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"Razorblade Suitcase":

Seattle-Sound aus London

Die britische Band Bush wird in den USA gefeiert - Zweites Album

Frankfurt/New York (AP) - Ganz klar, diese Band kommt aus Seattle. Zumindest handelt es sich um eine amerikanische Grunge-Band. Oder Post-Grunge? Die Musik ist jedenfalls so amerikanisch wie Apple Pie. So denkt fast jeder, der die Platten von Bush zum erstenmal hört. Und es ist sicher kein Zufall, daß das Quartett in den vergangenen zwei Jahren seine größten Erfolge in den USA feierte.

Doch Sänger Gavin Rossdale, Gitarrist Nigel Pulsford, Bassist Dave Parsons und Schlagzeuger Robin Goodridge tragen weder Holzfällerhemden noch besitzen sie amerikanische Pässe. Die Band mit dem Seattle-Sound stammt aus London. Mit ihrem zweiten Album "Razorblade Suitcase" scheint es ihnen zu ergehen wie mit dem Vorgänger "Sixteen Stone".

Gerade erschienen, schnellte die Platte auf Platz eins der US-Charts. Bush zieren die Titelseiten amerikanischer Musikmagazine, Sänger Gavin gibt Interviews in US-Talkshows. Bei den MTV Music Awards wurden sie kürzlich mit dem "Viewers Choice"-Preis ausgezeichnet. Im "New Musical Express" dagegen, einer der maßgebenden englischen Musikzeitschriften, findet sich kein Wort über Bush. In den britischen Charts liegt das Album nicht mal unter den Top Fifty. Für etwas härtere Rockbands scheint im Zeitalter von Britpop, TripHop und Drum'n'Bass in Großbritannien kein rechter Platz mehr zu sein.

"Frag am besten Steve"

"Nein, offenbar nicht", meint Gavin Rossdale im AP-Gespräch und lacht dabei. "Ich finde das gar nicht so schlecht. Wir werden zum Beispiel nicht so häufig in der Öffentlichkeit erkannt. Und das macht das Leben einfacher." Rossdale klingt etwas verknautscht, der 29jährige ist müde, weil es am Vorabend spät wurde - er war bei einem Tricky-Konzert. Auch wenn man es seinen eigenen Songs nicht anhört, der fotogene Frontmann von Bush steht auf den Godfather of TripHop und Trickys Sängerin Martina, vor allem aber auf Reggae. "Ich habe immer viel Reggae gehört - Bob Marley, Peter Tosh, Linton Kwesi Johnson, und Dub, Stücke von King Tubby, das mag ich sehr."

Wer "Sixteen Stone" und "Razorblade Suitcase" hört, denkt unweigerlich an ein anderes musikalisches Vorbild: Kurt Cobain, mit dem Rossdale zumindest stimmlich immer wieder verglichen worden ist. Der Vergleich geht Rossdale auf die Nerven, aber er wird ihn auch mit dem neuen Album nicht abschütteln können. Dies trifft umso mehr zu, da "Razorblade Suitcase" von Steve Albini produziert wurde, der auch als Produzent des Nirvana-Klassikers "In Utero" verantwortlich zeichnete. Mit Albini zu arbeiten, war nach Rossdales Worten "sehr, sehr cool - wenn Du eine Rockband hast und eine gute Aufnahme machen willst, fragst Du am besten Steve."

Im Februar auf Tournee in Deutschland

Wie auf dem Vorgänger stammen auch auf "Razorblade Suitcase" Musik und Texte aus Rossdales Feder. Es sind Texte, die sich nicht beim ersten Hören erschließen, wunderschöne Metaphern wie "I'm screaming daisies". Schreiben kann Rossdale nur, wenn er allein ist. "Ich kann dann niemanden um mich haben, es macht mich verrückt. Ich brauche völlige Klarheit und Raum zum Denken." Musikalisch bleiben Bush ihrem zugleich melodischen und aggressiven Stil treu, aber sie klingen ausgefeilter und rauher als bisher.

Die Aufnahmen für die 14 Stücke des neuen Albums waren binnen drei Wochen im Kasten. Für "Sixteen Stone" brauchte die Band immerhin zwei Monate. Was auch daran lag, daß zwei Todesfälle die Arbeit an der Platte überschatteten. Kurz vor den Aufnahmen starb der Vater von Gitarrist Nigel und am Ende Gavin Rossdales Stiefvater. "Das war wirklich sehr hart", erinnert sich der Sänger. "Diesmal ist wenigstens niemand gestorben...".

Seit zweieinhalb Jahren unterwegs

Das Debütalbum hat sich bis heute weltweit rund sieben Millionen mal verkauft. Nicht nur in den USA, sondern auch in Kanada und Australien landeten Bush auf Nummer eins der Charts, wie Rossdale betont. Dafür hat die Band aber auch geschuftet: Auf ihrer letzten US-Tour gaben sie 230 Konzerte. Seit zweieinhalb Jahren seien sie praktisch ununterbrochen auf Tour, meint Rossdale. "Ich war schon so lange nicht mehr zu Hause - es ist einfach verrückt." Daran wird sich vorerst wohl nichts ändern. Nach den Promotion-Terminen für das neue Album geht die Band erneut auf Tournee.

Im Februar spielen sie in Deutschland: 9.2. Offenbach, 10.2. Hamburg, 16.2. Berlin, 17.2. Köln, 18.2. Stuttgart, 19.2. München. Foto: AP


Letzte Änderung: 12.06.1998 06:37 von aj