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Aldi-Erpresser:

Dagobert war das große Vorbild

Brüderpaar wollte von Discounter drei Millionen Mark - Prozeßbeginn

Essen (AP) - Deutschlands berühmtester Kaufhauserpresser Dagobert war das Vorbild zweier Hallenser Brüder, die im vergangenen Frühjahr die Discount-Kette Aldi um drei Millionen Mark erpressen wollten. "Ich habe einen Film über Dagobert gesehen und gedacht: Das kannst du auch", gestand am Freitag der 23jährige Christian Baisch vor dem Essener Landgericht.


Von der Idee zur Tat war es nicht weit. Christian und sein 27jähriger Bruder Rene deponierten nach eigenem Eingeständnis im April und Mai vergangenen Jahres insgesamt vier Sprengsätze in Aldi-Läden in Leipzig, Halle, Braunschweig und Celle. Versteckt waren sie in Orangensafttüten und einer Quarkpackung. Drei von ihnen explodierten während der Öffnungszeiten in den Geschäften, eine weitere in der Wohnung eines Kunden. Doch kam niemand ernsthaft zu Schaden. In Briefen an den Aldi-Konzern forderten die Brüder zunächst 2,13 Millionen, später nach einer gescheiterten Geldübergabe erhöhten sie ihre Forderung auf drei Millionen Mark.

Bieder und verschämt

Im Gerichtssaal in Essen wirkten die Brüder beim Prozeßauftakt bieder, ja verschämt. Doch bei der Erpressung hatten sie sich als Tüftler mit Hang zur Perfektion erwiesen. Ihr erster Brief an Aldi trug die Überschrift "Erpresserschreiben" und endete mit dem Gruß "Auf gute Zusammenarbeit". Um die Übergabe des Erpressergeldes zu gewährleisten, schickten sie der Polizei per Taxi eine funkgesteuerte Abwurfvorrichtung mit der die Millionen wasserdicht verpackt und in gebrauchten Scheinen an einem Intercity befestigt werden sollten. Beigelegt war der zur Befestigung benötigte Klebstoff.

Weniger Gedanken hatten sich die Perfektionisten allerdings offenbar über mögliche Folgen der Anschläge gemacht. "Haben Sie nicht gedacht, daß jemand zu schaden kommen könnte", fragte der Vorsitzende Richter Rudolf Esders. Nein, war die leise Antwort der Brüder.

Mit dem Geld sollte eine Gaststätte aufgemacht werden

Die Zukunftspläne nach dem Coup waren eher bodenständig. Mit ihrer Beute wollten die Brüder Rene zufolge ein bis zwei Jahre nach dem Coup eine Gaststätte in ihrer Heimatstadt aufmachen. Sparsamkeit hatten sie schon bei ihrem ersten Erpresserbrief bewiesen. "Frankiert habe ich ihn nicht, ich wollte Geld sparen", sagte Christian. Die Flucht war bestens vorbereitet. In Stendal hatten die Brüder eine Erdhöhle für eine Übernachtung vorbereitet und ein Fluchtschlauchboot deponiert.

Doch kam es dazu nicht, da es der Polizei gelang, kurz vor der geplanten zweiten Geldübergabe die Spur der beim Bombenbau verwendeten Teile zu den Brüdern zurückzuverfolgen. Von einem Spezialeinsatzkommando wurden sie sturzbetrunken in ihrem Auto schlafend in Halle überwältigt. Das Auto entpuppte sich bei der Durchsuchung als "mobiles Erpresserbüro".

Urteil möglicherweise am Dienstag

Das Hantieren mit Sprengstoff hatte bei den Brüdern Tradition. Rene hatte als 18jähriger beim Hantieren mit einem selbstgebauten Silvesterknaller einige Fingerglieder verloren. Christian hatte vor dem Erpressungscoup bereits zwei Sparkassenüberfälle begangen.

Der 27jährige Rene sagte vor Gericht, er wisse eigentlich selber nicht genau, warum er bei der Tat mitgemacht habe. "Ich hatte Arbeit. Ich hatte alles. Ich wollte nur eine Möglichkeit, aus dem Trott rauszukommen." Sein jüngerer Brüder erklärte, Rene habe zwischendurch die Erpressung abbrechen wollen. Doch er habe ihn überredet weiterzumachen. Das Urteil wird möglicherweise am Dienstag gesprochen. Fotos: dpa


Letzte Änderung: 08.04.1997 18:07 von aj