuldig und stellte fest, wegen der "menschenverachtenden Gesinnung" bei der Tötung des jungen US-Soldaten Edward Pimental wiege ihre Schuld besonders schwer. Doch dann kam die Überraschung: "Im übrigen wird die Angeklagte freigesprochen."

    Keine Mittäterschaft bei der Tötung des Polizisten Michael Newrzella in Bad Kleinen! Hogefeld und ihr Verteidiger Bernhard Fresenius schauten sich erstaunt an; aus den Reihen ihrer Freunde im Zuschauerraum erscholl Gemurmel. Kein Zwischenruf wurde mehr laut, als der Vorsitzende Richter Erich Schieferstein die Entscheidung erklärte. Die Beweisaufnahme habe unzweifelhaft ergeben, daß Hogefelds Lebensgefährte Wolfgang Grams im Juni 1993 auf dem Bahnhof der Stadt den Kommissar Michael Newrzella erschossen habe. Aber die Bundesanwaltschaft hatte Hogefeld "Mittäterschaft nach gemeinsamem Tatplan" vorgeworfen: Sie hätten verabredet, sich bei einer Festnahme den Fluchtweg freizuschießen, und Hogefeld habe eine durchgeladene Browning in der Tasche gehabt.

    Dieser Mordvorwurf löste in dem zweijährigen Prozeß immer wieder heftige Wortwechsel aus und war auch in den Medien kritisch kommentiert worden. Schieferstein betonte nun, Hogefeld habe bei ihrer Festnahme keinen Widerstand geleistet. Sie habe bereits gefesselt am Boden gelegen, als Grams das Feuer eröffnete. Deshalb sei zweifelhaft, ob sie die tödlichen Schüsse gebilligt habe.

    Ein Flirt lockte das Opfer in den Wald

    Dagegen sei Hogefeld bei der Ermordung Pimentals und bei dem Anschlag auf die US-Airbase im August 1985 zweifelsfrei Mittäterin gewesen. Sie habe den jungen Soldaten mit der Aussicht auf ein Liebesabenteuer aus einer Wiesbadener Diskothek gelockt, sagte der Richter. Das hätten Aussagen mehrerer Zeugen zweifelsfrei ergeben. Pimental war dann in einem Wald in den Hinterkopf geschossen worden. Einziges Ziel der Mörder war es einem Bekennerschreiben der RAF zufolge, seinen Ausweis zu bekommen.

    Mit diesem Ausweis hat ein männliches RAF-Mitglied am folgenden Tag einen VW-Passat mit 240 Kilogramm Sprengstoff auf dem Gelände des Stützpunktes abgestellt. Bei der Explosion wurde einem Soldaten Gesicht und Bauch, einer Zivilangestellten der Schädel von Splittern aufgerissen; beide starben wenig später. Eine Soldatin und ein weiterer Soldat überlebten verstümmelt. Hogefelds Unterschrift unter dem Kaufvertrag des VW-Passats und die Aussagen des Verkäufers bewiesen ihre Mittäterschaft, so der Senat.

    Hogefeld hörte der Begründung zu, lutschte Eisbonbons und schüttelte immer wieder den Kopf. Ihre Mitgliedschaft zur RAF habe sie nie bestritten, hatte sie Journalisten noch am Morgen gesagt - aber für eine Beteiligung an diesen Taten "ist kein Beweis erbracht worden". Als Schieferstein Zeugenaussagen wiedergab, die Hogefeld zutreffend als schmallippig, klein und eher schmächtig beschrieben hätten, lachte der Verteidiger auf: "Klein und schmächtig!"

    Maschinenpistole klemmte

    Wegen der Tatkomplexe Pimental und Airbase erkannte das Gericht zweimal auf lebenslange Haft. Ein drittes Mal lebenslänglich erhielt sie wegen des Anschlags auf den Finanzstaatssekretär Hans Tietmeyer im September 1988 in Bonn. Die Täter hatten seinem Auto aufgelauert und auf seinen Fahrer vier Schüsse abgefeuert. Die Opfer entkamen dem geplanten Mord nur, weil eine Maschinenpistole klemmte - so ein RAF-Bekennerschreiben. Hogefeld hatte das Tatfahrzeug gemietet, ergab ein Schriftgutachten.

    Ihre Beteiligung an der Sprengung des Gefängnis-Neubaus in Weiterstadt im März 1993 wurde zum einen von dem sichergestellten Briefwechsel mit ihrer Mutter beweisen. Sie wisse doch, daß "so 'ne Aktion total viel Arbeit macht", hieß es in einem Brief der Tochter. Zum anderen seien Fasern ihrer blauen Jogginghose in dem VW-Transporter sichergestellt worden, in dem das RAF-Kommando zum Tatort fuhr. Bei dem Anschlag auf das als Muster für den fortschrittlichen Justizvollzug geplante Gefängnis entstand ein Schaden von 116 Millionen Mark.

    Hogefeld wurde am Abend in die überfüllte Vollzugsanstalt Frankfurt-Preungesheim gebracht. Dreimal lebenslänglich bei besonders schwerer Schuld lassen ihr wenig Hoffnung, in den nächsten 20 Jahren wieder aus dem Gefängnis zu kommen. Foto: AP


  • Last edited: aj@rhein-zeitung.de 12.06.1998 06:36