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Andrea Bocelli:

Blinder Tenor stürmt die Pop-Charts

Hamburg (gms) - Längst gilt er als einer der besten Tenöre der Welt, seine Stimme begeistert sogar Luciano Pavarotti - doch in Deutschland ist Andrea Bocelli erst seit dem Abend des 23. November ein Star. An diesem Tag trat der blinde Tenor aus Italien an den Boxring, sang zusammen mit Sarah Brightman "Time to say Goodbye", die Abschiedshymne vor dem letzten Kampf des Box-Idols Henry Maskes.

Danach geschah das eigentlich Sensationelle: Erst stürmte der Tenor mit dem Maske-Song die Single-Charts, dann hält er den ersten Platz seit Wochen vor den Popstars der Welt. Und seit Mittwoch steht nun auch noch die CD "Bocelli" auf Platz eins der Alben-Hitparade. Bekannte Namen wie die Kelly Family, Phil Collins oder auch Die Toten Hosen reihen sich dahinter ein.

Geschulte Stimme für unterschiedliche Geschmäcker

Ein Opernsänger als Popstar - das hatte bisher zu einem gewissen Grad nur Bocelli-Fan Pavarotti geschafft. Doch wohl noch nie hat eine geschulte Stimme auch und vor allem junge Käufer dazu gebracht, die Regale der Plattengeschäfte räumen. Das Erfolgsrezept? Da gibt es eine Reihe von Zutaten, meint Wolfgang Schleiter, General-Manager bei Bocellis Plattenfirma Polydor in Hamburg. "Der Titel 'Time to say Goddbye' und die Interpreten sind außergewöhnlich gut. Hinzu kommt, daß das Lied Menschen mit unterschiedlichstem Geschmack anspricht." Und der Boxkampf war natürlich gute Werbung.

Für Bocelli selber sind Hitparaden-Erfolge eher zweitrangig. Als ihm vor Wochen berichtet wurde, daß seine Single sich auf Platz 56 befand, fand er das zwar toll. ,"Er sagte aber im gleichen Atemzug, ihm käme es im Grunde nur darauf an, daß die Menschen seine Musik hören und mögen", erzählt Polydor-Sprecherin Bettina Greve.

"Fast jeder hat ein Handicap, meins ist es blind zu sein"

Der Tenor und seine Karriere sind kaum mit den üblichen Maßstäben zu messen. Wobei Bocellis Blindheit nur ein Punkt ist. "Fast jeder hat ein Handicap, meins ist es blind zu sein", sagt Andrea Bocelli, wenn er auf sein Augenlicht angesprochen wird. Er hat den größten Teil seines Lebens in Dunkelheit verbracht. Schon im Kindesalter des 1958 geborenen Sängers schwand die Sehkraft durch eine Krankheit - im Alter von zwölf Jahren war er völlig erblindet. Heute fährt Bocelli Ski, reitet und bewegt sich sicher und ohne Hilfe auf seinem Grundstück in der Toskana. Hier verbringt der Sänger die mittlerweile rare freie Zeit mit Ehefrau Enrica und dem eineinhalbjährigen Sohn Amos.

Ungewöhnlich ist auch der Weg des 38jährigen zum Gesangsstar. Die Musik hatte er zwar schon mit sieben Jahren entdeckt. Zuerst war es allerdings das Klavier, das ihn faszinierte. Später, als Jurastudent, jobbte Bocelli dann als Pianospieler in Bars, lernte nebenher noch Flöte und Saxophon zu beherrschen. Danach erst begann er sein heute wichtigstes Instrument, die Stimme, zu perfektionieren und nahm Gesangsunterricht.

Entdeckt von Zucchero

Entdeckt wurde das Talent dann von dem italienischen Popstar Zucchero. Ihn begleitete Bocelli 1993 auf einer Europatournee. Dann ging es quasi Schlag auf Schlag. Auf der Tour lernte Bocelli seinen späteren Manager kennen, verfeinerte sein Gesangstalent im gleichen Sommer unter Anleitung von Franco Corelli - der gleichzeitig Pavarottis Mentor ist. Im November des Jahres kommt es dann zum mittlerweile fast schon legendären Auftritt Andrea Bocellis auf dem bekannten San-Remo-Festival - er siegt in der Kategorie "Neue Talente" mit einem nie dagewesenen Vorsprung.

Abschluß des Erfolgsjahres ist Bocellis offizielles Operndebut. 1994 geht der Aufstieg weiter: Das erste Album "Il Mare Calmo Della Sera" erscheint, hält sich sechs Monate in den italienischen Charts. Im September dann die Teilnahme an der "Pavarotti International Show" in Modena. Andrea Bocelli singt zusammen mit Pavarotti, Anita Baker und Bryan Adams den Mega-Hit "All for Love".

Am liebsten "alleine mit der Stimme lauter als das Orchester"

Der Auftritt ist im Grunde typisch für Bocelli - für ihn sind Pop und Klassik nicht zwei unvereinbare Welten. Auch wenn er schon als Nachfolger Pavarottis gehandelt wird, will der Iatliener auch künftig Popmusik machen, wie schon mit Zucchero oder auf seinem Nummer-eins-Album "Bocelli". Überhaupt reagiert Andrea Bocelli auf den Vergleich mit dem großen Sänger verlegen. Es sei noch viel zu früh für einen Vergleich, sagte er einmal. Und gesteht aber auch, daß er einmal so gut werden will, wie das große Vorbild.

Einen Unterschied zwischen Pop und Klassik gibt es auch für Bocelli - und zwar fast den gleichen, den normale Musikhörer fühlen. Pop, meint er, singe er eher instinktiv. Der Klassik begegne er mit Ehrfurcht. Beides allerdings singt Andrea Bocelli am liebsten live vor dem Publkum. Denn für ihn gibt es als Sänger nichts schöneres, als "vor einem vollen Haus zu singen und alleine mit der Stimme lauter zu sein als das Orchester". Und das könne selbst der größte Erfolg in den Hitparaden nicht ersetzen, sagt Bocelli. Fotos: dpa


Letzte Änderung: 12.06.1998 06:37 von aj