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"Die Abmeldung geht ganz schnell"

Boris Becker fühlt sich schikaniert und will Deutschland den Rücken kehren

Hamburg (dpa) - Boris Becker ist verärgert und will Deutschland womöglich schon in den kommenden Monaten den Rücken kehren. Der Tennis-Star fühlt sich durch das Vorgehen der Steuerbehörden schikaniert und droht mit Konsequenzen. "Ich könnte meine Steuern auch woanders zahlen. Mein Beruf ist nicht abhängig von meinem Wohnsitz. Ich bin aus privaten Gründen in München und selbstverständlich bereit, dafür meinen Preis zu zahlen - aber das Faß darf nicht überlaufen", sagte der Wahl-Münchner in einem Interview des Hamburger Magazins "Der Spiegel". Und: "Die Kuh Boris Becker, die man melken will, sollte man nicht unbedingt schlachten oder fortjagen. Ich muß 1997 nicht in Deutschland wohnen, die Abmeldung geht ganz schnell, und dann gehen dem Finanzamt Millionen verloren." Sportlich hat der 29jährige dreimalige Wimbledon-Sieger und ATP-Weltmeister einen schönen Traum: Abschied als Nummer eins der Welt - mit dem letzten Aufschlag.

Kurz vor Weihnachten hatten die Münchner Finanzbehörden Beckers Haus in München durchsucht. Dabei soll es um den Verdacht der Steuerhinterziehung von Becker und dessen früherem Manager Ion Tiriac aus den Jahren 1990 bis 1993 gegangen sein. Der Tennis-Star ist sich keiner Schuld bewußt: "Meine Steuererklärungen wurden von Fachanwälten erstellt, denen alle Hintergründe im Detail bekannt waren. Mir wurde immer wieder versichert, daß alles ordnungsgemäß und den Behörden offengelegt sei." Becker ist "sicher, daß die Vorwürfe der Münchner Finanzbeamten wie ein Kartenhaus zusammenfallen werden".

"Nacht- und Nebelaktion der Steuerbehörden"

Auf die Frage, ob er sich schikaniert fühle, sagte Becker: "Lassen Sie es mich emotionslos sagen: Ich war die letzten zwei Monate fast ausschließlich in Deutschland und habe immer offen erklärt, daß ich über Weihnachten nach Florida fliege. Jeder wußte also, wann ich zu Hause war und wann nicht. Man hätte mit mir oder meinen Vertretern reden können. Natürlich habe ich nichts dagegen, daß Steuerzahler überprüft werden. Aber es gab keine Nachfrage, kein Schreiben. Daß dann drei Tage vor Weihnachten, als ich weg war, in einer Nacht- und Nebel-Aktion mein Haus und mein Büro auf den Kopf gestellt und Unterlagen - auch höchst private - beschlagnahmt und meine Eltern wie Komplizen eines Kriminellen überprüft wurden, ist zuviel des Guten. Und daß trotz des angeblichen Steuergeheimnisses zwei Stunden nach der Fahndungsaktion vier Tageszeitungen davon wußten, spricht für sich." Die Möglichkeit, daß man über ihn an Tiriac herankommen wolle, schloß Becker zumindest nicht aus. "Weiß ich nicht." Becker hatte sich vor vier Jahren von Tiriac getrennt.

Becker träumt immer noch davon, wieder die Nummer eins der Welt zu sein: "Solange ich Tennis spiele, ist das der ultimative Traum. Ich bin froh, daß ich es schon war, aber ein bißchen kurz war die Zeit schon - zwölf Wochen. Spielerisch habe ich es drauf, und in den nächsten sechs Monaten ist vieles möglich. Ich mache mich deshalb nicht verrückt, aber ich weiß, am Ende könnte die Nummer eins stehen." In dem in Miami, wo sich Becker in diesen Tagen auf die Australien Open vorbereitet, geführten Gespräch, dachte der Tennisspieler auch einen baldigen Rücktritt an: "Bei mir geht es ruckizucki." Seine Wunschvorstellung: "Vor dem Matchball gegen Sampras in Wimbledon, der mich zur Nummer eins machen wird, sage ich: Boris, dies ist dein letzter Aufschlag." Der 29jährige verteidigte seine Absage für das deutsche Daviscup- Auswärtsspiel in Spanien: "Ich habe nur für die erste Runde abgesagt. In Spanien, auf Sand, bin ich keine Verstärkung. Das ist keine Ausrede, sondern leider die Wahrheit."

"Noah würde mit Problemen konfrontiert, die nicht seine sind"

Becker bestätigte noch einmal seine Ankündigung, unabhängig von den Ermittlungen der Steuerbehörden in den nächsten Jahren ins Ausland zu ziehen. "Mein Sohn soll zumindest eine Chance bekommen, in Ruhe aufzuwachsen", sagte er, "wir haben die ersten drei Jahre hervorragend überstanden: Noah ist in dem Trubel nicht verrückt geworden und vom dauernden Jetlag nicht geschädigt. Er ist ein ganz normaler Junge - aber wenn die Schulzeit anfängt, würde er in Deutschland mit Problemen konfrontiert, die nicht seine sind, sondern die seiner Eltern. Da würde er per se in der Ecke stehen: Er hat sehr bekannte Eltern und sieht dazu nicht aus wie ein weißes Kind. In Leimen gibt es keine Schwarzen, und in München gibt es nur wenige, von der Politik mal abgesehen." New York, Paris und London sind für Becker Alternativen.

Auf die Frage, ob er in Deutschland offen Rassismus spüre, sagte der gebürtige Leimener: "In München weniger, weil meine Frau dort bekannt ist. Trotzdem kommt es vor, daß sie, wenn sie in teure Geschäfte geht, angesprochen wird: 'die billigen Sachen sind vorne links.' Am nächsten Tage gehe ich hin, und man entschuldigt sich." Eines steht für Becker fest: "Spätestens ist in drei Jahren Schluß, wenn mein Sohn eingeschult wird." Frühere Ambitionen, nach dem Ende seiner Karriere in Deutschland in die Politik einzusteigen, hat Becker ad acta gelegt: "Politiker verändern viel zu wenig und dürfen kaum die Wahrheit sagen, weil sie dann nicht gewählt werden. Das ist nicht meine Welt. Ich muß mich schon als Tennisspieler manchmal dümmer stellen, als ich bin."


Letzte Änderung: 08.04.1997 18:07 von jp